Das erste Licht

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An einem frühen Morgen im Dezember, noch ehe die Sonne ganz aus ihrem Nachtbett geklettert war, erwachte in dem kleinen Dorf Nirfang der Alltag reichlich früher, als es üblich war, denn an diesem Tage im Dezember sollte nicht viel mehr und nicht viel weniger geschehen als die Auswahl des ersten Lichtreisenden. Und so kam es, dass die Nirfanger in aller Frühe aus ihren Betten aufstanden, sich die warmen Röcke überwarfen und frühstückten, um die Arbeiten, die sonst zwei Stunden später begannen, rechtzeitig zur Zeremonie beendet zu haben. Reges Treiben ging in den grellen Morgenstrahlen um, die zwischen den verschneiten Blockhäusern blendend über den zertretenen Schnee fielen und mancherorts meterlange Schatten von hoher Düsternis und arger Kälte warfen.

Almu, ein Junge von inzwischen zwölf Jahren, war an diesem Tag wohl der Letzte, der noch im Bette lag, doch in diesem wundervollen Moment, als eine nirfanger Dame lieblich singend an seinem Zimmer vorüberzog, da stand auch er nun endlich auf. Er streckte und dehnte sich von einer Müdigkeit eingehüllt, die er seiner Aufregung ob des heutigen Tages zu verdanken hatte, wegen der er zu spätester Stunde erst eingeschlummert war – oder man sollte sagen: zu frühester, denn es war bereits nach Mitternacht gewesen. Am heutigen Tage sollte das Kind für die Lichtreise auserwählt werden, ein Ereignis, auf dass sich alle Kinder Nirfangs gleichermaßen freuten. Almu war bisher noch nie ausgewählt worden und hoffte daher auf ein Wunder.

Langsam schlüpfte er in seine warmen Pantoffeln und schritt zum Fenster hin, vor dem die schweren Läden hingen und das Zimmer in Dunkelheit einfingen. Mit einem Finger hob er den Riegel an, drückte hernach kraftvoll die Fensterläden nach draußen, um die frische Morgenluft durch die glaslose Öffnung hineinzulassen. Die Eiseskälte zog sofort unter seine Nachtbekleidung, erzitterte den ganzen Leib, sodass die Härchen aufrecht standen. Draußen, über den schneebedeckten Dächern und in den Straßen und Gärten unten, fiel ein leichter Schnee, verwirbelt hier und da von einem weichen Windhauch. Drüben bei den Bäumen des großen Nadelwaldes, an dessen Rande sich das Dorf an einen kleinen Hang anschmiegte, war der fallende Schnee so dicht, dass er wie Nebelschwaden die Sicht des Jungen schwächte. Die Sonne drang kräftig durch ein Loch in der weißen Wolkendecke, die sich offenbar bereits im Osten lichtete.

Auf der Fensterbank stand eine Öllaterne, deren Licht Almu mit einem Zündholze entfachte. Als die Winterkälte ihm daraufhin zu eisig wurde, zog er die Holzläden wieder heran und verschloss sie fest. Von einem Haken an der Türe nahm er einen dicken langen Morgenmantel, den er sich ob des Frierens rasch überzog, ehe er die breite Treppe in die Stube hinabstapfte. Der Vater setzte sich gerade auf einen Stuhl am Tisch zu seiner Frau, als Almu dazukam und den fürs Frühstück längst gedeckten Tisch betrachtete. In einem Topf über der Feuerstelle köchelte bereits die Morgensuppe, die der Familie über den Tag hinweg den Magen wärmen sollte.

Guten Morgen, mein Schatz“, sagte Eridna sogleich und erhob sich ein Stück, um sich zu ihrem Sohne vorzubeugen und ihm einen liebevollen Kuss auf die Stirn zu geben.

Guten Morgen“, erwiderte Almu darauf und setzte sich dazu.

Malko lächelte seinem Jungen nur freundlich zu und fragte dann: „Bist du schon aufgeregt?“

Ich konnte kaum schlafen deswegen“, antwortete Almu, „Und jetzt bin ich müde. Und trotzdem so aufgeregt. Es ist immerhin ein ganz besonderer Tag heut. Ich hoffe so sehr, dass ich dieses Jahr auserwählt werde, denn nächstes Jahr werde ich zu alt dafür sein.“

Dann wundert es nicht, dass du aufgeregt bist“, schloss der Vater daraus.

