Die Legende vom Schildkrötenberg

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Es war einmal ein Ritter, der trug ein glänzendes schlankes Schwert an seiner Hüfte, das man Glunding nannte. Es sollte das schärfste aller Schwerter sein, doch es war so grazil und leicht, dass man den Ritter dafür verlachte. Keiner mochte ihm glauben, dass er mit einem einzigen Hiebe Glundings einen Drachen enthauptet hatte, aber der Ritter bestand darauf, dass es die Wahrheit sei.

Hoch oben auf einem kleinen Berg – dem einzigen in der Umgebung – da hatte sich der edle Ritter ein Haus errichtet. Aus Stein gebaut und mit drei kleinen Räumen stand es da. Von diesem Berge aus, so sagte er, könnte er alles im Umland genau beobachten und jeden Eindringling im Nu erkennen, denn als Ritter hatte auch er einen Eid geschworen, mit seinem Schwert zum Schutz zu streiten.

Die Menschen, die in der weiten Ebene lebten, aber vor allem diejenigen, die nahe am Berge wohnten, die sprachen von dem edlen Ritter auf dem Berge. Doch von seinen Taten sprach man selten, viel öfter und viel amüsanter fand man das Gerede über sein Singen.

Der Ritter liebte es nämlich, zu singen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen, stand er vor dem Hause und sang sich allen Kummer und alle Freud von seiner guten Seele. Und jeden Abend machte er es gleich.

Die Stimme, die zu gefallen mochte, hallte weithin vom Berg hinab und erfreute die Menschen.

An einem Morgen, als er wie üblich vor der Hütte stand und seine Lieder in die Ebene schickte, da verdunkelte sich der Himmel. Er brach sein Singen ab, legte die Hand an den Griff des Schwertes Glunding, als wollte er einen Angriff abwehren.

Doch hoch vom Himmel, da sank ein Drache nieder. So rief der Ritter in die Ebene hinein, weil er wusste, dass die Menschen ihm zu dieser Zeit lauschten: „Lauft! Ein Drache!“

Während am Fuß des Berges die Menschen erschraken und sich alle in ihren Häusern versteckten, zog der Ritter das treue Schwert, um erneut damit einem Drachen den Kopf abzutrennen.

Der Drache aber flog ein Stück fort vom Ritter und landete dort auf der Wiese. „Halte ein, Ritter!“, sprach der Drache, doch obgleich der Ritter innehielt, ließ er nicht von seiner Haltung ab, die bereit war, anzugreifen.

Was willst du hier, Drache?“, fragte der Ritter angespannt.

Ich will nicht streiten. Bitte, Ritter, ich bin erschöpft. Nichts weiter, als einen Moment der Ruhe möchte ich.“

Du behauptest also, du willst den Menschen hier nicht schaden?“, wollte der Ritter wissen, denn er wusste selbstredend von der Arglist der Drachen.

Das will ich nicht!“, antwortete der Drache.

Was willst du dann?“, fragte der Ritter weiter, ohne von seiner angespannten Haltung abzulassen.

Ich will nur ruhen, werter Ritter. Du kannst die Waffe niederlassen. Ich bin zu traurig, um zu kämpfen. Weder will ich jagen noch will ich irgend zu mir nehmen. Die Trauer hat mich befallen wie eine Pest und will nicht mehr von mir lassen.“

Du bist traurig?“, fragte der Ritter verwundert und konnte in den grünen Augen des Drachens tatsächlich eine tiefbetrübte Trauer erkennen. „Wie kann ein Drache Trauer empfinden?“, wollte er dann wissen.

Alle Drachen können es!“, meinte der Drache empört und wollte einen heißen Streit beginnen, aber die Trauer brachte diesen Anflug von Ärger jäh zu einem Ende.

Meine Trauer lähmt meine Flügel. Ich kann nicht weiter fliegen, doch ich muss meinen Kindern folgen, eh ihnen Schreckliches passiert“, erzählte der Drache voll Sorge.

Der Ritter erkannte die Furcht, die dem Drachen widerfahren war, so fragte er: „Was ist geschehen, dass du so traurig bist, Drache?“

Was kümmert es einen Schlächter, wie dich?“, erwiderte der Drache, denn er hatte Glunding sehr wohl erkannt. Das Schwert war allen Drachen ein Begriff, weil sie wussten, dass seine Geschichten keine Erfindungen waren.

Wenn du sagst, du bringst den Menschen kein Unheil, so will ich dir glauben. Du hast fürderhin von Glunding nichts zu befürchten!“, sprach der Ritter mit weiser Stimme, „Nun, sprich!“

Der Drache zögerte kurz, doch begann darauf sein Klagen: „Meine Gemahlin wurde von wilder Meute erschlagen. Und mit ihr drei unserer lieben Kinder. Die übrigen zwei Kinder konnte ich in Sicherheit davonjagen und nun will ich ihnen folgen. Aber die Trauer über meinen Verlust macht mich so schwach. Ich wusste von diesem Felsen, auf dem du wohnst. Ich will ihn um Hilfe bitten, mich von hier fortzutragen.“

Der Ritter hatte gut gelauscht: „Wie soll ein Berg dich forttragen können?“

O, wie töricht du bist! Du baust ein Haus auf dem Rücken einer Schildkröte und merkst es nicht?“, spottete der Drache.

