Das zweite Licht

zurück…

Vor einer Woche hatte die Zeit der Lichtreisen auch im kleinen Dorfe Seewege begonnen, aber anders als in den meisten Dörfern gab es hier ein Kind von neun Jahren, das zu diesem Ereignis nicht auserwählt werden wollte. Die kleine Ylla hatte niemandem davon erzählt. In der vergangenen Woche, als Windu zur Lichtreise angetreten war, da hatte sie in den Reihen der Kinder gestanden, versteckt hinter den älteren, und harrend gebetet, sie würde nicht diejenige sein müssen. Als Gonna, die Älteste, auf Windu gezeigt hatte, war eine Enttäuschung aus den Mündern der anderen Kinder entwichen, doch Ylla war erleichtert gewesen. Sie wollte nicht. Sie wollte das ganz und gar nicht!

Am heutigen Tage würde das zweite Kind auserwählt werden. Ylla hatte schon überlegt, ob sie ihrem Vater eine Krankheit vortäuschen sollte, um zuhause bleiben zu können, doch sie war nicht sicher gewesen, ob das die Wahl des Lichtreisenden beeinflussen würde, und schlimmer als das: Sie hatte sich schlecht wegen dieser Idee gefühlt, denn schließlich sollte das Entzünden der Kerzen dem Dorf Glück und Frieden bringen. Wenn sie gelogen hätte, oder sich weigern würde, könnte sie das Dorf damit vielleicht in Schwierigkeiten bringen. Das wollte sie natürlich auch nicht.

Schweren Herzens also stand sie an diesem Morgen sehr spät auf, stapfte schwermütig die Stufen hinunter in die Stube, aus der ihr bereits der herrliche Duft der Morgensuppe in die Nase stieg. Doch wenngleich ein Hunger in der Nacht in ihren Magen gewandert war, Appetit verspürte sie keinen.

Grando, ihr lieber Vater, stand am Kamin und rührte die Suppe im Kessel, als Ylla leise zum Tisch ging, sich umsichtig setzte, tief Luft holte und so fröhlich, wie es ihr nur gelingen mochte, „Guten Morgen!“ sagte.

Ihr Vater drehte sich zu ihr um, ein warmes Lächeln umspielte seinen Mund: „Guten Morgen, mein Schatz! Das Essen ist gleich fertig.“

Ylla nickte nur, sagte nichts dazu. Sie saß da und starrte vor sich auf den leeren Teller.

Heute musst du unbedingt etwas essen, Kleines. Ich weiß, dass du aufgeregt bist, aber du solltest wirklich mit vollem Bauch aufbrechen. Du hast die letzte Woche schon so wenig gegessen“, redete Grando auf sein Töchterchen ein, denn ihm war sehr wohl aufgefallen, dass Ylla etwas plagte. Er wusste nicht, was es war, Ylla hatte behauptet, sie sei bloß aufgeregt und nichts weiter, aber tief in seinem Innern wusste es Grando besser. Da war noch etwas, das sie verbarg. Womöglich ahnte er auch, was es sein mochte, doch er wollte Ylla an diesem schönen Tagen nicht darauf ansprechen.

Ylla stand auf, nahm die beiden Teller und reichte sie ihrem Vater. Der drehte sich wieder zum Kessel um, rührte noch einmal darin und schmeckte das Frühstück ab, ehe er die Teller nahm und mit der köstlichen heißen Suppe füllte.

Als sie beisammen saßen, begann Grando zu erzählen: „Ich weiß, ich habe es dir schon so oft erzählt, aber die Lichtreise ist ein wahrlich magisches Ereignis. Wenn du heute auserwählt wirst, dann verstehst du es bald selbst.“

Ylla antwortete ihm nicht. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass ihr mulmig war? Dass sie gar nicht wollte? Sie schwieg lieber.

Und achte darauf, falls du denn ausgewählt werden solltest, überstürze nichts. Als ich vom Eremiten auf der Insel zurückkehrte, war ich so in Eile, dass ich kaum ausruhen mochte. Ich bin vor Müdigkeit aus meinem Boot gefallen und habe mich nur mit Glück wieder hineinraffen können“, erzählte Grando weiter, doch das beruhigte Ylla wenig.

Wie ist der Eremit?“, fragte sie, obgleich sie wusste, dass über ihn niemand sprach.