Zwölf ist ein magisches Alter und Unna hat noch jedes Kind im Dorf irgendwann berücksichtigt. Ich bin sicher, dass es dieses Jahr klappen wird. Wenn nicht heute, dann an einem der drei anderen Tage“, beruhigte ihn Eridna.

Malko stand auf, ging zum Topf über der Feuerstelle des Kamins und rührte in der Suppe, ehe er einen Happen abschmeckte und sich der Familie zuwandte: „Sie ist fertig. Wir können essen“, sprach er und nahm die Teller an, die seine Frau ihm vom Tisch her reichte.

Beim Frühstück, indes die köstliche Suppe in ihre Mägen drang und den ganzen Körper von dort aus erwärmte, begann Malko zu erzählen: „Ich war acht Jahre alt, als ich zur Lichtreise ausgewählt wurde. Unna war damals schon so alt wie heute, glaube ich“, scherzte er und Eridna stimmte ihm dabei lachend zu, „Es war eine unglaubliche Reise, auch wenn die großen Abenteurer dieser Welt sie womöglich als langweilig empfänden. Nein, es war großartig! So ganz allein mit Esel und Karren durch die Wüste jenseits der baumlosen Weite zu wandern. Und als ich das Licht entzündete, … es war nur eine Kerze, eine große und besonders schöne, aber dennoch nur eine Kerze, wie jede in unserem Haus. Und trotzdem war es ein magischer Moment, denn ich wusste, ich hatte die Kerze der Lichtreise entzündet und dem Dorf damit ein weiteres gutes Jahr beschert.“

Ja, es ist wirklich ein magischer Moment“, schwelgte auch Eridna in Erinnerungen.

Als ich zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. In mir, im ganzen Dorf. Ich war sicher, nach einer derartigen Reise könnte mir nichts mehr zu schwierig werden“, schloss Malko seine Erzählung, der Almu sehr aufmerksam gelauscht hatte.

Was ist mit dem Eremiten?“, fragte der Junge.

Ach, Almu, du weißt, über ihn reden wir nicht“, mahnte der Vater in sanftem Ton.

Warum eigentlich nicht? Es ist in Ordnung, über die Reise zu sprechen, aber über den Eremiten verliert keiner ein Wort“, fragte der Junge weiter.

Das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht“, erwiderte Malko nachdenklich, denn darüber hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.

Ich glaube ja, der alte Eremit will den Kindern, die zu ihm kommen, die Spannung nicht nehmen. Nicht zu wissen, wer einen dort erwartet, ist vermutlich der spannendste Teil der Reise. Nach der Entzündung der Kerze, natürlich“, entgegnete Eridna.

Na, du musst es wissen, Schatz! Du hast von uns allen ja am meisten Zeit bei ihm verbracht!“, sprach Malko und lachte.

Almu sah seine Mutter fragend an: „Bist du so lange bei ihm geblieben?“

Hast du es vergessen, mein Sohn?“, fragte Eridna überrascht, „Ich halte den Rekord für die schnellste aller Reisen zum Eremiten hin. Ich hatte ihn am Abend des zweiten Tages bereits erreicht und die restliche Zeit bis zum Entzünden der Kerze musste ich eben bei ihm warten.“

Nun fiel es Almu wieder ein. Seine Mutter prahlte selten damit, meist nur, wenn sie darauf angesprochen wurde, deshalb war es ihm vermutlich entfallen. Aber ja, jetzt erinnerte er sich: Eridna hatte viel Zeit beim Eremiten verbracht, und nachher erzählt, dass ihr dabei so langweilig wurde, dass der Alte anfing, ihr Geschichten zu erzählen. Geschichten, wohl gemerkt, die sie nach Almus Geburt ihrem Sohn erzählen konnte, weshalb sie auch von allen Bewohnern Nirfangs diejenige mit den fantasievollsten und schönsten Geschichten war.

Ich wüsste trotzdem gerne, wie es bei ihm ist“, meinte Almu aufgeregt.

