Das Gold der Aphrodill

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(Die Geschichte spielt in einem fiktiven Teil Griechenlands. Orte, Personen und Namen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu bestehenden Namen, Personen oder Orten sind rein zufällig und unbeabsichtigt. Ausgenommen sind Namen der griechischen Mythologie und der Name der Stadt Athen.)

Und nun stand Kalliope dort im Staube und sah den Mann, den sie liebte, in Verzweiflung ertrinken. Vielleicht waren sie doch am falschen Ort? Aber der Weg hatte sie unausweichlich hierher geführt, so viel stand fest. Er hatte keine Abzweigungen und keine Umwege. Ihr Blick schweifte durch die ehemals prächtige Halle, an der längst die Zeit mit großen Bissen genagt hatte. Die Statue am Ende der Halle war kaum mehr zu erkennen, Kopf, Arme und ein Teil des Torsos waren abgebrochen und zerfielen langsam zu Staub.

Kalliope sah zu ihren Händen hinab, wo noch immer das Blut in dem Stoff zu sehen war, den sie sich darum gewickelt hatte. Ihr wollte keine Möglichkeit einfallen, dass sie beide heil aus dieser Sache herauskommen konnten, ohne alles und jeden zu verlieren. Wie hatte es so weit kommen können? Sie dachte zurück an den Ort, an dem ihre Geschichte begonnen hatte, an die Stadt Mosos, ihre Geburtsstadt, die weit südlich des Berges Parzaros am Flusse Muas lag.

Dort unter der Brücke, die über die tief eingeschnittene Muas führte, lebte in einem zerfallenden Haus aus Stein der junge Thesios. Seinen lieben Eltern sagte man seit geraumer Zeit nach, sie seien Lügner und stünden im Bunde mit einer hiesigen Räuberbande. Thesios wusste sehr wohl, dass all das Gerde von des Bürgermeisters fauler Zunge stammte, weil er seit einiger Zeit mehr und mehr Bauern des Umlands mit unlauteren Mitteln in seine Knechtschaft zwang. Auch Thesios’ Eltern, die einen Hof südlich von Mosos bewirtschafteten, waren Opfer seiner Habgier geworden. Das Gerede hatte sich in der Stadt wie ein Lauffeuer ausgebreitet. Die Menschen hatten ihr Vertrauen in Thesios’ Eltern verloren und mieden sie fürderhin. Um zu überleben, blieb den beiden nun nichts anderes übrig, als den Bürgermeister um Hilfe zu ersuchen, der sich selbstredend nicht lange bitten ließ. Und so kam es, dass Thesios’ Eltern Haus und Hof an den Bürgermeister verloren, für den sie dort nun als Knechte schufteten als Strafe, die er ihnen auferlegt hatte, so behauptete er. Und ob des schlechten Geredes hielten es die Menschen der Stadt für gerechtfertigt.

Die beiden waren aber nicht dumm. Um ihren einzigen Sohn Thesios davor zu bewahren, hatten sie ihn fortgeschickt und ihn angewiesen, sie beide zu verleugnen. So hatte er sich allein in dem zerfallenden Haus niedergelassen und fischte im Fluss Muas für seinen Lebensunterhalt. Er war wütend. Natürlich war er wütend, denn er wusste, dass nichts Wahres an dem Gerede war! Aber Thesios war nun mal kein Krieger, sondern Bauersohn. So blieb ihm nichts, als es vorerst hinzunehmen und auf eine Gelegenheit zu warten, die Dinge richtig zu stellen.

Aus Sorge ging er jeden Tag durch die Stadt, schnappte Worte aus dem heißen Gerede heraus, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Viele weitere Bauern fielen dem Gerede noch zum Opfer, schickten ihre Kinder fort, wenn sie konnten. Und Thesios wurde ob dessen trauriger, er fühlte sich zunehmend einsamer.

Als Thesios eines Tages durch die Straßen Mosos’ schlenderte, mit einem Korb voller frisch gefangener Fische, da traf er unversehens auf eine junge Frau, die ihr Gesicht vor Gram unter ihrem schwarzen Haar verbarg. Sie saß reglos auf einer steinernen weißen Bank am Wegesrand, die Hände im Schoß liegend.

Zuerst wollte Thesios wortlos an ihr vorüberziehen. Er hatte schließlich eigene Sorgen, denn vom Fischfang allein zu leben, war mehr als eine Herausforderung. Und die plötzliche Einsamkeit sowie die Ablehnung der Menschen setzten ihm zu. Aber dann hörte er ein bedauernswertes leises Schluchzen aus ihrem Munde und hielt an. Er sah zu ihr hin, wie ihr Körper vom Schluchzen erzitterte und kurz darauf wieder in regloser Haltung verharrte. So setzte er denn, berührt von ihrem Weinen, den Korb mit den Fischen ab und fragte: „Fräulein, was ist mit Euch?“

Die Frau hob erschrocken den Kopf und sah mit tränenfeuchten Augen zu ihm hin. Sie hatte ihn offensichtlich gar nicht bemerkt und geglaubt, sie sei auf dieser einsamen Straße allein. Sie suchte aufgeregt nach Worten.

Ihr müsst es mir nicht sagen, Fräulein!“, meinte Thesios daraufhin, „Was Euch bekümmert, geht mich gar nichts an. Ich hörte Euch nur zufällig schluchzen und hielt es für angebracht, zu fragen.“

Ich habe großen Kummer, fürwahr. Und sprechen möcht ich darüber nicht“, entgegnete die Frau, „Aber vielleicht wisst Ihr eine Geschichte, die mich erheitert? Ich würde nur zu gerne andere Gedanken finden.“

Thesios überlegte kurz, ihm fiel da schon eine Geschichte ein, die seine Mutter ihm früher oft erzählt hatte. „Ob sie Euch erheitert, vermag ich nicht zu sagen, doch eine kleine Geschichte könnt ich Euch schon erzählen“, bot er ihr an. Sie nickte nur, verzog ihren Mund zu einem angestrengten Lächeln. Also stellte Thesios den Korb neben die Bank und setzte sich zu dem lieben Fräulein, das seine Tränen mit einem Tuch aus dem Gesicht wischte.

