Das Rot der Blätter

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Der Blick lag auf dem sternenlosen Himmelszelt, einem riesengroßen Meer aus Dunkelblau und Nachtschwarz. Vor dieser endlos weit entfernten Düsternis waberten greifbar nahe, kleine Lichter, tanzend und friedvoll summend flogen sie hin und her, auf und nieder. Sie sprühten tausend kleine Funken von sich, die rasch verloschen. Anmutig erhellten sie die kleine Geisterwelt Immernacht, schenkten den hohen Gräsern sowie den blauen und violetten Blumen im Garten ihr Leben.

Ulfi stand angelehnt an der hölzernen Balustrade und schaute hinab in den Garten auf die Lichter, die auf den Pflanzen tanzten, ihr Summen in melodischem Einklang ertönte, während sich die Blumen nach ihnen reckten und die Köpfe öffneten.

So viel Licht“, sprach die kleine Ulfi, „Aber drüben in der Menschenwelt, da soll es ein Licht geben, das so gleißend hell ist, dass der Himmel ganz erleuchtet ist. Tag nennen es die Menschen. Ich frage mich, wie es wohl ist…“

Ulfi stützte die Arme auf die Balustrade, schweifte den Blick erneut hinauf in den Nachthimmel. Als sie den rechten Fuß einen Schritt nach hinten setzte, knarzte unter ihm der Holzboden. Und wie Ulfi dieses Knarzen vernahm, da fiel ihr ganz plötzlich ein, dass vor weniger als einer halben Stunde die Elfen in die große Halle gerufen worden waren. Sie erschrak. Wie hatte sie es vergessen können? In diesem Herbst wollte sie doch unbedingt ausgewählt werden, um in die Menschenwelt hinaus zu kommen! Sie wollte das große Licht mit eigenen Augen sehen!

Rasch drehte sie sich auf dem zum Garten offenen Außenflur um, knarzend bog sich das dünne Holz unter den tapsigen Füßen. Sie öffnete die schmale Tür zu ihrem Zimmer, die oben in einen gleichmäßig runden Bogen eingelassen war, schnappte sich ihr grünes Mützchen und zog es im Laufen auf ihr braunbehaartes Köpfchen. Die Tür zum Zimmer ließ sie offen stehen.

So rannte sie, so schnell sie konnte, den offenen Flur entlang, ließ sich vom bezaubernden Anblick des Gartens nicht länger in ihre Sehnsuchtsgedanken entführen. Am Ende dieses Flures kreuzte ihn ein zweiter. Nach der einen Seite führte er offen fort um den Garten herum und nach der anderen tauchte er in den großen Bauch des hölzernen Elfenschlosses ein. Dorthin musste sie.

Ein Stück weit folgte sie dem mit Wandteppichen und anderen Stoffen verzierten Gang, bis sie ihn über eine seitlich angefügte Treppe verließ. Obgleich die hohen Stufen ihr Geschwindigkeit wegnahmen und viel Kraft von ihrem schmächtigen Körper verlangten, so wollte sich Ulfi nicht verleiten lassen, hinaufzuschweben. Diese Fähigkeit, den leichten Körper über viele Meter in die Höhe zu erheben, indem man schlicht tief Luft einsog und diese in den Lungen staute, hatten alle Elfen. Manche konnten ihre Luft über wenige – höchstens nämlich zwei – Stunden anhalten, anderen, so wie Ulfi, gelang es nur für zehn Minuten am Stück. Und weil die kleine Elfe wusste, dass die Fähigkeit erschöpflich war und einige Zeit der Ruhe brauchte, um danach erneut genutzt werden zu können, wollte sie noch nichts verbrauchen.

Stattdessen hastete sie flinken Fußes die lange, steile Treppe hinauf, bog oben in einen weiteren, einen durch Fenster geschlossenen Außenflur ab. Erst hier musste sie vom Lauf ins zügige Schlendern übergehen, weil die Treppe ihr sehr anstrengend gewesen war. Die an den großen Fenstern entlangschwebenden Lichter betrachtete Ulfi mit Sorge, denn ihr bebendes Herz mochte ihr in seiner Aufregung einreden, sie würde heute erneut nicht als Helferin ausgewählt werden.

Alsbald erreichte Ulfi unter den schräg ansteigenden Flurdecken die riesig großen Flügeltüren, hinter denen die große Halle lag, welche zum Speisen und für Versammlungen und gelegentlich, ohne dass es eine Erlaubnis gab, als Spielplatz für die Elfen diente.