Das dürfen wir dir nicht erzählen“, blieb Eridna streng mit der Einhaltung dieser ungeschriebenen Gesetzmäßigkeit, die Tradition wohl, dass niemand über den Ort und den Eremiten sprechen sollte, wobei es erlaubt war – ja, eigentlich sogar höchst erwünscht – von besonderen Begebenheiten der Reise sehr wohl jedem zu erzählen.

Aber“, begann Malko mitfühlend, „Falls es so kommen sollte, dass du dieses Jahr nicht ausgewählt wirst, dann können wir eine Ausnahme machen, denke ich.“

Nach dem Frühstück zogen sich Eridna, Malko und Almu die dicke Winterkleidung an und verließen das Haus, an dessen hölzernen Wänden aus kräftigen übereinander liegenden Baumstämmen sich Schnee gesammelt hatte und zudem kleine Eiszapfen hinunter hingen. Am Dach, das tief über die zweite Etage ragte, waren größere Eiszapfen festgefroren und glitzerten im grellen Licht der Morgensonne, die nun zur Gänze aufgegangen war, wenn sie auch noch nahe am Horizont sich befand. Die Wolkendecke hatte sich in der Zwischenzeit in ein diesiges Nebelgebilde gewandelt und ließ nur noch wenige Flocken fallen.

So schlenderte die Familie durch die Straßen, begegnete anderen Familien, die dasselbe Ziel hatten: der Steinkreis. Dieser befand sich am Rand des Dorfes und war umgeben von wenigen Nadelbäumen des Waldes, hinter denen die baumlose Weite sich erstreckte. Aus kegelförmigen großen Steinen mit gleichmäßigen Abständen war auf einer kleinen Lichtung ein Kreis aus Steinen angebracht worden, und das schon vor vielen hundert Jahren. Die Steine waren kaum höher als das Knie eines Erwachsenen reichte, und unter der auf ihnen liegenden Schneedecke, waren Ritzungen eingebracht, die verwaschen aussahen, weil sie ebenso alt waren, wie der Kreis an sich. Dort angekommen konnte Almu durch die wenigen Bäume hindurch schon die riesige weite Schneedecke erkennen, die sich jenseits des Waldes erstreckte und auf der nur selten ein paar Sträucher wuchsen, denen die Kälte nicht gar so viel ausmachte.

Almus Aufregung wurde unermesslich groß, als er in der Mitte des Steinkreises die Älteste an ihrem Kessel stehen sah. Er hatte nur wenig Hoffnung, von ihr noch auserwählt zu werden, aber das bisschen, das übrig war, machte ihn ungemein nervös. Almu beobachtete die Älteste Unna, wie sie mit einem Kranz aus Tannenzweigen auf dem Kopf am Kessel stand und mit ihrem Schöpflöffel langsam darin rührte. „Mama, was meinst du, wie lange sie schon da ist und das Gebräu kocht?“, fragte er mit bebender Stimme, was Eridna sehr wohl aufgefallen war.

Unna beginnt um Mitternacht mit dem Brauen, wie jedes Jahr“, antwortete sie und schob ihren Sohn nach vorn, damit er sich in die Reihen der Kinder stellte.

Almu begab sich also mit schwindendem Mut zu den anderen Kindern, die aufgeregt und staunend dem Ereignis harrten, hoffend, dass sie ausgewählt werden würden. Und dennoch, Almu hatte so wenig Hoffnung, dass er sich nach ganz hinten stellte, fast schon zu den Erwachsenen, die sich dort versammelt hatten und allesamt Kerzen aus ihren Mänteln zogen, die sie entzündeten und mit beiden handschuhgewärmten Händen hielten.

Nach einer Weile ließ Unna, der die neugierigen und erwartungsvollen Blicke der Anwesenden kaum etwas auszumachen schienen, den Schöpflöffel aus der Hand gegen die Kesselwand gleiten. Danach wandte sie sich der Menge zu und begann mit ihrer alljährlichen Zeremonie: „Es ist soweit! Heute soll zum ersten Mal in diesem Jahr eines unserer Kinder auserwählt werden, um die lange Lichtreise anzutreten. Eines unserer Kinder wird mit einer Schachtel Zündhölzer zum alten Eremiten jenseits der Trockenwüste gehen und die erste der vier Kerzen entzünden. Ich habe bereits entschieden“, sprach sie und ließ nun ihren strengen Blick durch die Reihen der Kinder wandern, ehe sie die den Arm hob und auf einen Jungen zeigte, „Du, mein Junge! Komm zu mir.“

Almu war erschrocken, so weit hinten und zudem schon fast versteckt hinter den anderen, hatte er nicht geglaubt, dass dieser Tag jemals kommen würde. Eine kräftige Hand legte sich auf seinen Rücken und schob ihn ein Stück weit an. „Geh schon, Junge“, sprach der Nachbar mit erfreuter Stimme.