Vor langer Zeit lebte ein großer Bär an den Hängen des Berges Parzaros…“, begann Thesios, die Geschichte zu erzählen. Die junge Frau lauschte aufmerksam. Anfangs schien es ihr schwer zu fallen, doch je weiter Thesios erzählte, desto mehr verlor sie sich in seiner Geschichte und vergaß darum ihren Kummer. Thesios hatte das gemerkt, er hatte geglaubt, bei der Hälfte der Erzählung ein Leuchten in ihren Augen aufkommen zu sehen, so hatte er denn die Geschichte seiner Mutter ausgeschmückt, um dies Leuchten zu verstärken. Und als das Ende der Geschichte nahte, da war das Leuchten so sehr entfacht, dass es begierig alle seine Worte aufsog. Also führte Thesios die Geschichte frei erfunden weiter fort, bis zu einer Stelle, an der er ganz sicher war, dass die Frau vor Spannung unruhig würde. Dort unterbrach Thesios, der sichtlich Gefallen daran fand, in Gesellschaft zu sein nach all der einsamen Zeit, in der man ihn trotz seiner Verleugnung der Eltern stetig mied und argwöhnisch beäugte.

Warum unterbrecht Ihr? Bitte, fahrt fort!“, bat die Frau, doch Thesios winkte ab.

Verzeiht, Fräulein!“, begann er zu sprechen, aber die Frau unterbrach ihn hastig: „Kalliope! Mein Name ist Kalliope!“

Thesios lächelte: „Und mein Name ist Thesios. Verzeiht, Kalliope, ich muss rasch mit meinen Fischen zum Markt, ehe es zu spät wird. Aber wenn Euch die Geschichte so gut gefällt, dann kommt doch morgen wieder her!“

Und dann erzählt Ihr weiter?“, fragte sie.

Er nickte.

Gut!“, rief sie erleichtert aus, „Dann treffen wir uns morgen hier um die Mittagszeit!“

Thesios nahm seinen Fischkorb und zog damit vergnügt von dannen. Auf seinem Weg zum Markt ersann er bereits eine Fortsetzung für seine Geschichte, die Kalliopes Vorfreude nicht enttäuschen sollte. Letztlich blieb er sogar die ganze Nacht hindurch wach, befreit von seiner bedrängenden Einsamkeit, seinen quälenden Sorgen um seine Eltern und seinem eigenen Kummer. Über Stunden hinweg wandelte er in seinem Häuschen auf und ab, überlegte sich neue Wendungen für seine Erzählung, solche, mit denen ein Zuhörer niemals rechnen würde, und trotzte seiner Müdigkeit, solange er es vermochte. Weit nach Mitternacht schlief er dann endlich ein und erlebte die erste Nacht seit langem, in der er ruhig schlafen konnte – wenn es auch nur wenige erholsame Stunden waren.

Am kommenden Morgen machte er sich, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte, mit seinem Fischkorb auf, den steilen Strand unter der Brücke hinunter und zu den Reusen, die er in Ufernähe im Wasser des Flusses Muas versenkt hatte. Sein Fang war ungenügend, aber heute kümmerte es ihn weniger als sonst. Er nahm die getöteten Fische in seinen Korb, brachte sie in sein Haus und rieb sie mit dem Salz ein, das er am gestrigen Tage auf dem Markt gegen seine Fische eingetauscht hatte. Jeden Tag hob er sich zwei der Fische auf und bemühte sich, mit nur einem davon am Tage auszukommen, um einen Vorrat zu haben. Die anderen drei Fische wollte er auf dem Markt gegen frisches Obst eintauschen. So nahm er sie gegen Mittag in seinen Korb und machte sich auf den Weg durch die Straßen der Stadt.

Summend erinnerte er sich an alle Ideen, die ihm seit gestern eingefallen waren, und bald bog er in die einsame Straße ein, die er als Umweg in Kauf nahm, weil ihm dort nicht zu viele Menschen mit grimmigen Blicken begegneten. Von weitem sah er schon, dass auf der weißen Bank niemand saß. Es erschütterte ihn im ersten Augenblick, denn nun fürchtete er, versetzt zu werden. Und dass, obwohl er sich so sehr auf die zweite Begegnung mit Kalliope gefreut hatte. Er atmete tief durch, um sich nicht selbst zu entmutigen, glaubte, sie käme noch, und setzte sich auf der Bank nieder. Mit den Augen sah er die Straße rauf und runter und suchte sie nach der jungen Frau ab. Eine Stunde lang blieb die Straße einsam, nur ein alter Mann war gemächlich an Thesios vorüber gezogen, hatte ihn nicht eines einzigen Blickes gewürdigt.

Thesios ließ den Kopf hängen, mehr und mehr glaubte er, sie würde nicht kommen. Als er sein Haupt aber hob, erkannte er sie doch. Langsam, mit gesenktem Kopf und traurigen Augen kam sie die Straße entlang. Sogar Tränen konnte Thesios erkennen. Er stand sogleich auf, als sie der Bank näher kam, und fragte: „Fräulein Kalliope! Was ist mit Euch?“

Es ist dasselbe, was es gestern war. Über Nacht ist der Kummer zu mir zurückgekehrt“, antwortete sie, „Verzeiht, dass ich Euch warten ließ. Ich war nicht sicher, ob meine Trauer Euch nicht belastet.“

Thesios überlegte kurz: „Um ehrlich zu sein, habe ich auch selbst einigen Kummer. Es tut mir gut, Euch diese Geschichte erzählen zu können. Aber, sagt, was bekümmert Euch so sehr?“

Kalliope seufzte traurig und sprach: „Ich möchte darüber wirklich nicht sprechen, Thesios.“

Nun, dann frage ich nicht mehr“, entgegnete er höflich, „Wollt Ihr die Geschichte dennoch hören?“

Ja!“, platzte es fast aus ihr heraus, „Bitte, ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht!“

So setzten sie sich auf die weiße Bank. Thesios erzählte fort und Kalliope lauschte. Wie am Tag zuvor dauerte es eine Weile, bis sich die Frau ganz von ihrem Kummer lösen und seiner Erzählung lauschen konnte, doch dann war es abermals eine freudige Zusammenkunft, die beiden eine unbedingt gebrauchte Heiterkeit verschaffte.

