Der Goldjunge

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Es war einmal ein kleiner Junge. Mit seinem goldblonden Haar war er weit bekannt. Die ihn nicht kannten, nannten ihn ob seines lieblichen Aussehens einen Engel, doch alle anderen wussten es besser: Er war ein Lausbub von bislang ungekannter Frechheit.

Seine Eltern waren lang verstorben, daher sagte man sich, die Trauer habe ihn die Frechheit gelehrt. Das Waisenhaus, in dem er keine Freunde fand und allerlei Unfug trieb, konnte den Lausbub nicht lange halten. Keiner wunderte sich darüber, dass er fortlief und sich ein eigenes Leben in einem großen Baum des Waldes schuf. Viele Jahre lebte er nun schon dort, einsam, aber niemals vergessen. Oft kam er zu den Höfen und Häusern hin, stahl, was er zum Leben brauchte, und ließ die Bestohlenen mit seinen Streichen zurück.

Die Menschen wurden wütend, doch sie bekamen den flinken Jungen nicht zu fassen. Hinter den Zäunen stand er und lachte, wenn der Bauer seinen freigelassenen Hühnern nachjagte; hinter Bäumen verbarg er sich kichernd, wenn er den Menschen zugerufen hatte, dass Räuber sie überfallen würden. Es war eine Lüge, jedes Mal, doch er amüsierte sich prächtig über die Panik, die er damit auslöste.

Am Abend jedoch, wenn er von seinem Tagwerk – wie er es nannte – zum Baum zurückkehrte, dann kletterte er hinauf bis in den Wipfel, setzte sich unter dem Sternenhimmel nieder und blickte in die Ferne. Keinen Abend ließ er das aus, denn in der Ferne lagen seine Sehnsüchte und Träume verstreut. Er konnte über Wälder und Felder, über Wiesen und die Dächer der Ortschaften sehen.

An einem Abend, als er so da saß im Wipfel des Baumes, da schwebte eine helle Wolke über den Himmel. Rasch und gegen den Wind näherte sie sich dem frechen Jungen. Und als sie ganz nah war, da stieg von ihr eine kleine bärtige Gestalt mit einem spitzen Hut herab.

Stolpernd und tastend purzelte die Gestalt in den Wipfel, fluchend brach sie durch das knackende Astwerk. Der Junge sah dem Männchen erstaunt nach, wie es tiefer fiel und keinen Halt fand.

Nun hilf mir doch!“, rief die krächzende Gestalt zum Jungen hinauf.

Warum sollte ich?“, wollte aber der Lausbub wissen.

Ich bin ein Zauberer, Junge! Weißt du nicht, dass dich ein Lohn erwartet, wenn du einem Zauberer hilfst?“

Ein Zauberer, der ihm Lohn versprach. Das ließ der freche Junge sich nicht zweimal sagen. Geschickt kletterte er den Baum hinab, reichte der Gestalt die Hand und half ihr auf die Beine.

Und als der Lausbub die Gestalt nun betrachtete, da wurde dem Jungen klar, dass der Zauberer blind war. Doch was kümmerte es ihn? Er hielt die Hand zu ihm hin und forderte den versprochenen Lohn für seine Müh.

Der Zauberer jedoch sprach ihm seinen Dank und beließ es dabei.

Du versprachst mir einen Lohn, wenn ich dir helfe!“, rief der Lausbub mit dem goldblonden Haar.

Nun“, sprach der Zauberer, „Ich gab dir meinen ehrlichen Dank. Genügt’s dir nicht?“

Was soll dein Dank mir bringen? Er füllt mir nicht den Bauch und ist mir auch kein Dach über dem Kopf!“, meinte der Lausbub.

Da wurde der Zauberer still. Einen Moment lang verharrte er in seinen Gedanken.

Der Lausbub aber wurde ungehalten: „Was ist mit meinem Lohn, alter Mann?“

Nun“, sprach der Zauberer wieder, „Lass mich eine Nacht lang bei dir im Baume ruhen. Ich will mir einen andren Lohn für dich überlegen.“

So ließ der Junge ihn in seinem Heim übernachten.

Als am Morgen die Sonne aufging, wachte der blinde Zauberer ausgeruht auf.