So ging Almu im ausbrechenden Jubel der Dorfbewohner voraus und in den Steinkreis hinein. Neben Unna hielt er an. Die alte weise Frau legte gleich den Arm um seine Schultern und meinte leise, sodass es die Umstehenden vermutlich nicht hören konnten: „Ich weiß, du hast lange darauf warten müssen, mein Junge. Bist du denn bereit?“

Ohne langes Überlegen sagte er schlicht und rasch: „Ja!“

Nun dann“, sprach die Alte in freundlichem Tone und deutete mit dem freien Arme zum Kessel hin. Almu folgte der Anweisung, er wusste ja aus all den Jahren als Zuschauer, was von ihm erwartet wurde. So griff er nach dem Löffel, rührte ihn einmal herum und zog ihn gefüllt mit dem klaren dunklen Gebräu heraus. Er trank drei Schlucke, bis ihm auffiel, wie scheußlich es doch schmeckte, aber die Wirkung, von der er gehört hatte, überkam ihn sogleich. Die Kälte des Winters begann in seinem Körper zu verblassen, gleichwohl verblasste auch die Wärme des Frühstücks. Weder Wärme noch Kälte würden ihn in den nächsten Tagen etwas ausmachen können. Er senkte den Löffel zurück in den Kessel, lehnte ihn gegen die Gefäßwand und schaute dann lächelnd vor Freude zu den Umstehenden. Es wurde gerade wahr! Der Traum, ein Lichtreisender zu sein, für den seine Hoffnung beinahe erloschen war, wurde in diesem Augenblick wahr. Er konnte die erfreuten Gesichter seiner Eltern sehen, deren leuchtende Augen auf ihm hafteten.

Die Lichtreise“, erhob Unna die Stimme und gleichsam ihre Arme, „Diese Reise ist gefährlich. Du, Almu, kennst die verschneite Weite da draußen. Ich weiß sehr wohl, dass ihr Kinderchen gerne hinaus geht und dort euren Mut erprobt, aber höre gut zu: Jenseits der Weite liegt die Wüste. Sie zu durchqueren ist etwas anderes. Du darfst die Richtung, in die du gehst, niemals aus den Augen verlieren. Und wenn du doch einmal nicht weiterweißt, dann halte dich stets rechts vom Bärs, dem höchsten Gipfel der Schneeberge.“

Almu sah die Alte ängstlich an. Er wusste selbst, dass viele Kinder bereits mit Blessuren und Wunden, niemals schweren, zurückgekehrt waren, aber keiner war jemals verloren gegangen. Dennoch, eine kleine Angst schlich zu seiner Aufregung, er wollte schließlich nicht versagen.

Mach dir keine Sorgen, Almu!“, sprach die Älteste darauf, „Wir halten die Reisen jedes Jahr und das schon seit über fünfhundert Jahren! Es wird gut gehen.“

Erneut legte Unna einen Arm um Almus Schultern und führte ihn näher zur Menge hin, die ihm ein besinnliches Lied anstimmte. Nicht jeder konnte gut singen, doch das machte nichts. Der Klang des Liedes war warm und schön und vermochte, wie es gedacht war, die Furcht im Lichtreisenden zu mindern.

Als sie das Lied im Schein des Kerzenlichts beendeten, wurde ein Holzkarren mit vorgespanntem Esel herbeigeholt, der schon eine Weile zuvor in der Nähe bereitgestanden hatte. Jeder Einwohner legte eine Decke, warme Kleidung, Holz für eine Feuerchen, Wasser in Kannen oder Lebensmittel darauf, selbst die Kinder legten etwas dazu, wenngleich ihre Gaben nicht immer hilfreich waren, wie ein Zweig oder ein Steinchen, aber das war in Ordnung.