Ylla, mein Schatz, das wirst du in ein paar Tagen vielleicht herausfinden“, sprach der Vater begeistert, denn er wünschte sich seit einem Jahr nichts mehr, als dass sein Töchterchen endlich ausgewählt wurde. Er glaubte, es würde ihr helfen, das Vergangene zu vergessen.

So zogen sich die beiden nach dem Frühstück ihre warmen Mäntel an und verließen das hölzerne Haus. In den Straßen Seeweges herrschte bereits reges Treiben, denn jeder war zu den Anlegeplätzen unterwegs. Die Sonne schien von einem diesigen wolkenfreien Himmel durch die Gassen und Winkel, warf hier und dort sehr dunkle Schatten. Eis und Schnee hatten die zweistöckigen Blockhäuser befallen, wie ein Efeu einen Baum, doch es war ein wundersamer Anblick von Glanz und Schönheit. In jeder Winterflocke und jedem gefrorenen Wasser spiegelte sich das Licht der Sonne, sodass man meinte, das ganze Dorf erstrahle in einem Glitzern und Funkeln.

Doch auch dieser Anblick vermochte nicht, das kleine zitternde Herz in Yllas Brust zu beruhigen. Ihre Schritte waren langsam, ein jeder Dorfbewohner überholte sie. Aber ihr war längst klar, dass die Zeremonie bei den Steinen nicht ohne sie beginnen würde. Wenigstens alle Kinder mussten anwesend sein, sonst würde Gonna eben warten.

Ylla, mein Engel“, sprach Grando, der die langsamer werdenden Schritte des Mädchens bemerkt und auf halbem Wege zu den Anlegeplätzen auf die Tochter gewartet hatte, „Ist dir nicht gut?“

Es war ihre Chance, eine Ausflucht zu finden, doch sie verzog ihren Mund zu einem halbherzigen Lächeln und wiegte ihren Vater damit in Sicherheit.

Du musst nicht traurig sein, wenn es heute nicht klappt. Gonna hat noch kein Kind des Dorfes ausgelassen, wenn es um die Lichtreise geht. Und du bist ja erst neun Jahre alt. Wenn es heute nicht klappt, dann im nächsten oder übernächsten Jahr.“

Wieder einmal beruhigten sie die Worte ihres Vaters nicht. Es schien, sie würde der Lichtreise nicht entkommen. Bis vor einem Jahr hatte sie sich selbst immerzu darauf gefreut, doch das Ereignis damals, hatte ihre Freude in eine schwere Angst umgewandelt. Vielleicht wäre es klug gewesen, davon jemandem zu berichten, aber sie hatte es nicht gewagt und stattdessen diesen Gram mit sich herumgeschleppt wie einen viel zu schweren Sack voll Steine.

Trotzdem, dass ihre Beine kraftlos waren, versuchte sie, den Schritt jetzt zu beschleunigen. Bald verließen sie das Dorf auf einem zugeschneiten Pfad in das Dickicht des Waldes hinein. Er führte einen steilen Hügel hinab und sie mussten Acht geben, dass sie nicht rutschten, aber sie waren die Winterkälte gewohnt, die viele Monate in ihrem Land Einzug hielt, und so war es ihnen ein Leichtes, den Weg zu meistern.

Am Fuße des Hügels endete der düstre Wald in einem Kranz aus Strauchwerk, der sich um den riesigen See herum gelegt hatte. Es hieß, der See läge im Krater eines alten Vulkans und obwohl er nicht mehr brannte, war er noch warm genug, dass der See nicht gänzlich zufrieren konnte, wie kalt auch immer der Winter sein mochte. Dennoch froren seine Ufer und alle Küsten der zahlreichen Inseln zu, von denen sich von Zeit zu Zeit Schollen lösten. Und diese Schollen trieben auf dem kalten Wasser umher.

Drei breite Holzstege ragten am Ende des Weges in den See hinein, Dutzende Boote waren an ihnen vertäut. Eines dieser Boote lag ganz am Ende des mittleren Steges und war mit Tannenzweigen geschmückt. Ylla graute es davor, wenn sie das Boot auch nur ansah.

Aber ehe sie sich dieses Schreckens ergeben mochte, wollte sie die Zeremonie abwarten. Schließlich war nicht sicher, ob sie auserwählt werden würde.

