Der Mann mit dem Hut

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In einem kleinen Dorfe lebte ein alter Mann, der allzeit einen Hut in seiner Hand trug, den er niemals aufsetzte und den er niemals irgendwo ablegte. Die Leute fanden das seltsam und wenngleich der Alte mit dem Hut niemals unfreundlich war, begann man, heimlich über ihn zu sprechen. Mit der Zeit sogar, da mied man ihn, man grüßte ihn nicht mehr, man mochte nicht mit ihm gesehen werden. Viel zu seltsam erschien ihnen das sonderbare und andersartige Verhalten des Mannes.

Am Rande des Dorfes lebte der Alte mit dem Hut in einem kleinen Häuschen, an das ein kleines Gemüsegärtchen angefügt war. Sein ganzes Leben hatte der Alte in dem Dorf verbracht, doch Verwandte hatte er keine mehr. Seit dem Tag, da er mit dem Hut in der Hand seine täglichen Spaziergänge machte, verlor er zudem alle Menschen, die dabei über allerlei Dinge mit ihm zu sprechen gepflegt hatten. Doch es schien ihn nicht zu kümmern. Er ging weiter seine Runden durch das Dorf spazieren, grüßte freundlich alle Leute und ließ sein fröhliches Gemüt von nichts und niemandem trüben.

Sobald die Sonne unterging, setzte sich der Alte mit dem Hut an ein Fenster und schaute stundenlang in den Sternenhimmel hinauf, denn nichts liebte er so sehr, wie das Funkeln und Glitzern am tiefschwarzen Nachthimmel.

Eines Tages, als er so am Fenster saß und in die Sterne schaute, da schien es ihm, als käme ein kleiner Stern auf ihn zugeflogen. Er flatterte ganz und gar wirr am Himmelszelt entlang, ehe er näher kam und darob größer ward als alle andren Sterne. Der Alte mit dem Hut stand erschrocken von seinem Stuhle auf, als der Himmelsfunken auf seiner Fensterbank niedersank. Da sah er nun, dass der Stern Flügel hatte, die erschöpft wie ein durchsichtiges Kleid auf einem kleinen nackten Körper lagen. Der Alte mit dem Hut öffnete das Fenster und das erschreckte die winzige Gestalt, sodass sie ängstlich versuchte, sich auf ihre schmächtigen Ärmchen und Beinchen zu stützen.

Hab keine Furcht, kleines Feelein!“, sprach der Alte, „Ich erwarte deine Ankunft schon lange. Komm! Klettere in meinen Hut, damit ich dich aus der Nachteskälte bringen kann.“

So erschöpft wollte die kleine Fee nicht widersprechen. Da schloss der Alte das Fenster und trug das kleine Wesen mit dem Hut in die Stube seines Hauses. Er legte ihr ein wärmendes Tuch dazu und entfachte im Kamin das Feuer. Zum ersten Mal seit langem legte er den Hut aus seiner Hand. Er eilte in die Küche, nahm Gebäck und einen Fingerhut voll Milch, was er beides zu dem Feelein legte, das längst eingeschlummert war.

Am nächsten Morgen erwachte das Feelein im Hute und sah den alten Mann in seinem Sessel schlafen. Vom Feuer war nur noch eine Glut übrig, aber dank des Tuches musste die kleine Fee nicht frieren. So bediente sie sich an Gebäck und Milch und blieb ruhig und erfrischt im Hute sitzen, bis der Alte erwachte. Der sah gleich nach der Fee, die ängstlich abwartend zu ihm aufschaute, ehe sie den Blick in ihren Schoß senkte und sich bemühte, ihre Angst zu verbergen.

Geht es dir besser, kleine Fee?“, fragte der Alte sogleich, doch das Zauberwesen nickte nur. Es wagte nicht, zu sprechen. „Möchtest du noch mehr Milch und Gebäck?“, fragte der freundliche Alte weiter.

Da hob das Feelein sein kleines Köpfchen, denn nicht nur hatte es Hunger, sondern überaus wohl hatte ihm das Mahl geschmeckt. „Ich würde gern, wenn Ihr erlaubt“, sprach es mit zitternder Stimme.