Sobald der Karren bereitet war, sahen alle wieder zu Unna und Almu hin. Feierlich überreichte die Älteste dem Jungen nun eine Schachtel mit Zündhölzern. „Darauf musst du besonders Acht geben“, sprach sie und wünschte ihm dazu alles Gute. Almu ging auf die Menge zu, die eine kerzenlichterleuchtete Gasse formte. Beim Karren standen Eridna und Malko, die ihrem Sohn für die Reise alles erdenklich Gute wünschten und sich mit einer Umarmung von ihm verabschiedeten.

Almu griff nach der Führleine des Halfters, verließ das Dorf Nirfang mit Esel und Karren in Richtung der verschneiten Weite. Vor ihm erstreckte sich eine baumlose weiße Ödnis mit hohem Schnee und jenseits dieser erkannte er einen Schimmer der aufragenden Berge. Das Sonnenlicht war so grell auf dem Schnee, dass es ihn blendete und er einen Moment brauchte, bis er richtig sehen konnte. Als er einige Meter weit gegangen war, drehte er sich noch einmal zu den Häusern seiner Heimat um, die in einem Dunkel – wie es ihm ob des grellen Schnees erschien – zwischen den Nadelbäumen an dem kleinen Hang aufragten. Die Bewohner hatten noch ein weiteres Lied angestimmt, das Almu nur noch summend erreichte, aber er konnte die Feuer der unzähligen Kerzen sehen, die ihm zum Abschied leuchteten.

Er holte tief Luft, wandte sich dann um und marschierte los. Weithin über die Ebene, bis er am Nachmittag in der Ferne die Trockenwüste erkannte. Der Schnee, auf dem er wandelte, wurde weniger, die Decke ward dünner und alsbald erblickte er karge Löcher im Schnee, in denen der anstehende Fels zu sehen war. Der Karren, der sich teilweise schwer durch den Schnee hatte ziehen lassen, wurde schneller, je weniger die weiße Kälte wurde, und lauter, je mehr sich die Räder auf dem harten Fels bewegten. Nun, gegen Abend, war er am Rande der Wüste angekommen: Weithin erstreckte sich unter dem wolkenlosen Himmel eine flache felsige Landschaft, die kalt war, aber zu trocken, als dass sich Schnee darauf bildete. Die Sicht war weit, so konnte er in der Ferne im roten Abendlicht die Schneeberge mit ihren teilweise ebenso trockenen Hängen erkennen und den Bärs, der imposant von ihnen emporragte.

Es war an der Zeit für Almus erste Rast, denn in der Nacht würde es selbst mit dem Trank der Ältesten kalt für den Körper werden. Also machte er mit dem mitgebrachten Holze ein Feuer, legte dem Esel und sich selbst warme Decken über und aß von dem Dörrfleisch, so, wie der Esel vom Gemüse aß, und trank vom mitgeführten Wasser auf dem sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Aber mithilfe des Feuers konnte er sie schmelzen.

An den Esel gekuschelt verbrachte er die Nacht dort. In Gedanken ersann er sich, wie der Eremit wohl aussehen mochte und wie er in der Ödnis jenseits der Trockenwüste ganz allein lebte. Es war spannend, es nicht zu wissen, seine Mutter hatte wohl recht damit gehabt, dass ihn diese Gedanken beschäftigen sollten.

Am Morgen, als das Licht der Sonne auf Almu und den Esel fiel, erwachte er aus einem ruhigen und traumlosen Schlaf. Nach einem kleinen Frühstück zog er weiter durch die Ödnis. Langehin hatte er nicht das Gefühl, dass er sich den kargen Felsmassiven in der Ferne überhaupt näherte. Kein einziger Schritt schien ihn weiter zu bringen, als ob er auf der Stelle marschierte wie in einem furchtbaren Traum. Aber er wusste, am Fuße der nur gelegentlich und auf der einen Seite mehr als auf der anderen mit Schnee bedeckten Berge da lag ein kleines Nadelbaumwäldchen, ein Hain, wie man es ihm beschrieben hatte. Und irgendwo dort musste der Eremit zu finden sein. Ob er wohl in einem Baumhaus lebte? Oder in einem Erdloch oder einem Bau aus Eis?

