Das vierte Licht

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Es war so weit: Am heutigen Tage sollte in dem Dorfe Snewing die vierte der jährlichen Lichtreisen stattfinden. Besonders diese sorgte bei den Kindern für große Aufregung, schließlich war es die letzte Gelegenheit in diesem Jahr, um bei der Zeremonie ausgewählt zu werden, und wer heute nicht erwählt wurde, der musste immerhin ein ganzes Jahr auf eine weitere Gelegenheit warten. Dementsprechend hatten in der vergangenen Nacht nur die Älteren ruhig schlafen können. Die meisten Kinder, und so auch Amya, waren fast die ganze Nacht hindurch wach geblieben, nicht, weil sie es wollten, sondern weil sie vor Aufregung kein Auge zubekamen.

Amya selbst hatte die Nacht über auf dem Rücken gelegen, bis zum Halse zugedeckt, sodass nur ihr Kopf herauslugte. In dieser Finsternis konnte man eigentlich nichts als Schwärze sehen, doch Amya bildete sich mit stetem wachem Blick ein, sie könne die Deckenbalken schemenhaft erkennen. So starrte sie stundenlang in der Dunkelheit zur Zimmerdecke hinauf, ihre Füße spielten mit der Wärmflasche, schoben sie hin und her, aber die Zeit verging trotzdem nicht schneller. Amya wollte dieses Jahr unbedingt Lichtreisende werden! Sie wollte kein weiteres Jahr warten müssen, bis sie endlich allen beweisen konnte, dass sie sehr wohl fähig und stark genug dafür war. Und so wundert es nicht, dass sie nach wenigen Stunden alle Versuche aufgab, doch noch einzuschlafen.

Sie stand auf, griff in der Dunkelheit zur Lehne eines Stuhls, der neben ihrem Bett stand, und nahm den wärmenden Umhang, der darüber hing. Dann glitt sie mit den Füßen in ihre Pantoffeln und stapfte ruhelos im Zimmer auf und ab. Einen Fuß nach dem anderen und immer im Takt der Wanduhr.

Als sie irgendwann schnaufend anhielt und ihr nichts mehr einfallen wollte, womit sie diese schier endlose Nacht herumbringen konnte, da klopfte es zaghaft an ihre Türe. Im ersten Moment war sie erschrocken, doch dann sah sie den Schein einer Öllaterne, der flackernd unter der Tür durchschimmerte, und hörte die vertraute Stimme: „Amya, Kindchen. Bist du wach?“, flüsterte die alte Frau.

Ja, Oma Yidna!“, antwortete das Mädchen.

Ich höre dich schon eine Weile im Zimmer auf und ab gehen. Kannst du nicht schlafen?“

Ich versuche es! Entschuldige!“, meinte Amya und wollte sogleich wieder in ihr Bett krabbeln, aber die alte Dame schlug ihr etwas andres vor: „Lass gut sein, Amya. Komm mit mir in die Stube. Aber leise. Hörst du?“

Ja, Oma!“, erwiderte das Mädchen und schlich leise zur Tür, die es vorsichtig einen Spalt weit öffnete, gerade so weit, dass sie ihren Kinderkopf hindurchstecken konnte. Yidna lächelte ihre Enkeltochter an und winkte sie zu sich hinaus auf den Flur. So gingen sie leise die Treppe in die Stube des zweistöckigen Hauses hinunter. Während die Großmutter die glimmende Glut im Kamin mit neuem Holz entfachte, setzte sich Amya mit der Öllaterne an den Tisch. Sie musste vor Müdigkeit gähnen, aber sie wusste genau, dass sie trotzdem nicht einschlafen würde.

Bald saßen sie zu zweit am Tisch: „Du bist aufgeregt, nicht wahr? Die Nacht vor der vierten Lichtreise ist immer die längste. Ich erinnere mich gut daran, dass ich als Kind in diesen Nächten auch nicht schlafen konnte.“

Ich möchte auf keinen Fall ein weiteres Jahr warten“, sagte Amya darauf.