Zu diesem Zeitpunkt standen die Flügel der Tür weit offen und geräuschvolle Aufregung drang zu Ulfi auf den Flur hinaus. Sie schnappte tief nach Luft, hob darum ein Stück vom Boden ab und landete erschrocken auf dem Boden vor Alfi. Das Schweben hatte sie nicht gewollt.

Du bist aufgeregt, nicht wahr?“, fragte der Elf belustigt, doch Ulfi antwortete ihm nicht, denn ihr waren die Worte fest verschnürt im Halse stecken geblieben.

Sie betrat die Halle und schon schloss man hinter ihr die Tür, wohl, weil Ulfi die letzte war, die erwartet wurde.

Droben auf der Bühne, am anderen Ende des hohen Raumes und vor den riesenhaften Bogenfenstern, standen vier großgewachsene Elfen nebeneinander. Es waren die vier Herren der Jahreszeiten in ihren feinen Westen und den schweren Umhängen, die über einer Schulter hingen.

Der Herr des Winters mit seinem mattblauen Umhang über seiner weißen Weste und dem grauen Hemd, stand etwas versteckt hinter dem Herrn des Herbstes, dessen dickliche Statur ihn gar vortrefflich verbergen mochte. Der Herr des Herbstes bemerkte das nicht. Er war beschäftigt damit, die rote Fibel fest in den erdbraunen Umhang einzuhaken, denn wie Ulfi neulich erst vernommen hatte, war das Metall seiner prächtigen Fibel schwach geworden und musste bald erneuert werden. Neben diesen beiden standen der Herr des Frühlings und der Herr des Sommers in ein aufgeregtes Gespräch vertieft.

Nur einer fehlte auf der Bühne noch, aber ehe Ulfi sich nach der hohen Elfe umsehen konnte, kam sie bereits von der Seite her dazu. Gespräche wurden abgebrochen, Stille kehrte ein, als die große Elfenfrau langsamen Schrittes in die Mitte der Bühne trat. Ihre Augen leuchteten in den Farben des Regenbogens, ihr langes erdbraunes Haar war verziert mit den roten Blättern des Ahorns und bunten Frühlingsblumen, der kräftige Körper war gehüllt in ein schneeweißes Kleid unter einem goldgelben Umhang, zwei metallene Reifen schlängelten sich um ihre blanken Oberarme und reflektierten alles Licht. Sie war die Herrin der Jahreszeiten.

Nun erhob sie die Stimme: „Meine lieben Elfen! Der Herbst ist angebrochen. Und der Meister wird hinausgehen, um die Pflanzen der Menschenwelt durch diese stürmische Zeit zu begleiten. Von euch wurden erneut Helfer ausgewählt.“

Sie wandte sich dem Herrn des Sommers zu, der unter seinem dunkelroten Umhang ein eingerolltes Pergament hervorholte. Er reichte es mit Sorgfalt der Herrin, trat danach einen Schritt zurück.

Auf diesem Pergament sind all jene Elfen aufgelistet, die wir ausgewählt haben, zu helfen. Die Aufgerufenen mögen sich bitte vor der Bühne sammeln“, sprach sie. Dann rollte sie das Pergament aus und begann, vorzulesen: „Lusi, Ari, Melchi, Miri, Alfi…“

Mit jedem weiteren Namen wuchs die Nervosität in Ulfi, die Angst stieg sogar, sie könnte ihren Namen überhören. Die zittrigen Hände, zu Fäustchen geballt, fieberten hoffnungsvoll mit, doch je mehr Elfen aufgerufen wurden, umso stärker schwand die Hoffnung, verblich zu einer traurigen Enttäuschung. Bald schon waren alle Namen vorgelesen, die Herrin gab das Pergament zurück in die Hände des Herrn des Sommers, ein Jubel ertönte vor der Bühne und Beifall wurde den Ausgewählten zuteil. Klar! Sie freuten sich. Zurecht! Doch Ulfi konnte sich für sie nicht freuen, zu schwer war die Trauer darüber, zum dreiundsechzigsten Male nicht ausgewählt worden zu sein.