Als er am Abend die ersten Schneewehungen auf dem kargen Fels entdeckte, wusste er, dass die Wüste bald durchquert sein musste. Eine klamme Kälte, mehr eine Frische, erreichte Almu bald, denn er wusste, bis zum nächsten Morgen würde die Wirkung des Gebräus nachlassen und sein Körper nach und nach zu frieren beginnen, wie man es in dieser winterlichen Eiseskälte erwartete. Aber den schwierigsten Teil seiner Lichtreise hatte Almu bei Einbruch der Nacht hinter sich gelassen. Auf einem der wenigen kargen Felslöcher in der Schneedecke, die er erreicht hatte, machte er sich wie vormals zur Nacht bereit.

Der Esel legte sich hinter Almu nieder, sodass er sich in der Flanke des Tieres anlehnen konnte. „Wir liegen gut in der Zeit, Eselchen!“, sprach er, ehe seine Augen ob der Anstrengung der Wanderung müde und schwer wurden.

Der Tag brach erneut an. Almu würde gegen Mittag am Fuße der Felsmassive sein und sich nach dem Verbleib des Eremiten umsehen. Aber bis dahin würde ihm kalt sein, also hängte er sich mehrere der Decken um und wanderte mit Esel und Karren über die dünne Schneedecke hin. Zu seiner Seite, dort wo die Berge karg und trocken waren, führte die Felswüste fort, aber ihm voraus, und er hielt sich dabei ein Stück seitlich, erstreckte sich eine weitere verschneite Ebene, in deren Ferne er bereits die Nadelbäume erblickte.

Dort angekommen fiel ihm sogleich der ungewöhnlich hohe Baum auf, der sich am Rand des Nadelbaumhains weit in die Höhe erstreckte. Hinter ihm, als Almu hinauf sah, erkannte er gefährlich gezackte Felsen, die weit und zum größten Teil mit Schnee und Eis bedeckt in den Himmel hinaufragten. Neben diesem imposanten Baum stand beinahe unauffällig und zu einem Teil im Schnee begraben eine Blockhütte mit einem Stall und einem umzäunten Bereich vorm Eingang. Da musste der Eremit wohnen!

Almus Herz begann zu rasen, als er den Esel vom Karren abspannte und am Zaun anband. Nun stand er vor der Türe, an der ein schmuckloser Kranz aus Nadelbaumzweigen hing, und zögerte, zu klopfen. Er hatte nie gefragt, wie man den Eremiten grüßte, ob es eine bestimmte Art dafür gab, die ihn nicht verstimmte. Warum fiel ihm das jetzt erst ein? Er musste sich zusammenraufen, also sog er tief die frische Luft in seine Lungen und klopfte trotz seiner Furcht beherzt an das schwere Holz der Tür.

So wie er hörte, dass auf der anderen Seite die Klinke heruntergedrückt wurde, machte er zwei Schritte rückwärts und nahm eine angespannte Haltung ein. Aus der Türe trat ein hochgewachsener, breitschultriger Mann heraus, der seinen Körper in einen blauen Mantel gehüllt hatte und die Hände unter schwarzen Handschuhen versteckte. Aus seinem freundlichen Gesicht wuchs ein langer weißer Bart fast bis zu den Knien hinab und sein kurzes weißes Haar war von einer blauen Mütze mit weißem Bommel verdeckt.

Ah!“, sprach der Mann, ehe Almu seine Furcht gänzlich verloren hatte, „Ich habe dich bereits erwartet, Junge. Du liegst sehr gut in der Zeit.“

Almu aber war nervös, stammelte nur: „Guten Tag!“

Der Eremit bemerkte die Aufregung des Jungen, aber er war es gewohnt, dass die Kinder Nirfangs sehr nervös sein konnten: „Wie heißt du denn?“, fragte er höflich.

Almu“, antwortete der Junge kurz und knapp.

Nun denn, Almu, bring doch deinen Esel in den Stall dort drüben und dann komm herein! Ehe du die Kerze entzündest, solltest du dich an meinem Feuer aufwärmen“, meinte der Alte und begab sich in sein Haus hinein, ohne die Türe zu schließen. Da ließ die Anspannung ab von Almu, er tat, wie ihm geheißen, sodass sich der Esel auf dem Stroh im warmen Stalle niederlassen konnte, und kehrte ein in die Hütte des Eremiten. Die Tür schloss er hinter sich. Im Innern war es gemütlich und sehr warm. Ein Feuer prasselte im Kamin, das einen Kessel erhitzte, und zwei Sessel standen mit einem kleinen runden Tisch davor. Auf der anderen Seite des Raumes standen Schränke und Regale mit Büchern und ein geschlossener Sekretär. Und eine Tür erkannte Almu in der hinteren Wand, die einzige im Haus. Er vermutete, dass dort das Schafzimmer sei.