Ach, mein Kind! Die Lichtreise ist nicht einfach. Meinst du nicht, es wäre klüger für dich, zu warten?“, fragte die Großmutter besorgt. Sie schaute Amya mit diesem sorgenvollen Blick an. Das Mädchen mochte ihn nicht, ganz und gar nicht. Jeder in Snewing schaute Amya so an, wenn sie sich etwas vornahm, was Kraft erforderte, und das war im Grunde alles, was nicht Sitzen oder Nichtstun hieß. Früher, das ist wahr, da hatte Amya tatsächlich Schwierigkeiten. Sie war nicht krank oder etwas in der Art, doch sie war immerzu bei allem schneller erschöpft gewesen als andere. Schwächlich nannte man sie und es hatte eine Zeit in ihrem kurzen Leben gegeben, da diese Worte zutreffend gewesen, doch inzwischen hatte sich das verändert. Sie war nicht mehr schwächlich, aber dennoch trauten ihr die Leute nichts zu. Von allen erhielt sie diesen sorgenvollen Blick, dem ein resignierendes Seufzen innelag, besonders jetzt, da sie jeden Tag ankündigte, sie würde zur Lichtreise aufbrechen. Die Worte der Leute, die daran zweifelten, dass sie es je schaffen könnte, schürten die Unsicherheit in ihr, doch Amya blieb stark und trotzte ihnen.

Ich will nicht warten!“, sprach sie zuversichtlich, „Ich werde es schaffen, wenn Ältester Fjogers mich ziehen lässt. Und dann werdet ihr alle sehen, dass ich gar nicht mehr schwächlich bin! Bitte, Oma Yidna, hoffe für mich mit, dass ich ausgewählt werde.“

Yidna zögerte. Die Erinnerungen daran, dass dies Mädchen nichts allein schaffen konnte, blieben wach in ihrem Kopfe, doch sie wusste gleichwohl, dass jedes Kind irgendwann diese Reise antreten musste, also sprach sie seufzend: „Hach, ich hoffe für dich, Amya.“

Danke, Oma Yidna!“

Die alte Frau nickte, stand auf. Amya konnte sehen, dass die Großmutter nicht überzeugt war, doch darüber musste sie jetzt hinwegsehen.

So verbrachten sie noch zwei Stunden in der Stube. Während Yidna und Amya schon die Frühstückssuppe bereiteten, sprachen sie kaum miteinander, aber immerhin hatte das Mädchen eine Beschäftigung, die ihm die Zeit schneller vorübergehen ließ.

Bald kamen Gessu und seine Mutter die Treppe hinunter in die Stube und waren überrascht, dass es bereits herrlich nach Suppe duftete.

Guten Morgen, Vater! Guten Morgen, Oma Iska!“, rief Amya ihnen freudig entgegen und sie grüßten verwundert zurück.

Amya! Du bist schon wach?“, fragte Iska.

Ich habe gar nicht geschlafen, wenn ich ehrlich bin“, antwortete das Mädchen, dem man eine Müdigkeit nicht ansah.

Du bist aufgeregt, stimmt’s?“, wollte Gessu wissen und erhielt ein freudestrahlendes Nicken von seinem Töchterchen. Amya war die Sorge in ihres Vaters Blick aufgefallen, doch wieder kämpfte sie gegen die aufkommenden Zweifel an.

Als auch Amyas älterer Bruder eine Weile später in die Stube kam, setzte sich die Familie zum Frühstück zusammen. Keiner wollte sprechen, recht eigentlich war die Stimmung sehr bedrückt, schließlich wollte keiner dem Mädchen die Lichtreise verwehren, aber gleichwohl wollte niemand seine Zuversicht anstacheln.

Und dennoch, Amya brauchte genau das: „Papa, erzähl doch von deiner Lichtreise“, bat sie.

Nun“, druckste Gessu herum, „Es war eine schwierige Reise, die viel Kraft erforderte“ – nun blickte er seinem Töchterchen in die Augen, die vom einen auf den anderen Moment ihr Leuchten verloren und ob seiner Worte traurig wurden, wohl, weil Amya wusste, worauf sie hinausliefen – „Fühlst du dich bereit dazu?“, fragte er, anstatt seine mahnende Erzählung fortzusetzen.