Am Rande des Weges war ein kleines vom Strauchwerk befreites Rund, das mit großen Steinen begrenzt war. In den Steinen, unter dem Schnee, der auf ihnen lag, da waren verwaschene Einritzungen, die keiner mehr entziffern konnte. Nur Gonna, die Älteste, die wusste ganz sicher, was sie bedeuteten, behielt das Geheimnis aber stets für sich. Die alte Frau stand in diesem Moment inmitten des Kreises an einem Kessel, der über einem warmen Feuer aufgestellt war. Ihr Haupt hatte sie mit einem Kranz aus Tannenzweigen geschmückt. Sie rührte mit einem Schöpflöffel im Kessel, beachtete dabei die Menge nicht, die am Rand des Kreises auf dem Weg versammelt stand.

Grando legte seiner Tochter eine Hand auf die Schulter, wies sie mit sanften Worten an, sich zu den anderen Kindern zu begeben, die vor den Erwachsenen gebannt auf den Beginn der Zeremonie warteten und hofften, zum Lichtreisenden auserwählt zu werden. Die Erwachsenen zogen allesamt Kerzen aus ihren Mänteln und entzündeten sie.

Ylla stellte sich weit nach hinten, versteckte sich wie in der Woche zuvor hinter den größeren Kindern und betete inständig, dass sie auch dieses Mal verschont bliebe. Als Gonnas Stimme erklang, zog ein arger Schreck durch Yllas Körper. „Mein lieben Leute! Es ist der Tag gekommen, an dem wir das Kind für die zweite Lichtreise auserwählen. Dieses Kind wird eine brennende Kerze im Schutze dieser Glashülle“ – sie hielt eine alte Öllaterne in die Luft, in der statt eines Dochtes eine weiße Kerze war – „zum Eremiten bringen und dort die zweite Kerze entzünden. Ich habe bereits gewählt!“

Nun war der Moment gekommen. Ylla blickte heimlich hinter dem Rücken eines anderen Kindes zu ihr hin, hoffend, betend, sie würde nicht diejenige sein, doch dann erspähte sie Gonnas dünnen Finger, der genau zu ihr hindeutete. „Ylla, mein Kind, ich habe dich erwählt!“

Ein Schreck zog durch ihren Körper, alle Augen richteten sich auf sie. Ihr Atem wurde schwer, sie war erstarrt vor Furcht. Aber bald legte sich die Hand eines Nachbarn sanft auf ihren Rücken: „Nun. Geh hin, Ylla!“, sprach die liebe Stimme des Mannes, doch Ylla schaute ängstlich zu ihm auf. Sie konnte es nicht verhindern, wenn nicht heute, dann an einem andren Tage, aber sie würde irgendwann diese schwierige Reise antreten müssen. So besann sie sich darauf, dass sie nicht entfliehen konnte. Schweren Mutes, aber unter dem Jubel der Dorfbewohner schritt sie in die Mitte des Kreises zu Gonna, und als sich ihr alter Arm wärmend auf ihre Schultern legte, da wurde sie ruhiger.

Ylla, meine Liebe“, sprach die Älteste, „Eine schwere Reise liegt vor dir. Ganz allein wirst du in diesem Boot dort drüben den See befahren müssen und das Licht zum Eremiten bringen. Zwei Inseln musst du ansteuern, um in den Nächten zu rasten, aber wie alle hier, bist du im Umgang mit dem Boot erfahren. Ich weiß sehr wohl, dass ihr Kinderchen euren Mut daran erprobt. Also fürchte dich nicht.“

Nun schob die Alte das Mädchen zum Kessel hin, nahm aber die Hände nicht von seinen Schultern, denn sie merkte wohl und wusste noch viel mehr, wie sehr sich Ylla vor dieser Reise fürchtete. Ylla blickte auf das Gebräu im Kessel hin, eine klare dunkle Suppe, die sie geheißen war, zu sich zu nehmen. Sie zögerte, doch überwand ihre Furcht, die Kelle in die Hand zu nehmen und von dem Gebräu drei herzhafte Schlucke zu trinken. Übel wurde ihr, doch nicht nur von dem scheußlichen Geschmack, sondern auch von der Furcht, die ihr den Magen umdrehte. Dennoch konnte sie die Wirkung deutlich spüren: Die Wärme des Frühstücks verließ sie gleichwohl wie die Kälte des Winters und für ein paar Tage würde das so bleiben.