Es gefiel dem Ritter nicht: „Verspottet mich nicht, Drache. Dies ist ein Berg. Keine Schildkröte der Welt kann derart groß werden. Und so leblos wie der Berg ist, du musst dich irren.“

Es ist wie ich sage!“, bestand der Drache auf die Richtigkeit seiner Worte, „Ich werde sie wecken, so wirst du es mit eignen Augen sehen.“

Da stieß der Drache mit letzter verbliebener Kraft einen Schrei aus, der den Erdboden unter des Ritters Füßen zum Beben brachte. Da erhob sich der Berg und ein Kopf an langem Hals wuchs aus seinem Inneren.

Für wahr, du behältst Recht, Drache. Eine Schildkröte ist dieser Berg“, sprach der überraschte Ritter.

Ich bat sie eben, mich zu tragen. Sie wird mir helfen. Also, Ritter, es ist an dir. Du kannst mitkommen und bei deinem Hause bleiben, oder abspringen und bei diesen redlichen Menschen bleiben, die du zu beschützen wünschst.“

Wird die Schildkröte nicht wieder hierher zurückkehren?“, wollte der Ritter sogleich wissen.

Weil du mir so lieb warst, will ich die Schildkröte für dich darum bitten“, meinte der Drache.

So blieb der Ritter auf dem Rücken und sie gingen gemeinsam, langsam, aber stetig von dannen.

Kurz nach ihrem Aufbruch war dem Ritter etwas eingefallen: „Drache“, begann er, „du sagtest, eine wilde Meute habe euch angegriffen? Was hat es damit auf sich?“

Sie suchten einen feuerspeienden Unhold, der ihre Felder und Dörfer niedergebrannt hatte. Voll des Zornes kamen sie zu uns, obwohl wir ihnen in all den Jahrhunderten kein Leid zugefügt hatten. Nun will ich mit meinen übrigen Kindern zu einem fernen Ort ziehen und neues Glück suchen.“

Viele Wochen, nein, Monate gar waren der Ritter und der trauernde Drache auf dem Rücken der Schildkröte unterwegs. Sie hatten sich Geschichten erzählt: Der Drache hatte von seiner Heimat und den friedlichen Jahrhunderten dort berichtet. Wie die Menschen einst die Drachen verehrt hatten, und die Drachen ihnen dafür in der Not beigestanden hatten. Der Ritter hingegen hatte die Geschichten Glundings erzählt. Davon, wie er einem Drachen den Kopf abschlug, was seinen Begleiter nicht zu erschüttern vermochte. Er war voll der Bewunderung für diese unglaubliche Schmiedekunst.

So wurden sie auf ihrer Reise zu guten Freunden.

Eines Tages aber waren sie an dem Ort angekommen, den der Drache gesucht hatte. „Das Ende der Welt nennen es die Menschen“, sprach der Drache, als der Ritter in einen steilen tiefen Abgrund blickte, in dem ein Meer aus weißen Wolken lag. „Hier ist der Geburtsort aller Drachen, ehe sie mit ihresgleichen in die Welt hinausziehen“, erklärte der Drache.

Sie stiegen vom Rücken der Schildkröte hinab. Nah am Abgrund spähte der Ritter in die Tiefen. Nach einer Weile stiegen aus den Wolken zwei Kreaturen hinauf. Drachen, die mit hoher Geschwindigkeit die Wolken durchbrachen und zum Abgrund hinaufzogen. Bei ihrem Vater landeten sie und als der alte Drache seine lebenden Kinder sah, wie sie unversehrt und gesund waren, da wurde die Trauer zuweilen von ihm genommen. Der Ritter freute sich für seinen neuen Freund und sprach: „Die Trauer wird niemals ganz vergehen, mein Freund, doch du wirst noch viele Jahrhunderte weiterleben.“

Ja“, sagte der Drache, „Nun, lass mich mein Versprechen einlösen. Ich will die Schildkröte bitten, dich in deine Heimat zurückzubringen.“

Du könntest mit mir kommen und deine Kinder ebenso. Auf meinem Berge ist genug Platz für euch.“

Aber die Menschen fürchten uns Drachen!“, erwiderte der Drache auf das freundliche Angebot.

Lass die Menschen meine Sorge sein. Als Retter und Götter will ich euch preisen. So werden sie euch verehren und ihre Furcht in Ehrfurcht wandeln.“

So ward es also getan. Und die Menschen bauten den drei Drachen einen Schrein oben auf dem Berg, direkt neben der Hütte des Ritters. Und nicht nur ihnen ward ein Schrein gebaut, sondern auch der Schildkröte, deren Anblick ihnen wunderlicher war, als der eines Drachen.

Die Drachen wollten ihre neue Heimat schützen, und so taten sie es viele Jahrhunderte hindurch. Lieder wurden ihnen gesungen, die weithin vom Berge hallten.

(Ende)

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07. September 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 5-8 Minuten; Genre: Fantasy, Märchen; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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