Ja!“, schoss es Amya selbstbewusst hervor.

Eine kurze Stille folgte.

Lass dir gesagt sein, dass der Augenblick, in dem du das Licht entfachst, jede Mühe wert ist“, sprach es Gessu nun aus und erntete dafür besorgte Blicke von den Großmüttern.

Amya aber strahlte darum: „Und der Eremit. Wie ist der so?“, fragte sie aufgeregter als zuvor.

Amya!“, sagte Pehru ernst, „Über den Eremiten sprechen wir nicht. Das weißt du doch!“

Irgendwie kann ich nicht anders, als zu fragen. Ich bin so neugierig!“, entgegnete Amya ihrem Bruder, der diese Neugierde nur allzu gut verstand, denn an seine eigene Lichtreise, die erst drei Jahre her war, erinnerte er sich, als wäre sie erst gestern gewesen, so sprach er: „Ich wünschte, ich könnte für dich gehen. Ich würde so gerne noch einmal Lichtreisender sein.“

Das kommt nicht in Frage! Ich schaffe das!“, rief Amya aus, denn der Vorschlag Pehrus hatte in ihr die Angst geweckt, dass alle ihn gut finden könnten. Doch ihre Lichtreise wollte sie selbst gehen!

Die Familie war von Amyas selbstbewussten Worten so beeindruckt, dass jeder für sich beschloss, ihr nicht weiter davon abzuraten, wenngleich die stille Hoffnung in ihnen verblieb, sie würde heute nicht erwählt werden.

Bald darauf verließen sie in ihren warmen Wintermänteln das Haus. In den Straßen des Dorfes herrschte reges Treiben unter einem wolkenverhangenen Himmel. Schon in der Nacht hatte es über Snewing zu schneien begonnen und es sah nicht so aus, als ob es bald enden würde. Die unzähligen Nadelbäume, zwischen denen die verschneiten Blockhütten standen, trugen so viel Schnee auf ihren Ästen, dass sie sich erschöpft zu Boden neigten.

Geschlossen stapften die beiden alten Damen, Gessu, Pehru und die kleine Amya durch den teilweise zertretenen Schnee in den Straßen, umgeben von anderen Leuten, die dasselbe Ziel hatten wie sie. Bald darauf verließen sie das Dorf über einen breiten Pfad in den dichten Wald hinein.

Amya bemerkte das Tuscheln der Leute wohl und glaubte, in vielen ihrer Worte Zweifel und Sorgen zu hören. Erneut verunsicherte sie das, aber sie wollte ihnen beweisen, dass sie sich irrten. Also kämpfte sie gegen die Verunsicherungen an und stapfte, stolzierend fast, an allen in eiligem Schritt vorbei. Pehru versuchte, mit ihr Schritt zu halten, blieb aber stets hinter ihr, um sie im Blickfeld zu haben. Er rühmte sich schließlich damit, seiner kleinen Schwester allzeit und bei allen Aufgaben zur Seite zu stehen.

Amya ließ die Blicke unbeachtet. Weiter und weiter ging sie durch den sanft ansteigenden Wald, verließ hier und da den Pfad, um die Menschen um die Bäume herum zu überholen, und kam bald am Ziele an: Inmitten des Waldes, unter den tief hängenden Ästen einiger großer Bäume war ein kreisrunder, ebener Fleck Erde, der von hüfthohen Steinen eingefasst war. In die Steine waren uralte Zeichen geritzt, die längst verwaschen und undeutlich waren. In der Mitte des Steinkreises, um den herum die Menschen sich sammelten, war ein Kessel über einem Feuer aufgebaut. Fjogers, der Älteste, rückte derzeit seinen Kranz aus Tannenzweigen auf dem Haupte zurecht, ehe er sich wieder dem Gebräu im Kessel widmete.