Der Blick der kleinen Elfe fiel zum Boden hin, sie kämpfte schluchzend gegen die Tränen an, und merkte darum nicht, wie eine Stille in den Saal einkehrte. Die Herrin der Jahreszeiten hatte die Bühne verlassen, schritt durch die Menge auf die große Flügeltür zu. Erst als die Herrin ganz nah war, bemerkte es Ulfi erschrocken. Kurz sah die kleine Elfe zu ihr auf, doch die Enttäuschung war zu groß, als dass sie den Anschein mimen konnte, es sei alles in Ordnung. So sank der Blick der kleinen Elfe zur Seite hin, um den erwartungsvollen bunten Augen der Herrin zu entgehen.

Diese aber wusste ganz genau, wie der Elfe zumute war, vermutlich wussten es alle im Saal, die lange darauf warten mussten, in die Menschenwelt hinaus zu dürfen. So ging die Herrin, die gut doppelt so groß war wie Ulfi, vor ihr auf die Knie, legte tröstend eine Hand auf ihr grünbemütztes Köpfchen und sprach: „Ulfi, meine Liebe, du wartest nun schon so lange. Die Herren und ich haben entschieden, dass du in diesem Herbst zum ersten Mal Immernacht verlassen darfst.“

Mit Absicht, so glauben es die meisten, ließ die Herrin ein Schweigen folgen, das geduldig darauf wartete, dass Ulfi ihr Glück begriff. Es dauerte zweimal Schniefen und einmal Überlegen, doch dann wich die Enttäuschung aus Ulfis Gesicht. Ungläubig blickte sie mit großen Augen zur Herrin auf, die bereits ein warmes Lächeln auf den Lippen trug.

Aber, Herrin!“, rief Ulfi, als sie zu verstehen versuchte, „Ich wurde nicht aufgerufen!“

Ich weiß. Es war der Herr des Herbstes, der sich bereit erklärte, dir die Menschenwelt zu zeigen. Du weißt doch, wie es mit Erstlingen ist?“

Ulfi überlegte, doch ihr bebendes Herz war so laut, dass es ihre Gedanken übertönte.

Du darfst dem Herrn des Herbstes nicht von der Seite weichen. Ich möchte nicht, dass du uns verloren gehst!“

O, ja, richtig! So war es!“, bestätigte Ulfi die Herrin. Der Blick schweifte an der Elfe vorbei zur Bühne, auf der mit viel Geduld sich die Herren von Ulfis Freudestrahlen anstecken ließen. Die Herrin begleitete Ulfi zu den anderen Elfen vor der Bühne, von denen sie fröhlich empfangen wurde.

Meine lieben Elfen“, sprach die Herrin, die auf ihren Platz vor den Meistern zurückgekehrt war, „Lasst uns zum Geisterbaum aufbrechen!“

Zum ersten Mal kamen Ulfi die Gänge des Elfenschlosses sehr eng und klein vor, als sie im Elfenpulk durch sie hindurchwanderte, zum Ausgang hin, vor dem eine bläuliche Wiese ohne Pfade lag. Auf blankem Fuße wanderten sie durch das hohe Gras, begleitet von den schwirrenden und summenden Lichtern, auf ein kaum merkliches Licht im fernen Schwarze zu. Die Elfen, die nicht ausgewählt wurden, begleiteten den Zug der Erwählten mit Laternen, in denen sich die schwirrenden Lichter gerne tragen ließen. Bereits zweiundsechzigmal hatte Ulfi den Zug mit ihrer eigenen Laterne begleitet, doch dieses Mal war es anders. Eine freudige Furcht durchdrang ihren Körper.

Bist du sehr aufgeregt? Hebst gleich wieder ab, was?“, ertönte Alfis Stimme neben ihr, aber Ulfi lächelte ihm bloß zu.

Das kaum merkliche Licht wurde deutlicher, die Halme wuchsen höher und waren zunehmend von den blauen und violetten Blumen durchsetzt.

Jetzt reichten die Halme den kleinen Elfen schon bis zum Halse, als der Zug an einem riesenhaften Baum ankam. Weit streckte er seine mächtigen Äste in alle Richtungen, thronend auf einem gar monströsen Wurzelwerk, das sich durch die Wiese zog, ehe es tief in den erdigen Boden Immernachts eindrang. Tausende Lichter waberten um sein blaugrünes Blattwerk herum und labten sich an den zahlreichen Leuchtfrüchten, die wie Lampions von seinen Ästen herabhingen.