Der Alte stand gleich auf und kam bald aus der Küche mit einem zweiten Mahl zurück. Ehe die ängstliche Fee es aber verzehrte, wagte sie zu fragen: „Werdet Ihr meine Flügel ausrupfen, damit ich nicht fortkomme? Und mich in einen Käfig sperren?“

Mitnichten, kleine Fee!“, antwortete der Alte, „Solch grausame Sitten teile ich nicht!“

Da atmete die ängstliche Fee auf und lächelte: „Ich danke Euch für die Hilfe, alter Mann! Ich war so furchtbar erschöpft in der Nacht. Ihr sagtet, Ihr hättet mich erwartet. Wie kann das sein?“

Da erzählte der Alte von einer Begegnung: „Vor drei Jahren kam eine alte Frau zu mir. Sie bat um Hilfe, nur eine Nacht wollte sie ruhen und ich ließ sie in mein Haus. Ich erfuhr am nächsten Tag, dass sie an jeder andren Türe abgewiesen wurde. Sie schenkte mir zum Dank diesen Hut, in dem du sitzt, und sagte: ‚Es ist nicht viel, doch wenn du diesen Hut stets bei dir trägst, wirst du mit ihm eines Tages ein kleines Leben retten können!‘ Ich hielt sie für wirr, muss ich gestehen, doch sie war sicher, dies kleine Leben würde eines Tages von den Sternen zu mir hinabfallen und meinen Schutz brauchen.“

Die kleine Fee hatte speisend zugehört. „Früher hat es viele Menschen gegeben, die zu der Alten nicht Nein gesagt hätten“, begann sie, „Damals konnten wir Feen frei fliegen, ohne Furcht und ohne Grenzen. Doch heute sind gütige Menschen selten geworden. Ich könnte wahrlich Eure Hilfe brauchen, aber nun bin ich so überwältigt, dass ich gar nicht fragen will. Ich habe nichts, was ich Euch geben könnte!“

Das macht mir nichts“, erwiderte der Alte, „Frag nur!“

Das Feelein legte das köstliche Gebäck aus der Hand und sprach: „Wir Feen haben einen Ort gefunden, an dem wir sicher leben können, verborgen vor den Augen der Menschen, bis – hoffentlich – eines Tages die Gier daraus verschwunden sein wird. Wir wollten einen Zauber über diesen Ort sprechen, aber es ging schief. Irgendetwas machen wir falsch, also habe ich all meinen Mut zusammen genommen, um den Weg zur alten Hexe zu wagen. Sie hat uns Feen immer geholfen und ich hoffte, sie könnte uns sagen, was wir falsch machen. Aber meine Kraft hab ich überschätzt.“

Du weißt also, wo die Hexe zu finden ist?“, schloss der Alte daraus.

Ja. Aber es ist so gefährlich da draußen. Ich habe meinen Mut verloren“, gestand das Feelein traurig.

Sorg dich nicht! Ich werde den Weg für dich gehen und dich in meinem Hut tragen!“

Wirklich?“, fragte die kleine Fee und war so gerührt, dass sie weinen musste.

Bals darauf brachen sie gemeinsam auf. Und es wunderte niemanden, nicht in diesem und in keinem andren Dorfe, dass er mit seinem Hut in der Hand spazieren ging, denn das Gerede um den seltsamen Alten hatte sich in den Jahren weit verbreitet. Als sie auf dem Weg zur Hexe ein drittes Dorf erreichten, musste der Alte jedoch feststellen, dass sein Körper an Kraft verlor. So machte er dort zwei Tage Rast. Ehe er wieder aufbrechen wollte, ging ein Tumult im Dorfe um. Stimmen wurden laut, ein weiser Zauberer sei ins Dorf gekommen und würde einen einzigen Zauber an eine einzige Person verschenken. So sammelten sich die Menschen auf dem Platze, auf dem der Zauberer seinen Wagen stehen ließ und von wo er neugierig in die Menge schaute.

Der alte Mann war mit seinem Hut ebenfalls zum Platz gekommen. Die kleine Fee spähte achtsam aus ihrem Versteck hervor.

Liebe Leute!“, rief der Zauberer und die Menge wurde still, „Ich will ehrlich sein. Ich kam aus gutem Grunde her. Ich suche nach einem bestimmten Manne, dem ich einen Zauber schenken will. Er reist mit seinem Hut durch die Lande und trägt darin ein Wunder mit sich umher.“

Jeder wusste gleich, von wem der Zauberer sprach, und so trat der Alte mit dem Hut vor den Zauberer.