Die Älteren zogen indes Kerzen aus ihren Mänteln und zündeten sie an, während sich vor ihnen einige Reihen an hoffnungsvollen Kindern sammelten. Ganz vorn hatte sich Amya hingestellt und voll der Freude und Aufregung schaute sie nun dem Ältesten zu. Dieser rührte noch einige Male das Gebräu um, gab noch die ein oder andere Prise einer Zutat hinzu und schmeckte gelegentlich ab.

Als Fjogers zufrieden war und sich der Vollständigkeit der Dorfbewohner vergewissert hatte, ließ er den Schöpflöffel gegen die Kesselwand fallen und wandte sich den Leuten zu: „Meine lieben Leute, es ist so weit! Die vierte und damit letzte Lichtreise dieses Jahres wird heute stattfinden. Eines unserer Kinder“, sprach er und hob einen Eisenkessel am Henkel hoch, der einen Deckel trug und von außen mit Stoffen überzogen war, „wird die glühenden Kohlen in diesem Kessel den Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter bis hin zum Eremiten tragen. Es ist eine schwierige und gefährliche Reise, denn der hohe Schnee ist tückisch und tief“, er machte eine kurze Pause, „Ich habe bereits gewählt!“ Nun ließ er seinen strengen Blick durch die Reihen der Kinder schweifen.

In den vergangenen drei Wochen, an jedem der drei Tage, an dem sich die Leute hier für die Zeremonie versammelt hatten, da hatte Amya in diesem Moment staunend zur Seite und zum wenig dicht bewachsenen Hügel hingesehen, der so groß und markant war, dass man seine Spitze vom Steinkreis nicht sehen noch erahnen konnte. Doch heute hielt sie den Blick gebannt nach vorn und betete inständig, dass der Älteste auf sie zeigen würde.

Ich habe dich gewählt, Amya!“, sagte Fjogers schließlich und deutete auf das vor Glück strahlende Mädchen. In den Reihen der Älteren hingegen ging ein stilles Seufzen um. Viele hätten wohl gern etwas gesagt, doch es wäre das erste Mal gewesen, dass ein Urteil des Ältesten angezweifelt wurde. Immerhin hatte er sich in solchen Dingen noch nie geirrt. So schwiegen sie.

Bist du bereit dazu?“, fragte Fjogers nach.

Ja!“, schoss es selbstbewusst aus Amyas Mund hervor. Sie kam eilig in den Steinkreis zum Ältesten und ließ ihn eine Hand auf ihre Schulter legen.

Dies ist eine schwierige Reise, Amya. Der Schnee im Wald, an den Hängen und auf der Hügelebene ist tückisch. Aber ich weiß sehr wohl, dass ihr Kinderchen gerne herkommt und euren Mut daran erprobt.“

Nun wies er Amya mit dem Arme an, zum Kessel hinzugehen. Mit hoher Geschwindigkeit griff sie nach dem Schöpflöffel und trank drei herzhafte Schlucke des Gebräus. Sobald sie den scheußlichen Geschmack bemerkte, ließ sie den Löffel in den Kessel fallen und verzog das Gesicht. Sie spürte, wie langsam, aber in kurzer Zeit, alle Wärme und alle Kälte aus ihrem Leib verschwand. Lange Zeit würde ihr die Eiseskälte nichts anhaben können.

Fjogers kam näher, legte erneut eine Hand auf Amyas Schulter und schob das Mädchen sanft vor die Menge. Trotz ihrer bestehenden Sorge, stimmten die Leute ein Lied an, in dem einige schiefe Gesänge ertönten, an denen sich aber niemand störte. Amyas Zuversicht steigerte sich durch die wundersamen Melodien noch weiter.

Als das Lied beendet war, wurde ein Schlitten vorgefahren, dem ein lieber, treuer Hund vorgespannt wurde. Den Schlitten beluden die Leute mit Vorräten, Wasser, Holz für Feuer und warmen Decken. Auch die Kinder legten etwas bei, obgleich es kaum mehr als ein Stöckchen oder Steinchen war.