Komm, setz dich an den Kamin“, meinte der Alte, der aus einem der Schränke Tassen und zwei Teeeier geholt hatte. Auf dem kleinen Tisch zwischen den Sesseln stellte er sie ab und füllte mit einer Schöpfkelle das brodelnde Wasser aus dem Kessel in die Tassen. Sogleich strömte ein fruchtiger Geruch durch den Raum. So wie sie dort saßen und auf den Tee warteten, fragte der Eremit weiter: „Wer sind deine Eltern?“

Ihre Namen sind Malko und Eridna“, antwortete Almu, der die Kerzen und Strohgestecke auf dem Kaminsims bestaunte.

Eridna, sagst du?“, sprach der Alte und musste im nächsten Augenblick schallend lachen, „An Eridna erinnere ich mich wohl! Ich musste der Kleinen so viele Geschichten erzählen, weil ihr langweilig war. Und zuletzt habe ich ihr eine Geschichte erzählt, die sie so müde machte, dass sie endlich einschlief und ich meiner Stimme eine Pause gönnen konnte.“

Nun musste auch Almu lachen.

Wie war deine Reise hierher?“, fragte der Eremit weiter.

Es ist nichts Aufregendes passiert“, antwortete Almu.

Nichts Aufregendes?“, wiederholte der Alte, „Dass du eine Lichtreise als nichts Aufregendes empfindest, halte ich für seltsam. Die meisten Kinder können gar nicht aufhören, zu berichten!“

Wovon berichten sie denn?“, fragte nun Almu.

Meist von der eindrucksvollen Landschaft oder wie sie die Nächte verbracht haben oder wie sie den Weg aus den Augen verloren haben, weil sie das Sonnenlicht auf den Bergen abgelenkt hat.“

Allmählich begann Almu, den Alten zu mögen. Er war freundlich und herzlich. Noch eine Weile erzählte er von anderen Lichtreisenden und war dabei so freudevoll, dass Almu glaubte, der Alte freute sich weit mehr auf den Tag der Lichtreise, als es je ein Kind Nirfangs getan hatte.

Wie sieht es aus, Almu?“, fragte der Eremit nach einer halben Stunde, „Hast du deinen Tee getrunken?“

Der Junge nickte bestätigend.

Dann sollten wir jetzt aufbrechen“, sagte der Eremit und stand aus seinem Sessel auf. Er ging zur Türe hin, nahm einen Stock, der daneben an der Wand lehnte, und verließ das Haus. So machten sich die zwei auf in den Hain. Eine Weile lang marschierten sie gemeinsam durch die Bäume, bestaunten die Tiere, die ihnen auf dem Weg begegneten, und kamen alsbald an einer kleinen Lichtung an. Inmitten dieser stand ein hoher spitzer Holzbau, der unten offen auf vier Stelzen stand und oben von einem Dach mit einem Holzstern auf der Spitze gekrönt war. In diesem Holzbau lag ein großer kantiger Stein, der dieselben Ritzungen aufwies wie jene aus dem Steinkreis bei Nirfang, und auf dem Stein standen in Einbuchtungen vier sehr breite hohe Kerzen, verziert mit buntem Wachs. Nadelbaumzweige lagen den Kerzen schmuckvoll zu Füßen.

Almu staunte darüber, zog unter seinem Mantel aus einer Tasche im Innenfutter die Schachtel mit den Zündhölzern heraus, fragend sah er zum Eremiten hinauf. Der atmete verzückt auf und deutete freudig mit einer Hand an, der Junge solle hingehen und sein Werk vollbringen. Aber Almu war unsicher: „Welche Kerze soll es denn sein?“, fragte er.

Das ist nicht wichtig, mein Junge, sie werden alle prachtvoll brennen. Such dir eine aus!“, antwortete der Eremit.