Der Geisterbaum! Lebensquell aller Bewohner Immernachts und Hüter eines Portals in die Menschenwelt. Vor vielen, vielen Jahreszeiten war Ulfi selbst aus einer Leuchtfrucht geschlüpft und damit ein Teil Immernachts geworden. Jetzt sollte ihre Geburtsstätte sie hinaus führen in eine wundersame andere Welt.

Ulfi!“, ertönte die laute Stimme des Herbstmeisters, „Komm her zu mir!“

Ulfi folgte dem Rufen mit zögerlichen Schritten. Der dickliche Herr hatte sich vor alle Elfen, die anderen Herren und die Herrin auf eine große Wurzel des Geisterbaums gestellt. Unter erwartungsvollen Blicken trat die kleine Elfe neben ihn.

Du weißt es vermutlich schon. Du warst ja oft genug hier. Aber ich erkläre es dir dennoch.“ Nun setzte er seinen Rucksack auf der Wurzel ab, wühlte, zog einen Pinsel mit roten Borsten heraus und reichte ihn der kleinen Elfe. „Dies wird dein Werkzeug sein. Seine Borsten sind mit der Schattenfarbe getränkt. Auf diesen Pinsel musst du unbedingt Acht geben. Du darfst ihn nicht verlieren!“

Ulfi bestaunte den Pinsel, aber erwiderte nichts.

Und von nun an, bis wir nach Immernacht zurückkehren, wirst du an meiner Seite bleiben!“

Ulfi nickte wortlos.

Zufrieden reichte der Herr des Herbstes weitere Pinsel an die wartenden Elfen. Manch andere erhielten Scheren. Ulfi hatte gehört, dass sie damit Früchte von den Bäumen schnitten, die nicht von allein gefallen waren. Wieder andere erhielten kleine Säckchen, in denen die Herbstwinde schlummerten, und zuletzt wurden Wolkengläser verteilt, in denen über den Sommer hinweg Wolken mit so viel Wasser genährt wurden, dass sie dunkel und schwer geworden waren. Alfi, der schon viele Male dem Herrn des Herbstes geholfen hatte, erhielt in dieser Jahreszeit eine besondere Aufgabe, wohl, so dachte es sich Ulfi, weil der Herbstmeister einen Erstling begleitete.

So überreichte er Alfi ein gefaltetes graues Tuch. Ulfi hatte auch davon schon gehört. Es sollte den Himmel verdecken, ohne das Licht der Sonne zu versiegen, sondern um die Hitze der Sonne bis zum Frühling zu verhüllen.

Als die Werkzeuge verteilt waren, stimmten die Elfen in ein wohlklingendes Lied ohne Worte ein, das die ausgewählten Elfen in eine düstere Höhle zwischen den mächtigen Wurzeln des Geisterbaumes hin zu einer Stele aus Stein geleitete.

Der Herr des Herbstes legte seine Hand auf die mannsgroße Stele, die Erde unter ihm erzitterte. Ulfi hielt indes den Pinsel noch fester als zuvor. Mit einem Mal erlosch alles Licht um sie herum, das Summen vor dem Baum erstickte in einem einzigen lauten Plätschern. Dann kehrte Helligkeit ganz langsam zu ihnen zurück, doch sie befanden sich längst nicht mehr unter dem Baum. Die Stele stand nun oben auf einem hohen Hügel, von Gras bewachsen und unter nächtlichem wolkenlosem Himmel.

Ulfi sah sich erschrocken um, doch rasch zog sie der Anblick von Milliarden funkelnder Sterne in den Bann. Beinahe ward ihr schwindelig. Der Herr des Herbstes legte seine Hand auf ihren Kopf, sodass die grüne Mütze tiefer in die Stirn und über ihre Augen rutschte. Der Herr lachte brummend, während Ulfi die Mütze von den Augen fortschob. Mit kurzem Druck drehte der Herr des Herbstes ihren Kopf herum. Vor ihr strahlte mit silbernem Glanz der fast runde Mond.

Ist das… die Sonne? Ist das Tag?“

Nein, Ulfi, es ist Nacht. Dies ist der Mond. In wenigen Tagen wird er vollrund sein und noch heller leuchten als jetzt. Aber die Wolken werden ihn verdecken, daher genieße den Anblick.“

Es ist atemberaubend, nicht wahr, Ulfi?“, meinte eine der Elfen und ein anderer fügte hinzu: „Bei meinem ersten Besuch hier konnte ich den Blick nicht vom Himmel nehmen.“

Gebannt standen all die Elfen auf dem Hügel, die Häupter zum Himmel gereckt, beleuchtet von dem silbrigen Schein des Mondes.