Dann schritten Amya und Fjogers durch eine Gasse, welche die Leute für sie gebildet hatten, hin zum Schlitten. Gessu und Pehru standen dort, um das Mädchen zu verabschieden. So nahm denn der Vater es als erster in den Arm: „Achte gut auf dich! Komm heil zu uns zurück!“

Ich verspreche es, Papa!“, antwortete Amya und schenkte ihrem Vater damit einen Teil ihrer Zuversicht.

Dann war Pehru an der Reihe: „Ich könnte dich begleiten, wenn du magst. Keiner wird etwas dagegen haben“, sprach er liebevoll.

Ich schaffe das!“, antwortete Amya und schenkte auch Pehru damit einen Teil ihrer Zuversicht.

Danach kam sie zu dem lieben Hunde, streichelte ihm über den Kopf und nahm von Fjogers den Kohlekessel an. „Achte gut darauf, Amya!“, sprach der Alte. Sie nickte und stellte den Kessel zu den Vorräten auf den Schlitten.

Und so begann Amya im Wohlklange eines weiteren Liedes ihre Lichtreise über einen Pfad, der am Hügelhang aufgeschüttet worden war und unter hohem Schnee begraben an dem Hang seitlich entlang führte.

Langehin stapfte sie mühsam mit dem fröhlich schnaufenden Hund in langgestreckten Serpentinen den Hang des Hügels hinauf, bis der aufgeschüttete Weg abrupt endete und sie den flachen weiten Gipfel erreicht hatte. Tief lag der Schnee hier. Nur wenige Bäume wuchsen auf der Ebene, die umrandet war von dichtem Wald. Amya schaute in den bewölkten Himmel hinauf, von dem noch immer sanft der Schnee herabfiel. Sie konnte nur erahnen, dass die Dunkelheit der Nacht vermutlich nur noch wenige Stunden fern war, doch die verbleibende Tageszeit wollte sie trotz ihrer Erschöpfung und der stärker werdenden Müdigkeit nutzen, um weiter voranzukommen. Sie wusste von den Geschichten der anderen, dass man etwa einen Tag brauchte, um die Ebene zu überqueren, und dass darum die meisten rieten, einmal vor der Ebene und einmal danach zu nächtigen. Sie konnte unweit unter einem Baum am Hang das alte Lager ihrer Vorgänger sehen, aber entschied kurzerhand, ihr eigenes unter einem Baume auf der Ebene aufzuschlagen. Im Schnee ihr voraus erkannte sie trotz des Neuschnees die Furchen, die der Lichtreisende zuvor von Baum zu Baum geschlagen hatte.

So ging Amya zum Schlitten hin, nahm vom Dörrfleisch und tankte davon Energie zum Weitergehen. Dem fröhlichen Hund, der weit weniger erschöpft war als sie selbst, gab sie ebenfalls zu essen und zu trinken. Gestärkt setzte sie die Reise nach zehn Minuten fort. Amya ging achtsam voraus, stampfte den nachgebenden Schnee nieder oder schaufelte ihn mit den handschuhverpackten Händen zur Seite. Der Hund zog hinter ihr den Schlitten durch die Schneise, schnappte spielerisch mit dem Maule nach den Schneebrocken, die zu ihm nach hinten flogen.

Als die Sonne hinter den schweren Wolken unterging, musste Amya mit Bedauern feststellen, dass sie erst etwas mehr als die Hälfte des Wegs zum ersten Baum geschafft hatte und dass sich ihre Müdigkeit nun rasch zunehmend bemerkbar machte.

So trank und aß sie noch einmal von ihren Vorräten und kämpfte auf dem weiteren Weg gegen die Müdigkeit an. Bald war der Himmel stockdunkel und die dichte Wolkendecke lag wie ein düsteres Grau darauf. Zu ihrem Glücke aber war der weiße Schnee so hell, dass Amya darauf die schwarze Silhouette des Nadelbaums erkennen konnte. Dadurch schaffte sie es bald doch, ihn zu erreichen sowie mit letzter Kraft ein Feuer zu entfachen und den Hund zu füttern. Unter die Decken und an den Hund gekuschelt schlief sie zügig tief und fest ein.