Ylla blickte zu Gonna hin, die ihr warm zulächelte, mit einer Hand über ihr junges Haupt strich und sie dann vor die Menge führte.

Die Dorfbewohner stimmten ein Lied an und wenngleich nicht jeder schön zu singen vermochte, erklang eine warme Melodie, welche Ylla ein wenig beruhigte. Als sie aber das Lied beendeten, führte Gonna das Mädchen durch eine Gasse zwischen den Menschen und ihren brennenden Kerzen, und hinunter zu den Stegen. Unweigerlich wurden Yllas Schritte langsamer, je näher sie zum dunklen Wasser des Sees hin ging. Gonna ließ das zu, aber sie beharrte darauf, dass sie vorwärts kamen, indem sie ihre Hand mit gelegentlichem Druck nicht von des Mädchens Schulter nahm.

Bald hatten sie die Stege erreicht. Mit bebender Brust und zitternd sah Ylla dabei zu, wie das geschmückte Boot am Ende des mittleren Steges mit Vorräten, Holz und warmen Decken beladen wurde. Selbst die Kinder legten etwas bei, sei es auch nur ein Zweig oder ein Steinchen. So wie das Boot beladen war, formten die Leute erneut eine Gasse, durch die Gonna und Ylla schritten. Ein weiteres Lied wurde angestimmt. Grando hielt bereits das Tau des Bootes in der Hand, strahlte sein Töchterchen voll der Freude an. Yllas Puls nahm zu. Am liebsten wäre sie ihrem Vater jetzt in den Mantelrock gefallen und hätte gefleht, dass sie nicht gehen müsse. Aber sie blieb stur und verbarg ihre Angst weiterhin. Ein halbherziges Lächeln mochte ihr jedoch jetzt nicht mehr gelingen.

Da schwappte es in sanften Wellen gegen die Pfosten des Steges unter ihr, das dunkle Nass, vor dem sie mehr Furcht empfand, als vor allem anderen in dieser Welt. Ein Jahr war es her, dass sie dort im Eis eingebrochen war und nicht allein hinauskommen konnte. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass sie dort unten sterben würde, und seit jenem Tag hatte sie nichts mehr als Furcht vor dem See empfunden. Aber vor dieser Reise würde sie nicht fliehen können. Also nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, den der friedliche Gesang der Dorfbewohner in ihr blühen ließ, und stieg ins wankende Boot. Gonna reichte ihr vom Stege her die entzündete Laterne, die das Mädchen auf einem Brette in einer speziell dafür angebrachten Vorrichtung einklemmte.

Sie nahm die Ruder in die Hand, als ihr Vater freudestrahlend das Boot vom Steg fortstieß. „Keine Angst, mein Kind“, flüsterte er ihr zu, da er den ängstlichen Blick bemerkte, und Ylla versuchte wie immer, ein Lächeln in ihrem Gesicht zu zaubern.

Sie stieß die Ruder ins kalte Nass und ruderte mit zitternden Armen hinfort. Ihr voraus, da sie der Fahrtrichtung beim Rudern den Rücken zuwandte, erkannte sie die Menschen, die sich auf allen drei Stegen versammelt hatten und mit den flammenden kleinen Kerzen ein weiteres Lied anstimmten.

So ruderte sie fort über den See und hin zu einem der vielen Inselchen, mit denen er gespickt war. Sie war noch klein in der Ferne, und mochte erst nach Stunden, wie es Ylla erschien, größer werden. In dieser Zeit musste das Mädchen stetig gegen seine Angst ankämpfen, gegen das bebende Pochen seines Pulses, das es in die Ohnmacht drängen wollte.

Erst kurz vor Einbruch der Nacht hatte Ylla die erste Insel erreicht, auf der sie Rast machen wollte. Als sie am Steg angekommen war, der hier für die Lichtreisenden bereitstand, war sie so überglücklich, dass sie unversehens und rasch aus ihrem Boot heraussprang. Aber dabei hatte sie es ein Stück fortgetrieben, ehe sie es vertäuen konnte. Erschrocken legte sie ihren Körper der Länge nach auf den Steg und langte mit dem Arm nach dem Boot, um es heranziehen zu können. Sie musste sich nur weit genug über das Wasser strecken, dann würde sie es auch erreichen, doch das dunkle Nass unter ihr, in dem wenige kleine Eisbrocken schwammen, schlug Wellen in ihrem Inneren. Sie schloss die Augen, atmete tief durch und hob den Blick, sodass sie das Wasser ignorieren konnte. Bald hatte sie dann das Holz des Bootes im Griff, konnte es heranziehen und rasch vertäuen.