Fortan trafen sich Thesios und Kalliope jeden Tag auf dieser weißen Bank. Er dachte sich in jeder Nacht eine neue Geschichte für sie aus, und sie wurde von Tag zu Tag ein Stück fröhlicher, wenngleich es sehr langsam geschah und es kaum merklich zu erkennen war, wenn man sie nicht jeden Tag sah. Und bald trafen sie sich nicht mehr nur wegen dieser Geschichte, sie sprachen übereinander. Thesios hatte erst gezögert, denn die Freundlichkeit Kalliopes konnte er sich nur so erklären, dass sie nichts von dem üblen Gerede wusste oder ahnte. Er hatte gefürchtet, ihre Gesellschaft zu verlieren, wenn sie davon erfuhr, doch als er zaghaft zu erzählen begann, da war keine Anwiderung, nur Mitgefühl in ihren Augen zu erkennen. Kalliope hingegen, obgleich sie gern von ihren zwei Geschwistern sprach, hüllte sich in Schweigen, was ihren schweren Kummer anging. Sie meinte, ihre Kehle sei zugeschnürt, als ob, es auszusprechen, eine Endgültigkeit brächte, die unumkehrbar war. Zwar wusste sie, dass ihre Trauer bleiben würde, wenn sie sich davon nicht lösen konnte, doch sie war noch nicht so weit. So genoss sie einfach jeden Moment, den sie mit Thesios verbringen konnte.

Manche würden meinen, es war Schicksal, andere würden es eine unausweichliche Folge nennen, doch, was immer es war, sie verliebten sich über die Zeit ineinander. Wann immer der eine an den anderen dachte, verblassten die Sorgen zu einem Kiesel unter Felsen. Und so kam es zu diesem einen Tag, an dem sie sich ihre Liebe eingestanden und sie mit einem warmen Kuss besiegelten.

Zu dieser Zeit hatten Kalliopes Eltern von den Treffen noch nichts gewusst. Die junge Frau war nicht dumm, sie hatte von den Vorwürfen gegen Thesios und seine Eltern gehört, doch sie kannte auch den Bürgermeister von den Streitgesprächen auf der Agora. Sie traute ihm nicht. Irgendetwas an ihm gebot ihr Vorsicht und weil sie Thesios kennen und lieben gelernt hatte, mochte sie schon lange nicht mehr glauben, dass an dem Gerede Wahres dran war. Auch ihr Vater und ihre Mutter waren überzeugt, dass etwas nicht stimmen konnte. So vielen Bauern sagte man dieser Tage schlechte Dinge nach, das wollten sie nicht glauben. Doch in der Öffentlichkeit sprachen sie darüber nicht, denn man wollte nicht ohne Beweise einen gut betuchten Mann in Misskredit bringen, also schwieg man und wartete ab. Das bedeutete aber auch, dass Kalliopes Eltern sich niemals für diese Verbindung aussprechen würden.

Daher suchte sie Thesios am Tage nach dem Kuss in seinem Hause auf.

Kalliope? Was machst du hier?“, fragte Thesios, der sichtlich überrascht war, da sie sich eigentlich zu gewohnter Zeit auf jener weißen Bank verabredet hatten.

Mein Liebster, ich muss etwas mit dir bereden“, sagte sie in ernstem Ton, „Meine Eltern! Sie werden’s nicht gutheißen.“

Du meinst unsere Liebe?“, fragte er nach. Thesios hatte sich das bereits gedacht, er hoffte nur, sie würde ihn deshalb nicht zurückweisen.

Ja“, sprach sie, „Es ist wegen deinen Eltern. Ich weiß, dass meine Mutter und mein Vater daran nicht glauben, aber das Gerede dauert an. Sie werden nicht wollen, dass es auch auf mich herabfällt, weil ich mich mit dir einlasse.“

Ich weiß“, antwortete er seufzend und fragte dann zögerlich: „Willst du es beenden?“

Himmel, nein!“, meinte Kalliope empört, „Ich halte es nur für das Klügste, es geheim zu halten, bis sich die Lage beruhigt hat. Meine Eltern sind nicht die einzigen, die den Bürgermeister für einen Lügner halten. Noch etwas länger und es werden mehr und mehr Leute sein, nur ein einziger Fehler von ihm und es ist aufgedeckt. Die Heimlichkeit ist nicht für lange. Und wenn dies alles vorüber ist, dann will ich dich meinen Eltern vorstellen. Uns…“

So war es abgemacht. In Heimlichkeit trafen sie sich fortan. Doch wie es oft passiert, in der Zeit davor hat man ihre Treffen kaum wahrgenommen, aber seit dem Moment, da sie es verbergen wollten, wurden die Leute neugierig. Man glaubte, Geheimnisse zu erkennen, etwas Heimliches gehe vor, und das Gerede darum wurde lauter, je öfter Thesios und Kalliope es leugneten.

Bald geschah es dann, dass Kalliopes Vater aus Sorge einen Spitzel beauftragte, der seiner Tochter heimlich folgen sollte. So wurde ihre Liebe aufgedeckt. Kalliopes Eltern waren außer sich vor Wut. Sie tobten und verboten die Liebe letztlich. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Liebenden bereits so oft getroffen und so sehr in ihre Herzen geschlossen, dass sie über Heirat nachdachten. Kalliope wollte sich selbstredend nichts verbieten lassen. Der Streit wurde lauter, sodass die Nachbarn ihn hörten, und die Kunde von der heimlichen Beziehung gelangte über Umwege letzten Endes auch zum Bürgermeister. Dieser sah darin seine Gelegenheit. Ja, die Gelegenheit, Thesios auf den Hof der Eltern zurückzubringen und ihn dort ebenfalls als Knecht zu haben. So bauschte er den Streit um diese Liebe weiter auf. Er ließ von seinen Mannen heimlich in die Bevölkerung bringen, der junge Thesios habe eine Dame aus der Stadt bezirzt, um an das Vermögen der Eltern heranzukommen.

Man sollte erwähnen, dass Kalliopes Eltern keine reichen Menschen waren. Sie arbeiteten wie alle anderen und unterhielten sich damit. Sie genossen einige Bequemlichkeiten, doch Luxus und ein großes Vermögen gehörten nicht dazu. Das war den Menschen der Stadt aber egal, vielleicht lag es in ihrer Natur, den Streit zu begehren, der sich nun in aller Öffentlichkeit auf der Agora klären sollte.

Da stand er, der Bürgermeister, umgeben von einer aufgebrachten Menschenmenge, und erwartete die Ankunft der Liebenden. Kalliope kam mit ihren Eltern herbei, die Thesios einen zornigen Blick zuwarfen. Klar! Sie machten ihn allein für diesen Aufruhr verantwortlich. Thesios selbst kam alleine her. Er wusste nicht einmal, dass sich seine Eltern heimlich unters Volk gemischt hatten, um ihrem Sohn beistehen zu können.