Am nächsten Morgen strahlte ihr das erste frühe Sonnenlicht ins Gesicht und weckte sie aus ihrem guten Schlaf. Der Himmel war aufgeklart. Während sie sich streckte und dehnte, tobte der Hund ungeduldig ob des nahenden Frühstücks im blendend weißen Schnee.

Alsbald setzte sie die Reise über die Ebene fort und wenngleich sie meinte, nur langsam voranzukommen, verspürte sie eine unbändige Kraft, die sie mit Mühe nur im Zaume halten konnte. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang hatte Amya die andere Seite der Ebene erreicht. Sie senkte sich in ein dicht bewaldetes Tal, in dem Amya zwischen all den winterkalten Nadelbäumen einen sah, der größer und prächtiger war als alle übrigen. Er überragte den Wald annähernd doppelt so hoch und in seiner unmittelbaren Nähe stieg eine einsame Rauchsäule gemächlich über die Wipfel.

Dort musste der Eremit leben! Amya konnte ihr Ziel bereits sehen und als sich ihr Blick von den Wipfeln zum Boden vor ihren Füßen senkte, erkannte sie einen aufgeschütteten Weg, der am Hügel hinabführte und an dessen breitester Stelle ein Lager zu sehen war, das vermutlich alle ihre Vorgänger genutzt hatten. Amya aber schaute in den Himmel. Sie hatte noch für wenige Stunden Licht, also aß sie von ihrem mitgebrachten Dörrfleisch, fütterte den Hund, der voll der Neugierde den Schlitten bis zum Lager gezogen hatte, ohne auf Amya zu warten.

Wir gehen noch ein Stück weiter, lieber Freund“, sprach sie nach dem Mahl und schritt den verschneiten Pfad am Hang entlang tiefer ins Tal und in den dichten Wald hinein.

Sie wusste nichts über den Eremiten, wie er aussah, ob er in einem Haus oder unter einem Felsen oder gar in einem Zelt lebte. Es sprach ja niemand über ihn! Und so wuchs die Neugierde mit jedem weiteren ihrer Schritte, die hinunter selbstredend zügiger waren als hinauf. Als sie dann im späten Dämmerlicht den Fuß des Hügels erreichte, lag vor ihr ein Weg, der sich tiefer in den Wald hinein um die Bäume schlängelte. Amya wusste nicht, wie weit der Weg von diesem Punkt aus noch war, nur dass die meisten Lichtreisenden gegen Mittag des dritten Tages beim Eremiten angekommen waren, also entschied sie, ein Nachtlager zu errichten, gleichwohl weil sie wusste, dass im Zuge der zweiten Nacht die Wirkung des Gebräus nachlassen sollte.

So entfachte sie ein Lagerfeuer mit dem mitgebrachten Holze, kuschelte sich unter alle Decken und an den Hund und schlummerte friedlich ein, gleich nachdem sie beide ihr Abendmahl genossen hatten.

Nach dem Frühstück spannte sie den fröhlichen Hund vor den Schlitten und stapfte in der Eiseskälte den Weg voran. Nach etwa einer Stunde stand Amya dann vor einer Blockhütte mit rauchendem Schornstein, die unmittelbar neben dem riesigen Nadelbaum halb im Schnee versunken zu sein schien. Überglücklich kam sie näher, betrachtete den schmucklosen Tannenzweigenkranz an der Tür. Sie fragte sich sogleich, was die Snewinger wohl sagen würden, wenn sie Amya jetzt sehen könnten, wenn sie wüssten, wie weit sie es geschafft hatte. Nein, glaubte Amya bald, vermutlich würden sie gar nichts sagen, sondern sprachlos sein. Sie musste kichern ob des Gedankens und der Hund, der mit dem Schlitten hinter ihr saß, bellte darauf vergnügt. Amya drehte sich zu ihm um, nahm ihm die Leine ab und holte den Kohlekessel vom Schlitten. Als sie an die Türe klopfen wollte, wurde diese von der anderen Seite bereits geöffnet. Ein großgewachsener Mann trat aus der Hütte, eingehüllt in einen dicken blauen Mantel. „Nanu!“, sprach er unter seiner blauen Mütze mit weißem Bommel, „Habe ich doch recht gehört. Da war ein Bellen!“