Ulfi war sogar so gebannt, dass sie die Luft einsog und nicht mehr ausatmen konnte. Sie merkte gar nicht, wie sie abhob von dem Gras, aber sie merkte wohl, dass sie dem Mond ein Stück näher kam: „Zum Greifen nah. So schön!“ Die Luft entwich ihren Lungen. Sie stürzte. Ein Schreckensschrei löste sich, aber der Herr des Herbstes fing Ulfi auf.

Er lachte brummend: „Wir sollten uns an die Arbeit machen. Meine lieben Elfen, verteilt euch! Vor Sonnenaufgang treffen wir uns alle hier wieder.“

Jubel brach los, als der Meister Ulfi absetzte. Wild und freudestrahlend liefen die Elfen den Hügel hinab und waren bald in einem dichten Wald zu seinen Füßen verschwunden.

Auch wir beide brechen auf. Denke daran, dicht bei mir zu bleiben!“

Ulfi nickte sprachlos und tappte hinter dem Meister den Hügel hinab.

Die Welt ist wunderschön!“, rief Ulfi laut aus.

Ja, das ist sie! Und wir helfen, damit es so bleibt!“, erwiderte der Meister.

Sie erreichten den Waldrand. Viele Bäume mit prächtigem Laubgeflecht erhoben sich vor ihr, doch die Düsternis, in die sie getaucht zu sein schienen, verängstigte Ulfi. „Wo sind denn all die Lichter?“, fragte sie.

Die gibt es hier nicht! Wenn wir ein paar Schritte gegangen sind, werden deine Augen mit dem dumpfen Licht vom Himmel auskommen. Du musst dich nicht fürchten.“

Sie machten ein paar Schritte, bis Ulfi die Furcht allmählich verlor. Auf den Bäumen erspähte sie nun auch andere Elfen, die tüchtig dabei waren, alle Blätter der Bäume mit den Pinseln zu bestreichen.

Steig auf diesen Baum hinauf, Ulfi. Wir werden seine Blätter färben“, sprach der Herr des Herbstes.

Ulfi sah zum Pinsel in ihrer Hand hinunter: „Ich… ich verstehe nicht.“

Mit der Schattenfarbe werden wir die Blätter färben. Rot und gelb werden sie gemacht.“

Ohne weitere Worte sog der Herr die Luft ein und schwebte hinauf auf einen Ast des Baumes. Bei seinem Gewicht musste er inmitten des Schwebeflugs noch einen weiteren Zug Luft nehmen. Ulfi zögerte noch, folgte ihm dann aber. Bedächtig pinselte sie über die Blätter, die unter der Schattenfarbe erröteten. Ulfi mochte das Grün zwar, es war wie ihre liebste Mütze, aber das Rot gefiel ihr ebenfalls. Mit Begeisterung und nicht, ohne sich gegen gelegentliche Blicke zu den Sternen wehren zu können, pinselte sie fort und fort.

Als der Baum fertig war, zogen der Herbstmeister und sie zum nächsten. Bald hatten sie drei Dutzend Bäume hinter sich gelassen, als die ersten Winde zogen und freigelassne Wolken über das Sternenmeer schoben. Eine leichte Erschöpfung ereilte Ulfi. Sie setzte sich auf einen Ast, blickte zum Meister auf, da sie ihn nicht aus den Augen verlieren wollte, und ließ den weiterhin begeisterten Blick danach zurückfallen.

Ein rotes Blatt segelte vor ihrem Gesicht gemächlich zu Boden, Ulfi folgte ihm mit den Augen. Dort unten, an den Wurzeln der Bäume häuften sich bereits zahlreiche der gefärbten Blätter. So schwebte Ulfi zu ihnen hinab.

Wohin gehst du, Ulfi? Bleib hier!“, rief ihr der Herbstmeister nach, aber sie hörte nicht. So folgte ihr der Herr.

Was ist mit ihnen?“, fragte sie. Sie spürte gleich, wie trocken die Blätter waren, der Tod hatte sie ereilt.

Sie werden trocken und fallen hinab. Die Schattenfarbe lässt sie sterben.“

Ulfi erschrak. Entsetzt sah sie zum Herrn des Herbstes auf.