Der Bürgermeister begann sogleich, da alle Beteiligten beisammen waren, mit seiner Ansprache: „Liebe Leute von Mosos! Wie ihr alle wisst, ist die Sippe dieses jungen Mannes mit arglistigen Räubern im Bunde. Es hat sich nun zugetragen, dass er vor seiner Strafe fliehen konnte, weil er seine Sippe verleugnet hat, doch jetzt! Jetzt, liebe Leute, ist sein schlechtes Wesen enttarnt! Er umgarnte die schöne Kalliope, er nutzte ihre Trauer um den Tod ihrer geliebten Großeltern aus, um sich bei ihr einzuschmeicheln!“

Thesios, der einige Mühe hatte, seine Wut im Zaum zu halten, sah nun erschrocken zu seiner Liebsten hin. Bis zum heutigen Tage hatte er nicht erfahren, was Kalliope so sehr betrübt hatte, doch nun wurde ihm klar, welchen Kummer sie mit sich getragen hatte. Kalliope sah beschämt zu Boden, denn sie mochte nicht, wie man über Thesios sprach, und sie mochte nicht, dass der Bürgermeister den Tod ihrer Großeltern nutzte, um ihm etwas zu Lasten zu legen.

Das ist nicht wahr!“, rief sie bald erzürnt aus, „Wir lieben einander!“

Liebes Kind! Du bist geblendet“, entgegnete der Bürgermeister geschickt.

Aber was Ihr sagt, ist falsch, Bürgermeister!“, erwiderte nun auch Thesios, „Was Kalliope und mich verbindet, ist Liebe!“

Der Bürgermeister aber nutzte alle Gelegenheiten, sie vor der tuschelnden Menschenmenge zu entblößen und Thesios als Verbrecher nach dem Bilde seiner Eltern darzustellen. Letztlich stand es nicht gut um die beiden. Es sah alles danach aus, als müssten sie ihr Band trennen, und Thesios schien in den Augen der Menschen schnell ein arger Verbrecher zu sein, so geschickt sprach der Bürgermeister. Aber ein Mensch unter all diesen, der ließ sich so leicht nicht blenden. Es war eine Frau, die sich die Blicke genau betrachtete, die Thesios und Kalliope verzweifelnd zuwarfen. Und als sie sich ganz sicher war, da trat sie aus der Menge zum Bürgermeister, der sogleich verstummte, als er sie bemerkte.

Werte Lysta, ich wusste nicht, dass Ihr zugegen seid!“, meinte der Bürgermeister erschrocken.

Sie aber winkte ihn seufzend ab. „Natürlich wusstet Ihr das nicht! Ich hatte nicht vor, Eure Gesellschaft bei meinem Besuch in Mosos zu erbitten“, sprach sie mit Ekel in der Stimme und wandte sich dann an die Leute, „Ich bin Lysta, Priesterin des Aphrodill-Schreins. Hört mich an! Ich will euch von einer Legende berichten, die seit Jahrhunderten erzählt wird. Sie handelt von einer Blume, der einzigen ihrer Art, der man göttlichen Ursprung nachsagt. Aphrodite selbst hat diese Blume erschaffen und auf dem Berge Parzaros zwischen zerklüfteten Felsen gepflanzt, damit sie nur den Beherzten zur Verfügung stehe.“

Da horchte der Bürgermeister auf. Er kannte die Legende und ahnte, worauf Lysta hinaus wollte. So sprach er belächelnd: „Werte Lysta, ich muss Euch bitten! Wir wollen doch die alten Legenden nicht so ernst nehmen!“ Der Bürgermesiter glaubte selbst nicht an Legenden, doch er wusste wohl, dass viele Menschen im Lande daran glaubten und dementsprechend davon beeinflusst werden konnten. Er wollte sie aber ob ihrer Stimmen in diesem öffentlichen Streit nicht an alte Legenden verlieren.

Lysta aber beachtete den Bürgermeister kaum und holte stattdessen weiter aus. Sie wusste, dass der Bürgermeister nicht wagen würde, ihr das Wort abzuschneiden. Sie empfand es schon als unhöflich, dass er sie unterbrochen hatte. „Diese Blume nämlich, die wir Aphrodill nennen“, sprach sie also fort, „trägt die Kraft in sich, nur in liebevoller Gegenwart die Knospen zu öffnen und sodann einen güldenen Staub auszuspeien, der von hohem Wert ist. Liebevolle Gegenwart, so sagt man, doch was dies genau bedeutet, wurde über die Jahrhunderte hinweg in fast ganz Griechenland vergessen. Sieben Orte am Fuße des Parzaros hingegen haben die Legende über die Zeit lebendig gehalten – wenngleich sie sich mit Sicherheit etwas verändert hat. Sie wird von uns Priesterinnen den neuen Generationen erzählt und alljährlich halten wir unser Fest zu ihren Ehren ab. Unser Schrein ist der göttlichen Blume der Aphrodite geweiht. Wir leben dort, beten täglich zum Berg und zur auf ihm lebenden Blume. Den Aufstieg hat fürwahr kaum einer gewagt, denn schließlich ist der Berg zerklüftet und steilwandig. Es ist gefährlich, hinauf zu gehen. Doch wer es wagen möchte, seine Liebe dort droben zu ergründen, der wird vom Berg begünstigt.

Es heißt, die Aphrodill öffne ihre Knospe nur, wenn wahrhaft sich Liebende in ihrer Nähe sind. Thesios!“, wandte sie sich zuletzt an den jungen Mann, der ihr aufmerksam, aber ungeduldig zugehört hatte. Er trat näher heran. „Du behauptest, es sei Liebe, die dich mit Kalliope verbindet“ – er nickte – „Bist du bereit, diese Liebe zu beweisen, um dich von allen Vorwürfen zu befreien?“

Thesios erkannte darin seine Chance. Er sah zu Kalliope hin, die unsicher dreinblickte. „Wenn ihr eure Liebe unter Beweis stellen wollt, müsst ihr zusammen den Berg besteigen. Die göttliche Blume soll dort ihr Urteil fällen. Also geh hin, Thesios, besprecht euch!“

Kalliopes Eltern wollten nicht, dass sie so nah aneinander herantraten, doch gegen das Wort einer Priesterin lehnten sie sich nicht auf. Thesios nahm Kalliopes Hände, wollte ihr zuflüstern, sie fragen, ob sie diesen Weg wagen sollten, doch die junge Frau sah ihm an, dass er es wollte, und fiel ihm um den Hals. „Ja“, sagte sie, noch ehe er sprechen konnte, denn auch Kalliope war entschlossen, allen einen Beweis zu bringen. „Wir versuchen es“, sagte sie, als sie den Griff lockerte, und wandte sich daraufhin an den Bürgermeister: „Und Ihr, Bürgermeister, müsst eingestehen, dass er kein Lügner ist, wie Ihr behauptet. Sollten wir erfolgreich sein auf dieser Reise, müsst Ihr ihn und seine Sippe von aller Schuld befreien.“