Eilends schnappte sie sich ein paar Decken, das Feuerholz und wenige trockene Äste sowie die Laterne und sputete damit das Eiland hinauf zu einem kleinen Holzdache auf grazilen Stelzen, das auf drei Seiten von dünnen Bretterwänden umgeben war. Dort ließ sie alles fallen, denn die Angst hatte sie nun endgültig übermannt. Sie ging in die Hocke und weinte bittre Tränen, die erst versiegten, als die Nacht bereits über dem See lag.

Es nutzt nichts“, flüsterte sie zu sich. Ja, sie musste jetzt da durch! So machte sie nun endlich ein Feuer, dessen Flammen ihren Mut erwärmten. Noch einmal ging sie zum Wasser hinab, um etwas Dörrfleisch und Wasser aus dem Boot zu holen, doch sie hielt vor dem Steg an. Ihre Beine wollten ihn nicht betreten, sie zitterten unentwegt und mochten sich nicht vom Fleck rühren.

Yllas Blick haftete ängstlich auf dem schwarzen Nass, auf dem sie schemenhaft die schwimmenden Schollen erblickte. „Diese Furcht, du blöder See“, begann sie zu flüstern, „Es ist nicht deine Schuld.“ Sie erinnerte sich zurück an den Tag vor einem Jahr, als sie ins ufernahe Eis des Sees eingebrochen war, und musste plötzlich schmunzeln. Nein, das war nicht der Grund für ihre Furcht, es war nur ein unglücklicher Zeitpunkt gewesen. Fast jedes Kind Seeweges war schon ins Eis eingebrochen, und den Älteren war es in ihrer Jugend nicht anders ergangen. Deshalb achteten die Älteren immer auf die Kinder, die am See spielten. Es war sogar eine Tradition geworden, dass ein Erwachsener mit einem Boot in Ufernähe blieb (und dabei meist so tat, als ob er nicht allenthalben zu den Kindern hinüberspähte), um im Falle eines Einbruchs rasch herbeieilen zu können. Decken hatte dieses Boot an Bord.

Wenn es Ylla recht bedachte, musste sie sogar zugeben, dass es nicht ihr erster Einbruch ins Eis gewesen war. Was wirklich ihr kleines Herz bekümmerte, war ein erschütterndes Ereignis am Tage vor ihrem Einbruch: der Tod ihrer lieben Mutter. Ului war sehr plötzlich verstorben. Als sie am Tag drauf beerdigt werden sollte, war Ylla traurig davongelaufen, zum See, wie erwartet, wo sie ins Eis einbrach und ihre Trauer in diese grenzenlose Furcht vor dem Wasser des Sees umgewandelt hatte.

Langsam stapfte Ylla auf den Steg mit noch immer wackligen Beinen und blickte im Dunkel auf das Boot hinab. „Ich schaffe das schon!“, sprach sie sich Mut zu, „Und danach werde ich niemals wieder zum See hingehen!“

Mit Dörrfleisch kehrte sie zu ihrem Feuerchen im Unterstand zurück, packte sich in die Decken ein, da des Trankes zum Trotz in der Nacht eine Kühle das Mädchen heimsuchte. Bald schlief Ylla ein, denn die Angst und die Ruderfahrt hatten sie erschöpft.