Du kannst herauskommen, kleine Fee. Dich wird kein Übel ereilen“, sprach der Weise und so kam die kleine Fee ängstlich aus dem Hut des Mannes geflattert. In der Menge ging Erstaunen um. All die Zeit, so schwatzten sie, hatte er eine Fee vor ihren Nasen umhergetragen. Schnell waren sie der Meinung, der Alte habe einen solchen Reichtum, wie eine wunscherfüllende Fee es in ihren gierig werdenden Augen war, nicht verdient. Missgunst und Ärgernis gingen um und steckten auch die Kleinsten rasch an. Da sank die Fee entmutigt auf die Krempe des Hutes hinab.

Als der Zauberer das sah, wurde er zornig und rief die Menge zur Ruhe an. „Schweigt!“, rief er laut aus, „Behaltet eure Dummheiten für euch!“ Dann wandte er sich dem alten Manne zu: „Du hast viel gegeben, vor allem von deiner Liebe, um diese kleine Fee zu retten. Die anderen Feen habe ich gestern in eine sichere Zuflucht gebracht, welche die Hexe und ich selbst ihnen errichtet haben. Dir allein möchte ich die Ehre erweisen, mit den Feen und mir an diesem Ort zu leben, bis der Menschen Gier überwunden ist.“

Der alte Mann mit dem Hut bedankte sich und so verzauberte der Weise ein Buch aus seinem sonst leeren Wagen, auf dass es wuchs und zu schweben begann. Mit diesem Buch flogen sie hoch in den Himmel und fort von den Dörfern und Städten, über denen ein Schatten der Fäulnis lag. Langehin flogen sie unter einem wundersamen Sternenhimmel, den der Alte mit dem Hut voll der Verzauberung betrachtete. Bald landeten sie in einem großen Schloss, in dessen zahlreichen Gärten die prächtigsten Blumen gediehen. Es stand in einem blühenden Tale inmitten eines Gebirges und war umgeben von einem lichten Walde. Überall ragten Türme und Dächer aus den Wipfeln heraus, die zum Schlosse gehörten, so sehr war es mit dem Walde verschmolzen.

Als das fliegende Buch in einem der Gärten niederging, kamen Hunderte Feen herbeigeeilt und begrüßten die verlorene Fee voll Freude, die kurz vor der Rettung durch den Zauberer davongeflogen war. Und den alten Mann nahmen sie gern in ihrer Mitte auf, nachdem sie von seiner güte erfahren hatten.

Auch die Hexe kam herbei, um die Neuankömmlinge zu begrüßen, und da erkannte der alte Mann die Hexe: „Ihr seid die Frau, die mir den Hut schenkte!“

Es ist gut, dich wiederzusehen!“, begrüßte sie den Alten mit krächzender Stimme, „Ich hatte diesen Tag vorhergesehen, doch er lag so fern in der Zukunft, dass ich nicht sicher war, ob er genauso geschehen würde. Manchmal ändern sich die Dinge über die Zeit. Aber tatsächlich brauchten der Zauberer und ich so lange, um diesen Ort des Friedens zu erschaffen, dass die kleine Fee sich auf den Weg machte, jenen Weg, auf dem sie dir unweigerlich begegnen musste.“

Was wird aus den Menschen?“, fragte der Alte besorgt.

Das werden wir sehen“, erwiderte die Hexe bekümmert, „Wir haben lange Zeit gekämpft, um ihnen die Augen zu öffnen, um diese Fäulnis abzuwenden, doch sie ist ein hartnäckiger Gegner! Die Zukunft der Menschen ist gänzlich ungewiss. Von diesem Ort aus und mit der Hilfe der Feen werden wir eine Lösung suchen, damit auch die Menschen eines Tages gerettet werden können.“

Dies beruhigte den Alten mit dem Hut. Er verbrachte die letzten seiner Tage friedlich in dem Schlosse, doch rasch war ihm klar geworden, dass er jenen Tag, an dem die Menschen von der Fäulnis Befreiung erführen, nicht mehr erleben würde.

(Ende)

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01. Februar 2019; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 5-8 Minuten; Genre: Fabel, Fantasy, Märchen; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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