Unter den umstehenden Menschen ging Zuspruch für Lystas Einfall um. Der Bürgermeister stammelte. Er kannte die Legende wohl, und er wusste, dass niemand genau sagen konnte, ob es die Blume wirklich gab. Er selbst hielt es für Humbug, doch er musste sich eingestehen, dass er Zweifel bekam, weil es niemand bestätigen konnte und so viele fest daran glaubten. „Nun“, sprach er bald, „Wenn sich die Blume für euch öffnet, ist selbstredend bewiesen, dass ihr euch wahrhaft liebt. Aber einen Beweis müsst ihr mir bringen! Lysta sprach davon, dass die Aphrodill Gold preisgibt, sofern sie sich öffnet. Also bringt uns von dem Gold der Blume und ich erkenne es an. Solltet ihr aber scheitern, muss auch Thesios dieselbe Strafe annehmen, die seine Eltern getroffen hat, denn dann sind sie als Lügner und Betrüger endgültig entlarvt! Und du, Kalliope, darfst ihn niemals wieder sehen!“

Thesios und Kalliope widersprachen nicht, obgleich ihnen mulmig wurde, weil so viel auf dem Spiele stand. Nur Kalliopes Eltern wollten protestieren, dass ihr Töchterchen die gefährliche Reise zum Berg antreten sollte, und das in Begleitung eines mutmaßlichen Betrügers. Aber Lysta kam ihrem Einspruch zuvor: „So ist denn beschlossen! Thesios und Kalliope! Ich werde mit euch zum Berg und zu unserem heiligen Schrein reisen. Von dort aus müsst ihr allein den Aufstieg zur Blume wagen.“

Sie hielten einander an den Händen und nickten entschlossener als je zuvor.

Geht! Und bereitet euch für die Reise vor. Wir wollen uns vor den Toren der Stadt in Bälde treffen!“ Damit war alles gesagt. Lysta verließ in Begleitung zweier Lehrlinge die Agora, die Menschenmenge löste sich beruhigt auf und Kalliope wurde von ihren Eltern fortgebracht. Nur der Bürgermeister stand da, beobachtete, wie Thesios seiner Geliebten nachsah und aus Furcht zu zweifeln begann.

Du kannst es vorgeben, wie du willst, Junge. Am Ende wird dir doch niemand glauben!“, sprach er. Thesios wandte sich wütend zu ihm um, wollte ihm die Meinung sagen, doch er hatte dem jungen Mann bereits den Rücken zugedreht, sah Thesios nur abfällig an und ging dann fort.

Eine Stunde später stand Thesios vor dem Stadttore. Er hatte nicht allzu viel vorzubereiten, denn viele Dinge besaß er nicht, die er für die Reise hätte mitnehmen können. Etwas entfernt, abseits der Straße stand ein Karren. Der Händler, dem dieser gehörte, fütterte den Ochsen und pflegte dessen Fell. Es schien, dass er sich zum Aufbruch bereit machte, ebenso wie Thesios. Ihn überkam eine leise Furcht, denn niemals zuvor hatte er sich weiter von seiner Heimat entfernt als der kurze Weg vom elterlichen Hof bis hin nach Mosos. Reisen konnte gefährlich sein, doch er hoffte, dass er in Begleitung einer Priesterin sicherer war, denn die meisten Menschen, selbst Räuber, hielten es für ehrenvoll, diesen Frauen im Schutze einer Göttin nicht zu nahe zu kommen. Und dennoch, es ward ihm mulmig durch und durch.

Bald darauf traten zwei Leute, schleichend fast, an ihn heran. Sie waren eingehüllt in schwere Umhänge, die ihre Gesichter gänzlich verbargen. Thesios erschrak. Sein erster Gedanke war, dass es Räuber sein mussten, also hob er die Hände abwehrend vor die Brust und wollte um Milde bitten, aber da hielten die zwei Gestalten an und hoben ihrerseits die Hände vor die Brust.

Beruhige dich, Thesios!“, sprach eine sanfte Stimme.

Wir sind es, mein Junge!“, ertönte die wohlbekannte und vermisste Stimme des Vaters.

Mutter? Vater?“, fragte Thesios nach. Seit seinem Fortgang hatte er sie nicht gesehen und kein Wort mit ihnen gesprochen. Es wunderte nicht, dass er beinahe in Tränen ausgebrochen war. Er wollte sie umarmen, doch sie hielten ihn zurück: „Nicht doch, Thesios! Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden. Noch nicht!“

Er hielt sich zurück, zwängte die Tränenlast fort und fragte dann: „Was macht ihr hier? Wie geht es euch?“

Mach dir keine Sorgen, Schatz!“, sprach die Mutter, „Wir haben nicht mehr, was wir vorher hatten, aber wir kommen auch damit zurecht.“

Wir waren vorhin auf der Agora“, meinte nun der Vater, „Es war riskant, das stimmt. Aber als wir hörten, dass du wegen einer Liebelei am Pranger stehst, da mussten wir einfach herkommen. Sie ist bezaubernd.“

Das ist sie!“, erwiderte Thesios, der Mut aus den lieben Worten seiner Eltern schöpfte.

Dir steht eine schwierige Reise bevor“, sagte die Mutter nun ernst, „Wir haben dir Vorräte mitgebracht. Und ein paar Decken und einen Topf.“

Aber…“, stammelte Thesios dankbar, „Woher habt ihr das alles?“

Wir haben noch immer gute Freunde in der Stadt, die uns besser kennen als der Bürgermeister. Und all die anderen Bauern, die enteignet wurden, halten untereinander zusammen“, sprach der Vater sanft, ein wenig stolz sogar, dass er so gütige Menschen kannte. Dann wurde auch er ernst: „Junge! Solltet ihr auf dem Berg nichts finden, dann kehrt nicht nach Mosos zurück! Ich will nicht zweifeln, dass die Aphrodill wahrhaft dort oben ist, doch niemand weiß es genau. Und wie Lysta bereits sagte, die Legende wurde über die Zeit verändert. Was ihr findet, falls ihr etwas findet, wird vielleicht nicht sein, was ihr sucht. Und sollte dem so sein…“

Vater! Natürlich komme ich zurück!“, entgegnete Thesios, der seine Sippe nicht dem Bürgermeister überlassen wollte, „Wenn ich es nicht tue, wird der Bürgermeister euch dafür bestrafen!“

Thesios“, begann die Mutter, „Ich habe dich sehr vermisst. Wir beide haben dich vermisst und werden es weiterhin tun. Irgendwann werden die Verbrechen des Bürgermeisters aufgedeckt. Dann wird unsere Schuld verfliegen und du kannst unbeschwert zurückkehren. Bis dahin sollst du mit deiner Liebsten zusammen sein. Das wünschen wir uns!“

Nun, was sollte Thesios darauf antworten? Er nahm die Vorräte, Decken und den Topf an und verabschiedete sich von seinen lieben Eltern. Insgeheim nahm er sich jedoch fest vor, die beiden und den Rest seiner Sippe nicht im Stich zu lassen.