Am nächsten Morgen waberten auf den Wassern unter grauem Himmel sanfte Nebelschwaden. Ylla hatte bereits alles ins Boot zurückgepackt. Die Erkenntnis der letzten Nacht hatte ihr die Furcht nicht gänzlich genommen, doch immerhin war sie jetzt entschlossen, die Reise hinter sich zu bringen. Also stieg sie hinein in ihr kleines Boot und stieß es kraftvoll mit dem Ruder vom Steg fort. Trotz des leichten Nebels konnte sie in weiter Ferne das recht große Inselchen als einen dunklen grauen Schatten erkennen. Erneut dauerte es Stunden, bis sie der Insel so nahe war, dass sie größer zu werden schien, aber noch ehe das geschah, ertönte über den wogenden Wellen ein kaum merkliches Summen. Ylla war nicht sicher, ob sie es wirklich gehört hatte, so hielt sie inne vom Rudern und lauschte gespannt. Es klang wie ein Singen von einer Frau. Ylla war sicher, dass sie diese Stimme schon einmal gehört hatte, doch sie konnte sich nicht erinnern, wo das war.

Obwohl ihr die Stimme sehr schön vorkam, mehrte sie ihre Angst. Es war schließlich niemand hier, der den Klang verursachen konnte. Eigentlich sollte sie so etwas nicht hören! Nun beschleunigte sie ihr Rudern derart, dass sie die Insel schneller erreichte, als sie gedacht hatte. Und dort am nächsten Steg griff sie rasch nach dem Tau und kletterte eilig aus dem Boot. Sie starrte aufs Wasser, doch der liebliche Gesang war nicht mehr zu hören.

Ylla beruhigte sich damit, dass sie es sich nur eingebildet hatte, und bereitete den Unterstand für die Nacht vor. Am Mittag des kommenden Tages würde sie die Insel des Eremiten erreicht haben. Dann wäre die Hälfte der Reise vorüber. Sie wusste, dass im Laufe dieser Nacht die Wirkung des Gebräus allmählich nachlassen würde, also packte sich Ylla unter all ihre Decken und aß tüchtig von dem Dörrfleisch.

Ehe sie einschlafen konnte, ereilte sie die Sehnsucht nach zuhause, auch wenn ihr das Elternhaus nach dem Tod der lieben Mutter schrecklich kalt und einsam vorgekommen war, wollte sie in diesem Moment nichts sehnlicher, als bei ihrem Vater zu sein und sein Gutenachtlied zu hören.

Als erneut der Tag anbrach, hatte sich das Grau des Himmels weithin aufgelöst. Die Nebelschwaden auf den Wassern stiegen nur wenig hoch und würden heute nicht mehr den blauen Himmel erreichen.

Ylla stand am Steg und ließ ihren kühlen Körper, der noch immer unter den Decken eingekuschelt war, von der Morgensonne wärmen, ehe sie ins Boot stieg, die brennende Laterne in der Vorrichtung einklemmte und ihrer Angst zum Trotz die Reise fortsetzte. Gegen Mittag hatte sie am Steg angelegt, der zur Insel des Eremiten gehörte. Sie wusste gar nicht, wie er lebte, wie er aussah, es hatte schließlich keiner je davon berichtet. Aber von Ferne hatte sie inmitten der üppig bewachsenen Insel bereits einen Nadelbaum erkennen können, der ungewöhnlich hoch über die anderen Bäume hinausragte. Nun erkannte sie, dass er am Ende eines Pfades stand, der Ylla mit der Laterne in der Hand vom Steg, über ein paar Stufen das steile Ufer hinauf und durch den Wald geführt hatte. Neben diesem imposanten Baum stand eine halb im Schnee begrabene Blockhütte, die Rauch aus ihrem Schornstein blies.

Ylla marschierte ohne Zögern auf die Türe zu, die mit einem schmucklosen Kranz aus Tannenzweigen verziert war, denn sie konnte kaum erwarten, endlich wieder in Gesellschaft zu sein. Sie hoffte inständig, dass der Eremit ihre Angst trösten konnte, auf dass ihr endlich warm sein mochte.

So klopfte sie an die kräftige Türe, die kurz darauf geöffnet wurde. Vor Ylla trat ein großgewachsener Mann mit langem weißem Bart. Er trug einen blauen Mantel am Körper und eine blaue Mütze mit weißem Bommel auf dem Kopf, die das weiße kurze Haar verdeckte.

Ich habe dich bereits erwartet!“, sagte er freundlich, „Komm herein, Kleine, und wärme dich an meinem Feuer auf.“

Tröstend waren ihr die Worte, denen Ylla gerne folgte. So betrat sie die warme Stube und schloss die Tür hinter sich. Es war ein großer offener Raum mit einem prasselnden Kaminfeuer und vielen Regalen, die mit Büchern und Schriften gefüllt waren, sowie einem geschlossenen Sekretär.