Der Junge war die Nacht hindurch wach geblieben, denn die Neugier auf seinen Lohn wollte ihn nicht schlafen lassen. So fragte er erneut: „Was ist mit meinem Lohn, alter Mann? Hast du dir was überlegt?“

Wie soll ich mir etwas überlegt haben, Dummkopf? Ich schlief die ganze Zeit.“

Da wurde der Junge zornig: „Betrügen willst du mich!“

Was?“, rief der Zauberer verwundert, „Wenn du so wenig Geduld hast, Junge, so sag mir doch, was du dir wünschst!“

Diese Aufforderung fiel dem Lausbub leicht. Schon lange gab es etwas, das er sich mehr wünschte, als alles andere: „Ich möchte fliegen! Ich will über den Himmel, ganz weit fort von hier!“

Der Zauberer war überrascht von diesen Worten: „Ist das so? Fliegen willst du?“ Er überlegte einen Augenblick: „Wie der Zufall es will, bin ich auf dringendem Weg an einen weit entfernten Ort. Ich werde die Sonne bitten, mich über den Himmel zu tragen. Du darfst mich zum Lohn begleiten!“

Der Lausbub zögerte nicht. Und so rief der blinde Zauberer der Sonne zu, sie möge ihn und seinen Begleiter forttragen.

Auf einem warmen Sonnenstrahl flogen sie über die Weiten des Himmels hinfort. Die Wälder und Felder und Wiesen, die dem Lausbub einst unendlich weit und groß vorgekommen waren, schienen ihm auf Mal so klein. Tagelang zogen weite Lande, Seen und Flüsse und sogar ein Meer unter dem nie versiegenden Sonnenstrahl dahin. Kein Hunger überkam den Jungen und auch kein Durst.

Bald begann der Sonnenstrahl zu sinken. Über einem verdorrten Wald mit toten Bäumen ging er nieder. Als der Erdboden ganz nah war, da verschwand der Sonnenstrahl ganz plötzlich und der Lausbub stürzte in den Staub.

Als er aufgestanden war, umringten ihn zwei bettelarme Mütterchen, doch der Zauberer war fort.

Hast du dir etwas getan, Goldjunge?“, fragte die eine besorgt.

Lassen meine Augen mich im Stich? Bist du das Kind der Sonne?“, wollte die andere erschrocken wissen, „Dein Haar ist gelb wie die Sonne und dein Gesicht ist so lieblich und auf einem Sonnenstrahl bist du geflogen. Du musst ein Kind der Sonne sein!“

Der Junge wusste nicht, was er zu den freundlichen Worten sagen sollte, so folgte er den Mütterchen in ein verfallendes kleines Dorf. Eine Menschentraube hatte sich um einen kleinen Mann mit spitzem Hut versammelt. Es war der blinde Zauberer! Und als der Lausbub ihm ganz nah gekommen war, da sprach er laut zur flüsternden und tuschelnden Menge: „Ah! Da ist mein Helfer ja! Er wird mir assistieren, liebe Leute. Seid unbesorgt! Schon bald wird der Fluch von eurem Dorf gelöst sein.“

So zogen der blinde Zauberer und der Lausbub hin zu einem kleinen Berg. Oben auf seiner Spitze hatte der Fluch begonnen, der das Dorf und den Wald weithin sterben ließ.

Der Lausbub stellte keine Fragen, zum ersten Mal seit Jahren hatte er keine Streiche im Sinn, denn als er die Dörfler gesehen hatte, ihre Armut und Trauer, da hatte er geglaubt, in einen Spiegel zu blicken.

Können wir helfen?“, fragte der Lausbub den Alten auf dem Weg zum Gipfel.

Wir werden sehen, ob wir auf dem Berg eine Lösung finden!“, erwiderte der Zauberer.

Auf dem Gipfel entdeckten die beiden eine uralte Statue. Sie lag zerbrochen im Staub. Der Zauberer tastete eifrig nach den Bruchstücken, um sie zu erkennen.

Was ist das?“, fragte der Lausbub.

Die Statue eines Waldgeistes. Wir sollten sie heilen. Sieh nach, ob ein Bruchstück fehlt. Wir brauchen alle, um die Statue wieder herzustellen. Damit sollten wir den Fluch beenden.“

Der Lausbub sah sich um, doch keine weiteren Bruchstücke fand er. Während der Zauberer einen Spruch flüsterte, ließ der Lausbub seinen Blick wandern: Nach und nach legte sich ein grünender Teppich über die Weiten und erweckte das Land zu neuem Leben.

Die Dorfbewohner waren ihnen beiden dankbar. Ein Fest wurde ihnen bereitet. Als die Sonne unterging, sagte der Zauberer zum Lausbub: „Wenn du möchtest, darfst du mich weiter begleiten.“

(Ende)

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03. August 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 4-7 Minuten; Genre: Fantasy, Märchen; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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