Kurze Zeit später tauchte Priesterin Lysta mit ihren Lehrlingen und in Begleitung Kalliopes auf. Zwei Träger waren engagiert worden, die das Reisegepäck der Damen auf den Karren jenes Händlers luden, der unweit von Thesios am Wegesrand stand.

Kalliope!“, meinte Thesios bei dem Wiedersehen, doch er wusste nicht recht, was er sagen sollte, ob er sich für all die Umstände entschuldigen oder ihr sagen sollte, dass sie es irgendwie schaffen würden.

Machen wir uns auf den Weg!“, sagte Kalliope nur, nahm seine Hand und zog ihn hin zum Karren.

Bis Drios kann ich euch mitnehmen, werte Priesterin!“, sprach der Händler, „Ab da müsst ihr allein weiterkommen.“

Wir werden dort bereits erwartet, guter Händler. Sorgt Euch nicht!“, entgegnete Lysta und stieg mit ihren Lehrlingen auf den Karren.

Als sich der Ochse in Bewegung setzte, fragte Thesios: „Haben deine Eltern nicht versucht, dich aufzuhalten?“

Sie haben getobt!“, meinte Kalliope darauf und musste schmunzeln, „Sie redeten auf mich ein, ich solle diesen Unsinn lassen. Aber mach dir keine Sorgen, gegen das Wort einer Priesterin werden sie nichts sagen. Ich weiß, sie machen sich Sorgen um mich. Ich glaube, sie würden dich mögen, wenn diese Sache nicht wäre. Ganz sicher würden sie dich mögen!“

Thesios festigte den Griff um ihre Hand, ehe er zögerlich fragte: „Es war wegen deiner Großeltern? Das tut mir leid.“

Das muss es nicht“, sagte Kalliope, „Sie sind bei einem Brand ums Leben gekommen. Im Nachbarhaus hatte sich ein Feuer entzündet und schlug über, ehe es gelöscht werden konnte. Meine Großeltern… Ich weiß nicht genau, warum sie nicht mehr aus dem Haus gekommen sind.“

Das ist furchtbar! Ich kann verstehen, dass du nicht darüber reden wolltest.“

Es hat mich sehr mitgenommen. Sie waren meine ganze Welt. Ich habe so viel Zeit bei ihnen verbracht, mehr als bei meinen Eltern. Dass sie so plötzlich nicht mehr da waren…“

Thesios lauschte, ließ sie einfach reden, aber dann hatte er das dringende Bedürfnis, sie ein wenig aufzuheitern, und sprach: „Ich hätte den Bären vom Parzaros besser nicht zum Waisen machen sollen, oder?“

Kalliope musste lachen. „Ich liebe diese Geschichte!“, sagte sie und so erzählte Thesios sie ihr ein weiteres Mal, obwohl er vieles vermutlich anders erzählte als beim ersten Mal, aber das war egal.

Einen Tag später erreichten sie bereits die Tore der großen Stadt Drios, welche sich hierzuland die größte aller Siedlungen wähnte, wenngleich sie mit einer Stadt wie Athen kaum vergleichbar war. Dennoch stockte beiden der Atem bei ihrem Anblicke, schließlich hatten Thesios und Kalliope sie nie zuvor gesehen. Ehe sie jedoch einen Fuß hineinsetzen konnten, hielt der Händler den Karren an und half der Priesterin hinunter. Drei weitere Priesterinnen kamen herbei und schafften das Gepäck auf einen anderen Karren, der kleiner und leichter war, aber keinen Platz für Menschen übrig hatte. Ein Grasbüschel speisender Esel war ihm vorgespannt.

Kommt, Kalliope und Thesios!“, meinte Lysta, „Der Weg wird steil sein, und wir sollten vor Einbruch der Dunkelheit den Sporn erreicht haben, auf dem wir unser Lager aufschlagen können.“

So brachen sie denn auf über die Hügel am Fuße des Parzaros, der himmelhoch ins ferne Blau eintauchte, und den seichten breiten Steig, der an den Hängen aufgeschüttet worden war. Immer höher stiegen sie hinauf. Kalliope und Thesios hielten einander weiterhin an der Hand, doch keine Sorge und keine Angst betrübten ihren Entschluss. Im Gegenteil: Ihre Blicke hafteten unweigerlich und genießerisch auf dem Gemälde, welches zu jeder Richtung von der Natur und den Göttern gemalt wurde. Die fernen Berge und Hügel, die Stadt Drios, die an Größe verlor, je weiter sie vorankamen, die Flüsse, die sich weithin durch ihre Täler und Schluchten bahnten, und der weite Himmel, der sich vom Abendrot wie Blut färbte und einen güldenen Schleier über das Land legte.

Sobald die Sonne untergegangen war, hatten sie tatsächlich den Sporn erreicht. Er ragte von den Hängen des Parzaros wie ein Balkon hervor und bot eine Menge ebenen Platz. Eine Statue der Aphrodite stand an seinem Ende und blickte liebevoll auf die Dörfer und Städte hinab. Wenige Kiefern wuchsen hier zwischen dem gelblichen Grase und dem stellenweise kargen Fels des Bodens.

Während Lystas Lehrlinge die Zelte errichteten und eine alte Feuerstelle entfachten, spazierten Kalliope und Thesios zur Aphrodite hin und schauten Arm in Arm hinunter in das Land. Ein Gefühl von unbändiger Freiheit erfüllte sie, eine Stärke und Zuversicht, die ihnen die werte Göttin nur gebracht haben konnte.

Und so verbrachten die Reisenden eine Nacht auf dem Bergsporn. Am Morgen, als die Sonne aufging, da saßen Kalliope und Thesios unter eine Decke gehüllt beisammen. Diese Nacht hatten sie ganz vorn bei der Statue verbracht, daher wurden sie sanft und liebevoll vom ersten Licht des Tages geweckt. Noch lange nach ihrem Erwachen saßen sie schweigsam dort zusammen und genossen jeden einzelnen Augenblick fern von ihren Sorgen.