Der Eremit war freudig damit beschäftigt, zwei Tassen und zwei Teeeier aus einem Schrank herbeizuholen und sie auf einem kleinen Tisch vor dem Kamin zu stellen. „Komm, Kleine, setz dich ans Feuer“, sprach er freundlich, als er mit der Schöpfkelle das brodelnde Wasser aus dem Kessel überm Feuer nahm und den Tee damit aufgoss.

Ylla kam näher zu den beiden Sesseln, die rechts und links des Tisches standen, auf dem sie die Laterne abstellte, und ließ sich vom Anblick der Strohgestecke auf dem Kaminsims verzaubern. Ihre Furcht zog allgemach von dannen, zurück blieb eine Trauer ob der Erinnerung an ihre verstorbene Mutter.

Ich hoffe doch, du magst Früchtetee?“, fragte der freundliche Eremit, nachdem er sich gesetzt hatte. Ylla nickte nur und kuschelte ihren Rücken fest in die weiche Rückenlehne.

Wie heißt du denn?“, fragte der Eremit weiter, der wohl merkte, dass dies Mädchen ein sehr stilles war.

Ylla“, antwortete sie schlicht.

Und wer sind deine Eltern?“, fragte er weiterhin fröhlich, obgleich er die Trauer auf Yllas Gesicht bemerkte, in der er die Ursache für ihre Stille vermutete.

Mein Vater heißt Grando“, erwiderte sie.

Grando, ja? Dann war Ului deine Mutter, stimmt’s? Eine schreckliche Sache, was da passiert ist“, meinte der Eremit mitfühlend. Da senkte sich Yllas Blick zu ihren Händen in ihrem Schoß. Der Eremit merkte, wie sehr das Mädchen dieses Thema mitnahm, und wechselte es: „Wie war deine Lichtreise bis hierher?“

Und Ylla ließ sich gerne ablenken: „Es war einsam. Und ich bildete mir eine Stimme ein. Sie hat gesungen!“

Du hast eine singende Stimme gehört?“, fragte der Eremit erstaunt.

Ja, sie war schön, aber ich fand’s trotzdem unheimlich!“ Nun war die Furcht des Mädchens so sehr verblasst, dass sie dem freundlichen alten Mann noch viele Geschichten aus Seewege erzählte, über die er herzlich lachte. Yllas Fröhlichkeit taute auf und verdrängte die Trauer beinahe.

Etwa eine Stunde später stand der Eremit aber auf: „Ylla, mein Kind, es ist an der Zeit, dass wir aufbrechen!“

So zogen sie beide los über einen verschneiten Pfad durch den dunklen Wald. Der Eremit ging stetig mit seinem Wanderstock voraus und Ylla folgte ihm mit der Laterne. Zu ihrer eigenen Überraschung war sie dabei so fröhlich, dass sie allzeit ein wohlvertrautes Lied summte, das auch den Eremiten noch fröhlicher stimmte.

Bald erreichten sie eine Lichtung, die umgeben war vom düstren Walde. Inmitten der verschneiten Fläche stand ein Häuschen ohne Wände, mehr ein Unterstand, wie Ylla meinte, denn es war nicht mehr als ein sterngekröntes spitzes Dach auf vier grazilen Stelzen. Und darunter stand ein großer quadratischer Stein mit vier runden Einbuchtungen, in denen breite und große weiße Wachskerzen eingelassen waren. Sie waren mit buntem Wachs festlich verziert und zu ihren Füßen lagen Tannenzweige.

Aber das wirklich schönste, das zauberhafte daran war die eine Kerze, die in der vergangenen Woche von Windu entzündet worden war. Ihr warmer Schein schien die Kälte des Winters fernzuhalten, wenngleich der Schnee davon nicht taute.

Ylla ging unbeirrt darauf zu, um es sich aus der Nähe zu beschauen, und bemerkte nun auch die Ritzverzierungen im Stein, die denen aus dem Steinkreis bei Seewege sehr ähnlich waren und Vertrautheit in Ylla auslösten.

Nun, bitte, Ylla, entzünde die Kerze!“, bat der Eremit, der neben ihr stand.

Welche denn?“, fragte Ylla nach, die eine Lust überkam, gleich alle drei zu entfachen, und die den Blick kaum vom zauberhaften Licht der brennenden Kerze nehmen konnte.