Kaum war dies gesagt, sprang dem Mann mit dem langen weißen Bart der Hund in die Arme und ließ sich von ihm aufs herzlichste begrüßen. Amya stand da und schaute zu. Jemand, der den Hund so liebevoll begrüßte, den fürchtete sie nicht.

Mein Name ist Amya“, sprach sie bald, „Ich bin die Lichtreisende. Schau! Ich hab den Kohlekessel bei.“

Nun ließ der Mann ab vom Hund, der noch immer hechelnd und schwanzwedelnd zu ihm aufsah. „Es freut mich, dich kennen zu lernen, Amya. Du liegst sehr gut in der Zeit. Komm herein und wärm dich auf!“

So betraten sie die großräumige Hütte, die abgesehen von der Eingangstür nur eine einzige weitere Tür hatte, die vermutlich zum Schlafzimmer führte. Während der Hund gleich zum prasselnden Kaminfeuer eilte und sich auf einer Matte davor niederlegte, holte der Eremit zwei Tassen und zwei fruchtig gefüllte Teeeier, die er auf einem kleinen Tische vorm Kamin abstellte. Amya kam näher, als der Eremit aus dem Kessel überm Feuer Wasser schöpfte und den Tee damit aufgoss. Sie stellte den Kohlekessel zu den Tassen auf den Tisch und setzte sich in einen der beiden Sessel. Bald nahm der Eremit im anderen Sessel Platz.

Wer sind denn deine Eltern?“, fragte er neugierig.

Ich lebe mit meinem Vater Gessu und meinen Großmüttern Yidna und Iska. Und einen Bruder hab ich auch“, antwortete sie fröhlich.

Ich erinnere mich. Sein Name ist Pehru, nicht wahr?“, er wartete Amyas Nicken ab, „Ja, er hat damals viel von dir gesprochen. Er machte sich Sorgen, ob du in seiner Abwesenheit zurecht kommst.“

Er macht sich ständig Sorgen um mich. Aber ich bin nicht mehr schwach!“

Das sehe ich!“, entgegnete der Eremit und lachte darauf. Aber es war kein Lachen, als ob er ihr nicht glauben würde, sondern ein herzliches, eines von der Art, wie es nur tiefste Freude hervorbrachte. Es stimmte Amya zufrieden.

Erzähl mir doch von deiner Reise, Amya“, forderte der Eremit sie auf und so erzählte sie in allen Einzelheiten und machte nur gelegentlich eine Pause, um von ihrem Tee zu trinken.

Nach etwa einer Stunde stand der Eremit auf. Der Hund tat es ihm gleich und schaute den Alten erwartungsvoll an. „Es ist Zeit, aufzubrechen, Amya“, sagte er und so zogen die drei los, über einen schmalen Pfad hinter der Hütte tief in den Wald hinein. Unterwegs warf Amya immerzu Schneebälle, die sie mühsam mit der freien Hand, die nicht den Kohlekessel trug, formte und die der aufgeweckte Hund mit seiner Schnauze zu fangen versuchte. Allenthalben sah sich der Eremit nach Tieren im Wald um, und wann immer er eines entdeckte, hielt er an, um gemeinsam mit Amya über dieses Tier zu staunen, das vor den Wanderern nicht scheu war.

Bald erreichten sie eine Lichtung, in deren Mitte ein quadratischer Stein mit drei brennenden und einer feuerlosen Kerze stand. Überdacht war der Altar von einem Holzwerk auf grazilen Stelzen, die das Dach mit seinem krönenden Holzstern trugen.