Bald kam Lysta zu ihnen: „Ihr habt das Frühstück verpasst, aber wir haben euch von dem Obst übrig gelassen. Kommt jetzt! Wir werden gegen Mittag ankommen und dann beginnt für euch der Aufstieg zur Aphrodill.“

Gegen Mittag erreichten sie schließlich den Schrein, der aus einem prächtigen Tempelbau und einem steinernen runden Pavillon auf einem Felsen weiter oben bestand. Unterhalb des Tempels waren die Unterkünfte der Priesterinnen und Lehrlinge auf den meist kargen Felsen errichtet worden. Alles war überzogen von wild rankendem Efeu und schmuckvollen Blumen. Doch am prächtigsten erschien Kalliope und Thesios wohl die große bunte Statue der Aphrodite auf dem Vorplatz des Tempels. Beeindruckt von dem Anblick kam ihnen nun zum ersten Mal ein Zweifel auf. Sie wussten, dass es ernst wurde. Sie konnten nicht umkehren und sie wollten nicht fortlaufen. Ihr einziger Weg führte weiter den Berg hinauf, der imposant und gefährlich hinter dem Tempel aufragte.

Die Lehrlinge bereiten euch bereits Rucksäcke mit Proviant“, sprach Lysta mit sanfter Stimme, „Folgt mir, bitte! Der Steig, den ihr zu gehen wagt, beginnt versteckt hinter dem Tempel.“

Dort angekommen erkannten Kalliope und Thesios die Stufen, die von Menschenhand vor langer Zeit in die blanken Felsen geschlagen worden waren. Und nun wurde ihnen mulmig. Sie sahen einander an, um sich gegenseitig Mut zu schenken, und hielten ihre Hände fest ineinander.

Scheut euch nicht davor, dass euch unwohl zumute ist“, erklärte Lysta, „Der Weg ist alt und gefahrvoll, und dennoch müsst ihr ihm nur immer folgen, damit ihr droben bei der Blume ankommt. Es gibt nur diesen einen Weg.“

Und nun eilten die Lehrlinge mit zwei gut gefüllten Rucksäcken herbei, in denen sie ebenfalls die mitgebrachten Habseligkeiten der Liebenden verstaut hatten.

Es ist soweit, Thesios! Wollen wir es wagen?“, fragte Kalliope, die ihre Furcht mit Selbstsicherheit überspielte.

Thesios atmete durch. Es gab kein Zurück, für sie beide nicht. „Gehen wir!“, sprach er, ebenfalls bemüht seine Furcht zu überspielen.

Sie setzten die Rucksäcke auf, nahmen erneut einander an der Hand und begannen den Marsch in Richtung des Gipfels des Berges Parzaros. Sie wussten zu dieser Zeit nicht, wie viel der Steig von ihnen abverlangen würde, sie ahnten es womöglich, aber hofften auf das Beste.

Der Pfad war hier und da zerfallen, brüchig oder bereits gebrochen, so mussten sie einander helfen, um voran zu kommen. Immerzu half einer dem anderen über die teils sehr tiefen Klüfte und über die weggebrochenen Treppenstufen hinweg, ehe dann der andere dem einen half, doch sie überwanden mit bleibender Furcht jedes dieser Hindernisse.

Und es kam, wie es vorauszusehen gewesen, dass sie ihre Haut ab und an aufschürften. Doch wann immer sich jemand verletzte, kam der andere zu ihm hin und pflegte die Wunde mit aller Liebe. Und so konnte selbst die tiefe Wunde in Kalliopes Hand, die sie sich bei einem Sturz zuzog, nicht verhindern, dass sie ihren Weg fortsetzten. Dass Thesios ihr seinen wertvollen Schal um ihre verletzte Hand band, obwohl er wusste, dass all das Blut nicht wieder aus dem Andenken seiner Eltern heraus zu waschen war, das hatte die Frau so sehr gerührt, dass sie fortan jegliche Furcht vor ihrer Zukunft verlor. Zum Glücke der beiden, oder vielmehr: ihrer Fürsorge und ihres Miteinanders zum Danke blieben die Verletzungen stets milde.

Thesios hielt manchmal inne mitten im Steigen und schaute verzweifelt zum Gipfel des Berges hinauf, der ihnen lange Zeit kein Stück weniger fern zu werden schien. Und abends saß er dann am Feuer und mochte gar nicht merken, wie betrübt er in die Flammen schaute. Doch da setzte sich Kalliope neben ihn, legte ihren Kopf an seinen und summte ein schönes Lied, ehe sie Arm in Arm sich aneinander kuschelnd einschliefen. So kam es, dass Thesios seine Zweifel und Furcht, die im Laufe des Tages anschwollen, in jeder Nacht überwand, um gestärkt und mit Kraft den Weg fortzusetzen.

An einem der vielen Tage, die sie unterwegs gewesen, da fiel Kalliope auf, dass Thesios seine Zweifel verloren hatte. Er hielt inne, an dem Tag, und sie hatte bereits gefürchtet, er verfiele wieder dem Zweifel, stattdessen jedoch zeigte er in den Himmel, an dem ein Adler seine Kreise zog. Ein Lächeln lag dabei auf des Mannes Lippen und Kalliope wusste, sie hatten beide ihre Furcht verloren.

Trotz alledem kam es im Laufe der letzten Tage zu Unmut unter ihnen. Allmählich gingen ihnen die Vorräte aus und sie fanden kaum noch Wild, das sie jagen konnten. Wasser fanden sie reichlich hier und da in unzähligen kleinen Quellen, die aus dem Berg sprudelten, doch die Nahrung mussten sie streng einteilen. Das führte schließlich dazu, dass sie ein Hunger überkam, der ihre Stimmung ungleichmäßig schwanken ließ. Immer häufiger stritten sie an dem Tag, an dem sie das Ende des Pfades erreichen sollten. Über Nichtigkeiten, wie sie im Nachhinein feststellen mussten, aber an jenem Tag war kein Grund zu klein, um den aufkommenden Missmut zu äußern. Obwohl sie nur bei wenigen Streits zu einer Schlichtung fanden, rauften sie sich zusammen und halfen einander weiterhin.