Sei nicht traurig, Ulfi. Der Tod ist dem Laub gewiss, aber er ist nicht sinnlos. Aus den Resten dieses Laubes werden andere Pflanzen wachsen, später, wenn der Winter vorüber ist.“

Ulfis Entsetzen aber war so groß, dass sie den Pinsel fallen ließ: „Ich will das nicht! Können wir die hübschen Blätter nicht leben lassen?“

Bedaure, Ulfi, das geht nicht!“, blieb der Herr des Herbstes streng, „Sieh mal: Die Schattenfarbe lässt die Blätter friedlich einschlafen. Wenn wir das nicht für sie tun, werden sie im Winter jämmerlich und bitterlich erfrieren.“

Er beugte sich hinunter, hob den Pinsel auf und hielt ihn Ulfi hin: „Die Welt der Menschen ist eine vergängliche. Alles, was jetzt lebt, wird irgendwann einmal sterben und danach zu neuem Leben werden. Wir sorgen dafür, dass der Tod weniger grausam ist, um das Leben auf diese Weise schöner zu machen.“

Ulfi schniefte. Die Erklärung verstand sie, doch traurig blieb sie fürderhin. Langehin arbeiteten sie sich von Baum zu Baum, tiefer in den Wald hinein.

Schlaft friedlich, Blätter!“, murmelte Ulfi immerzu, ehe sie mit eingesogener Luft dem Herbstmeister auf den nächsten Baum folgte.

Als sie irgendwann den Blick zur Seite warf, da stand auf Mal ein andersartiger Baum im Wald. Und um ihn herum waren weitere seiner Art gruppiert. Neugierig fragte sie: „Herbstmeister! Der Baum dort, was ist das für einer?“

Es ist ein Immergrün. Seine Blätter nennt man Nadeln. Und seine Wurzeln reichen nicht tief. In diesem Wald kommen sie häufig vor.“

Werden wir sie färben? Ich würde gerne näher heran.“

Nein, nein“, entgegnete der Herr, „Die Nadeln müssen nicht gefärbt werden.“

Warum nicht?“

Das Immergrün friert nicht!“, antwortete er schlicht.

Ulfi verstand es nicht so recht, wollte weiter nachfragen, doch der Herr des Herbstes wies sie zur Stille an. Er lauschte, spähte in den leicht bewölkten Himmel hinauf.

Es ist an der Zeit, Ulfi. Wir kehren zurück zum Hügel!“

Mit eiligen Schritten zogen sie also hin zur Stele, auf dem Weg gesellten sich mehr und mehr Elfen dazu, denen die Erschöpfung mal mehr, mal weniger anzusehen war. Ulfi hielt den Blick in den roten Baumwipfeln, sah gelegentlich den wenigen Blättern nach, die sterbend zu Boden fielen, wollte nicht den aufgeregten Gesprächen lauschen.

Auf dem Hügel dann setzten sich die Elfen um die Stele ins Gras, warteten auf die Sonne. Ulfi blickte in den gefärbten Wald hinein, aus dem hier und da das Immergrün herauslugte.

Ein sterbender Wald. Wie traurig!“, flüsterte sie.

Ulfi, was hast du?“, wollte Lusi wissen. Andere Elfen sahen sich zu ihr um.

Es ist so traurig, dass der Wald sterben muss“, meinte sie und wollte bitterlich weinen.

Aber, Ulfi! Der Wald stirbt nicht. Nur sein Laub, damit es im Frühjahr zu neuem Leben werden kann“, entgegnete Alfi.

Warte ab! Wenn du im Frühling hinaus darfst, wirst du es sehen. Der Wald wird blühen! Voller Leben!“, rief eine andere Elfe.

Ja, das stimmt!“, rief ein weiterer Elf, „Die Bäume werden jetzt überwintern.“

Wie sie alle zu Ulfi sprachen und mit ihren lieben Worten die Trauer hinfortfegten, da kroch aus ihrem Bett die Sonne heraus. Der Himmel erleuchtete in der Ferne wie ein glutrotes Feuer und drängte die Schatten der Nacht hinfort. Dieser Anblick – wahrlich – erfüllte Ulfis Seele mit Magie.

(Ende)

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05. Oktober 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 9-16 Minuten; Genre: Fantasy, Herbstgeschichte, Märchen; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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