Sie brennen alle prächtig, daher ist das nicht wichtig. Such dir eine aus!“, antwortete der Eremit begeistert.

So öffnete Ylla die Laterne, nahm die fast heruntergebrannte Kerze heraus und entzündete mit ihr die ihr am nächsten stehende Kerze. Und diese neue Flamme empfand sie als noch schöner als die andere, doch mit einem Male musste sie an ihre Mutter denken und brach in Tränen aus.

Ach, meine liebe Mama“, schluchzte sie.

Der Eremit legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. Er sagte nichts, ließ das Mädchen fort und fort weinen. Als Yllas Tränen versiegten, war ihr, als hätte sie all ihre Trauer herausgeweint: „Mama, lebe wohl, wo auch immer du grade bist“, sprach sie und wollte sich mit dem Ärmel des Mantels die Nässe aus dem Gesicht wischen. Als dies der Eremit sah, zückte er rasch ein Tuch aus seiner Manteltasche und reichte es Ylla.

Eine Weile danach waren die beiden zurückgekehrt. Der Eremit zog auf einem Schlitten drei prall gefüllte Säcke den Weg zum Anlegeplatz hinunter, hielt aber oberhalb der Stufen am Ufer an. Ylla wusste, dass in diesen Säcken Trockenobst war, das sie zum Dorf zurückbringen sollte, aber im Augenblick, während der Eremit die Säcke auf das Boot lud, war ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem gefangen. Sie stand am Ende des Steges und blickte furchtlos frierend auf die Wellen und Schollen hinaus. Ja, furchtlos, denn mit einem Mal war ihre Angst verschwunden. Sie fühlte sich befreit.

Der Eremit kam näher, stellte sich neben Ylla und sprach: „Ich danke dir, Ylla, dass du die Reise angetreten und dass du die zweite Kerze entzündet hast.“ Nun zückte er aus einer Tasche im Innenfutter seines Mantels eine Kerze und ein Fläschchen hervor: „Die Kerze stell in die Laterne, damit sie dir den Rückweg erleuchtet.“ Er sah zu ihr hin, wartete ihr Nicken ab und fuhr dann fort: „Dies ist das gleiche Gebräu, das Gonna dir gegeben hat. Trink es und du wirst nicht frieren.“

Ylla nahm beides dankend an, zwang sich sogleich, das scheußliche Gebräu zu trinken, doch wenngleich die Winterkälte dadurch aus ihrem Innern floh, verblieb die neu geschöpfte Wärme.

Einmal prüfte der Eremit das Boot auf seine Tauglichkeit, damit es unter dem Gewicht nicht sinken würde, und befand es für gut. „In weniger als drei Tagen wirst du nach Seewege zurückgekehrt sein. Ich wünsche dir für deine Reise alles Gute“, verabschiedete sich der Alte und stand noch eine Weile, nachdem Ylla abgelegt hatte, auf dem Steg, um ihr winkend nachzusehen.

Tatsächlich erspähte Ylla am frühen Mittag des dritten Tages das heimische Ufer. Eine Flamme sah sie dort, und je näher sie das Boot dort hinruderte, desto deutlicher erkannte sie ihren Vater auf dem Stege stehen, der ihr fröhlich zuwinkte. Sobald sie angelegt hatte, sprang sie eifrig aus dem Boot heraus und ihrem Vater in die Arme. Das Boot hingegen trieb ein Stück weit auf den See hinaus, doch der Nachbar, der in Ufernähe die spielenden Kinder im Auge behielt, kam herbeigeeilt und brachte es zum Steg zurück.

Noch ehe sich Grando der Säcke mit dem Trockenobst vergewissert hatte, sprach er: „Gut gemacht, Kleines! Geht es dir jetzt besser?“ Er musste eigentlich nicht fragen, denn er merkte es bereits an der festen Umarmung.

Ylla ließ ab von ihm und sprach ernst: „Ich war so traurig wegen Mama, aber ich wollte nichts sagen.“

Ich weiß, mein Kind, ich weiß“, entgegnete Grando und drückte das heimgekehrte Mädchen fest an sich.

(Ende)

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09. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 15-20 Minuten; Genre: Adventsgeschichte, Fabel; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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