So kam es, dass sie die letzten zerfallenen Stufen einer langen Treppe hinaufkletterten und vor sich eine Mauer aus natürlichem Fels sahen, in der ein ovales Rund herausgemeißelt worden war, an welchem gelegentlich Felsbrocken herausgebrochen waren und drunten auf dem Boden lagen. Dieser Durchgang führte in eine Felsspalte mitten im Berghang, in die gebündelte Sonnenstrahlen fielen, als wären sie ein güldenes Licht, das jeden Reisenden begrüßen sollte. Inmitten dieser ovalrunden Felsspalte stand die Ruine eines einst prächtigen Tempels, der von blühendem Grün überwuchert war und hinter dem an den steil aufragenden Felshängen kleine Wasserfälle plätscherten. Ein See hatte sich hinter dem Tempel gebildet, der über einen kleinen Bach aus dem Spalt hinaus floh und dort den Berg hinabstürzte.

Atemberaubend!“, sprach Thesios in die plätschernde Stille hinein.

Ja, mein Liebster!“, antwortete Kalliope, und in diesem Augenblick war jeder Streit sofort vergessen.

Lass uns hineingehen!“, meinte Thesios, der es nun kaum erwarten konnte, die magische Blume der Aphrodite zu sehen.

Aber Kalliope hielt ihn zurück von dem Schritt, den er zu gehen begonnen hatte. „Der Tempel ist zerfallen, Thesios. Wenn es hier einst eine göttliche Blume gegeben hat, mag sie vielleicht dennoch über die Zeit vergangen sein.“

Das will ich nicht glauben! Nicht, nach allem, was wir überstanden haben.“

Und trotzdem! So schön dieser Ort auch sein mag, wir finden vielleicht nicht, wonach wir suchen.“ Zweifel hatten Kalliope ereilt. Angst hatte ihr Herz beschlichen.

Lass uns nachsehen“, meinte Thesios, der dieser Furcht nicht minder zugewandt war.

Abermals nahmen sie einander bei der Hand und stiegen über den Schutt in das Innere des Tempels. Ein einziger Lichtstrahl fiel dort durch das zerstörte Dach hinein, unmittelbar auf eine Stele aus Stein. Und vor dieser Stele, da stand eine Blume aus Marmor, eine Knospe von Schönheit und Pracht.

Die Aphrodill!“, meinte Thesios enttäuscht, „Sie ist aus Stein? Wie soll sie sich dann öffnen können?“

Sie traten beide näher heran, gingen vor der Aphrodill auf die Knie und besahen sie von allen Seiten. Thesios verlor darauf den Mut, seine Zweifel kehrten zu ihm zurück. Sie hatten die Aphrodill gefunden und ihre Liebe war nicht weniger geworden, aber wie sollten sie einen Beweis für den Bürgermeister nehmen? Die Zweifel und Ängste übermannten ihn und auch Kalliope sank in ihre Zweifel. Bis zum Sonnenuntergang, als der Lichtstrahl gemächlich von der Stele in den hinteren Teil der Halle zu einer zerfallenen Statue der Aphrodite zu wandern begann, saßen sie beide bekümmert da. Aber nun erkannte Kalliope einen Schriftzug auf der Stele. Sie stand auf, wischte sich die Tränen aus den Augen und las im fahlen Licht laut vor: „Habt ihr den Weg hierauf gemeinsam überwunden, so bindet euch ein wahrhaft starkes Band.“

Ist das alles? Was hilft es uns denn jetzt? Wenn wir zurückkehren, wird uns nur Schlimmes erwarten. Wir können nur fliehen!“, sprach Thesios darauf. Und nun stand Kalliope dort im Staube und sah den Mann, den sie liebte, in Verzweiflung ertrinken. War es der falsche Tempel, der falsche Weg? Hatten sie irgendetwas übersehen? Kalliope sah sich um. Der Lichtstrahl hatte das Ende der Halle erreicht und beinahe hätte sie es gar nicht bemerkt, doch sie sah ein zweites Mal hin und erkannte etwas Glitzerndes zu Füßen der zerbrochenen Statue. Sie atmete tief durch, ging dorthin und beugte sich hinab zu der Stelle, wo sie das Glitzern gesehen hatte. Unter dem Staub der Zeit, als sie ihn fortwischte, dort erkannte sie einige Münzen aus Gold.

Thesios, rasch! Komm her!“, rief sie aufgeregt.

Und diese Aufregung brachte Thesios dazu, ihrem Ruf schnell zu folgen. „Was ist? Hast du etwas entdeckt?“

Sieh dir das an! Es sind alte Göldmünzen!“, sprach sie und hielt ihm eine davon hin.

Nun beugte er sich hinab und wischte noch mehr Staub und Dreck von dem vermeintlichen Schutt. Da lagen Gefäße, Schatullen, Schmuck und Edelsteine, zumeist Objekte aus Gold, nur wenige aus schwarz angelaufenem Silber.

Dieser Schatz! Das müssen alte Opfergaben an die Aphrodite sein“, fiel es Thesios sogleich ein.

Und wenn wir ein einziges Stück nur nähmen, ein einziges, das allen beweisen soll, welche Liebe uns verbindet?“, meinte Kalliope mutschöpfend.

Es sind Gaben für eine Göttin! Kalliope, das wäre frevelhaft!“, empörte sich Thesios, obgleich auch er diese Idee längst ersonnen hatte.

Gaben, ja! Für die Göttin der Liebe. Ich denke, Aphrodite wird es uns vergeben, wenn wir dies einzelne Stück uns nehmen“, sagte Kalliope darauf und hielt einen zierlosen goldenen Ring vor Thesios, „Ihr soll doch nichts lieber und teurer sein als die Liebe selbst. Meinst du nicht?“

Thesios überlegte. Jeder kannte von Kindesbeinen an die Geschichten und Legenden der Götter. „Vielleicht hast du Recht! Aber lass uns schwören, dass wir ihr im Tempel in Mosos diesen Ring als neue Gabe reichen, damit sie weiß, dass wir sie nicht bestehlen wollen!“

Und so war es abgemacht. Thesios und Kalliope kehrten mit dem Ring als Beweis nach Mosos zurück. Der Bürgermeister musste einsehen, dass er Thesios falsch beurteilt hatte, und dieser Fehler sollte dann auch sein letzter gewesen sein. Die Menge verlor das Vertrauen in ihn endgültig, man verbannte ihn auf Lebenszeit. Die Bauern konnten ihren Leumund wiederherstellen und so kehrte mit Kalliopes und Thesios’ Hochzeit der Frieden in Mosos ein.

(Ende)

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14. Februar 2019; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 20-30 Minuten; Genre: Fantasy, Liebesgeschichte; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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