So ging Almu zu den Kerzen hin, thronend auf ihrem steinernen Altar, und beschaute sie sich gründlich. Keine war schöner als die andere, wenngleich sie unterschiedlich geschmückt waren, also wählte er einfach die ihm am nächsten stehende. Aus der Schachtel nahm er eines der Zündhölzchen, rieb es über die raue Seite, damit es entflammte, und hielt es an den kleinen Docht der riesigen Kerze. Das Leuchten der Flamme erhellte das weiße Wachs der Kerze, gelblich glühende Wärme überkam den Jungen, ein Funkeln erstrahlte seine Kinderaugen wie Magie.

Einen Moment später stand der Eremit hinter ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sprach: „Es ist vollbracht. Die erste Kerze brennt. Dafür danke ich dir, Junge.“ Noch eine Weile standen sie dort und bestaunten das herrliche Licht, bis sie umkehrten zur Hütte. Erfüllt von Freude und Wärme kam Almu an der Hütte an.

Hol den Esel, Almu“, sprach der Eremit und verschwand in seiner Hütte. Almu tat wie ihm geheißen, streichelte den Esel, ehe er ihm das Halfter überlegte und ihn aus dem Stall herausführte. Draußen sah er nun den Eremiten, der den letzten von drei schweren Säcken auf den Karren lud. Almu wusste, dass sie prall gefüllt waren mit Nüssen aller Art. Es war so üblich. Es war seine Aufgabe, diese Nüsse zum Dorf zurückzubringen.

Almu spannte den Esel vor den Karren und führte ihn ein Stück vom Eingang der Hütte fort. Dort hielt er nochmal an und sah zum Eremiten hin, der unter seinem Mantel ein kleines Fläschchen herauszog, das er dem Jungen reichte. „Es ist derselbe Trank, den die gute Unna dir bereitet hat, damit du auf dem Weg nach Hause nicht erfrierst“, meinte der Alte. Almu trank es und spürte gleich, wie die Kälte aus seinem Körper wich. Aber dieses Mal glaubte er, dass die Wärme blieb.

Einmal überprüfte der Eremit den Karren und seine Räder, auf dass sie die Reise wohlbehalten überstehen würden, und verabschiedete sich dann von dem Jungen: „In weniger als drei Tagen wirst du zurückgekehrt sein, Almu. Ich wünsche dir eine gute Reise.“

Noch eine Weile nach Almus Aufbruch blieb der Eremit vor der Hütte stehen und winkte dem Jungen zu, der sich nur zwei Male noch nach ihm umschaute, ehe er den Blick voraus haften ließ.

Tatsächlich erreichte Almu das Dorf unversehrt. Er konnte schon von Ferne eine kleine Flamme erkennen, die beim Steinkreis loderte. Sein Vater stand dort mit einer Kerze in der Hand und erwartete seines Sohnes Rückkehr bereits sehnlich. Er nahm Almu sogleich in den Arm und küsste ihm die Stirn. „Gut gemacht, mein Junge“, sprach er liebevoll, noch bevor er sich der prall gefüllten Säcke vergewissert hatte.

Daraufhin führte Malko den Jungen mit dem Esel in die Straßen des Dorfes. Die Menschen gingen ihren üblichen Werken nach, aber Almu wusste es von allen Reisen anderer Kinder zuvor, dass sie hinter den Türen lauschten und hinter den Fenstern spähten, weil sie neugierig auf die Rückkehr des Lichtreisenden waren. So war der Junge bald von einer Traube Menschen umringt, die ihn freudevoll begrüßten und von ihm seine Geschichte hören wollten. Auch Eridna stand in der Menge und umarmte ihren vermissten Sohn voll Freude. Aber nicht nur er wurde begrüßt, denn auch dem Esel gebührte Dank, dass er Almu begleitet und ihm den schweren Karren gezogen hatte.

Almu hingegen war glücklich. Eine Seligkeit hatte ihn beim Entzünden der Kerze ereilt, und er dachte schon daran, dass noch drei weitere Kinder auf Lichtreise gehen würden, ehe ihn ein wunderschönes Fest erwartete, dass den Abschluss des Jahres feierte, und bald darauf ein weiteres Fest, welches das neue Jahr begrüßen sollte.

(Ende)

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02. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 15-20 Minuten; Genre: Adventsgeschichte, Fabel; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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