Amya sah vom Rand der Lichtung bereits die zauberhaften Lichter der ungleichmäßig heruntergebrannten Kerzen. Sie ging näher hin, indes der Eremit dort stehen und der Hund zu seiner Seite sitzen blieb.

Ganz nah am Altar konnte Amya die bunten Verzierungen der Kerzen deutlich sehen. Das Licht flutete wie ein Zauber ihre Seele, sodass sie einen Moment brauchte, um die schmucklosen Tannenzweige zu Füßen der Kerzen und die vertrauten eingeritzten Zeichen im Stein zu bemerken. Letztlich wusste sie nicht, wie lange sie dort gestanden und das zauberhafte Licht betrachtet hatte, aber ein kleiner Schreck hatte sie aus ihrem traumartigen Zustand gerissen und sie an ihre Aufgabe erinnert.

So stellte sie den Kohlekessel auf den Altar, hob den Deckel ab und nahm mit einer bereitliegenden Zange eines der glimmenden Kohlestücke auf. Sie führte es an den Docht der noch nicht brennenden Kerze heran, sodass dieser einen Augenblick später entfachte.

Noch einmal fuhr ein Zauber in Amyas Seele.

Nun kam der Eremit näher, legte eine Hand auf ihre Schulter und sprach: „Ich danke dir, Amya, dafür, dass du die letzte der vier Kerzen entfacht hast.“

Noch eine Weile ließen sie die Lichter auf sich wirken, ehe sie den Rückweg antraten. Während Amya den Hund vor den Schlitten spannte und ihm eine Stärkung reichte, packte der Eremit neue Vorräte und drei große Säcke auf den Schlitten. Amya wusste, dass darin Honig- und Gewürzkuchen waren. Es war ihre Aufgabe, diese zum Dorf zu bringen. Und als der Schlitten bereitet war, zog der Eremit aus einer Tasche im Innenfutter seines Mantels ein Fläschchen heraus, das er Amya reichte.

Es ist das gleiche Gebräu, welches Fjogers dir zu trinken gab. Damit wirst du auf dem Heimweg nicht erfrieren“, sagte er.

Amya trank es sogleich aus und spürte sofort, wie die Winterkälte aus ihrem Körper wich. Die Wärme aber, die verblieb diesmal darinnen.

Der Eremit prüfte noch einmal Schlitten und Leine, und sprach, als er zufrieden war: „Ich wünsche dir eine gute Heimreise, mein Kind!“ Er blieb noch eine Weile, nachdem Amya aufgebrochen war, dort stehen und winkte ihr zu.

Eine Stunde vor dem Mittag des dritten Tages stürmte Amya im Lauf den sanft fallenden, aufgeschütteten Pfad nahe dem Steinkreis hinunter. Sie war zu ungeduldig, um langsam vorwärts zu gehen. Aus der Ferne konnte sie bereits zwei Lichter am Fuß des Hügels sehen und nach vielen Metern erkannte sie schließlich ihren Vater und Pehru dort mit Kerzen stehen.

Da ist sie!“, rief Pehru laut auf. Gessu schaute gleich hinauf und als er erkannte, dass sein Töchterchen nicht bremsen wollte, reichte er im letzten Moment die brennende Kerze seinem Sohne. Da stürzte ihm Amya auch schon in die Arme, sodass er beinahe fiel. Der Hund raste mit dem Schlitten an den beiden vorbei und wollte euphorisch um sie herumhüpfen, aber Pehru hatte die Kerzen in den Schnee fallen lassen und beruhigte ihn bereits.

Noch ehe sich einer nach den Säcken auf dem Schlitten umschaute, sprach Gessu liebevoll: „Das hast du gut gemacht, mein Schatz!“

Für die Menschen in Snewing war es eine große Überraschung, als Amya nicht nur erfolgreich, sondern über dies auch noch reichlich früh von ihrer Reise zurückkehrte. Und Amya wusste gleich, dass fortan keiner mehr bezweifeln sollte, dass sie ihre Kraft gefunden hatte.

(Ende)

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23. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 15-20 Minuten; Genre: Adventsgeschichte, Fabel; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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