Ein Lied des Schicksals

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Es war einmal ein Riese namens Grorr, der war nicht gar so groß wie seine Artgenossen und wurde dafür häufig ausgelacht. Immer wieder hielt man ihm vor, wie ungewöhnlich klein er doch war, man fragte sich, ob er irgendwann das fehlende Stück noch wachsen würde, aber wie die Jahre so vergingen, verblieb der Riese so, wie er war. Kein Schlag von liebender Elternhand, kein striktes Wort zur Aufforderung, kein Schreien und kein Seufzen half, dass der junge Riese genauso groß ward, wie er in den Augen aller sein müsste.

Oftmals, weil die anderen ihn ärgerten und mieden, verfluchte er sich selbst dafür und versuchte ganz ungewöhnliche Dinge, um auch nur ein kleines Stück noch größer zu werden. Nichts half ihm und so verfiel er irgendwann in seiner Einsamkeit dem Gram. Miesepetrig nannte man ihn fortan und griesgrämig. Er lachte nicht mehr und verlor alsbald den Sinn für Glück und Liebe.

Darob verließ er seine Sippe, um vor ihrem Spott zu fliehen. Weit oben in den Bergen baute er sich aus Stein und Fels ein großes Schloss, in dem er fortan lebte. Niemanden ließ er dort hinein und jeden, der seinem Schloss zu nahe kam, den verjagte er mit furchtbarem Gebrüll.

Um aber nicht ständig den Gedanken an sein einsames und scheußliches Leben erliegen zu müssen, grub er sich Tag für Tag tiefer in den Berg unter seinem Schlosse ein und vergrößerte das Gemäuer jede Woche um einen weiteren Raum. In allen diesen Räumen hortete Grorr die vielen Schätze, die ihm so wundervoll funkelten und glitzerten. Diese Schätze hatte er mühsam aus dem Berg geschürft und liebevoll in den Räumen platziert, auf Podesten, in Regalen, auf Tischen, und immer so, dass er sich an jedem einzelnen Stück davon in großem Maß erfreuen konnte.

Irgendwann war sein Schloss so riesig und verworren, dass er selbst sich hin und wieder dabei ertappte, einen falschen Weg gegangen zu sein oder den richtigen nicht mehr zu wissen. Aber es machte ihm nichts, denn seine neue Leidenschaft war ihm das Laufen geworden. Und so lief er jedes Mal in den Gängen und Räumen auf und ab, wenn er von der Einsamkeit eingeholt wurde, und freute sich sogar, wenn er sich verirrte, denn dann konnte er noch weiter laufen.

Eines Tages, als er unten in seinem Berg am Ende eines langen Tunnels einen neuen Korb mit Schätzen füllte, ertönte ein sonderbares Geräusch. Zuerst dachte Grorr, dass es nach all den Jahren zum ersten Mal wieder einer wagte, in sein Schloss einzudringen, doch dann fiel ihm auf, dass dieses Geräusch, ein stets Schaben, von jenseits des Felsens kam, an dem er Edelsteine schlug. Sonderbar erschien ihm das. Er wusste ganz sicher, dass er keinen Tunnel oder Raum jenseits des Felsens hatte. So glaubte er bald, es könne nicht anders sein, als dass dahinter eine natürliche Höhle lag, die schon lange vor ihm dort gewesen war.

Er schürfte weiter seine Edelsteine, denn er wollte nicht, dass ihn das Schaben kümmerte, doch das Geräusch brach nicht ab. Es wurde lauter, immer lauter, brach dann ab, als Grorr aufhörte, mit der Spitzhacke gegen den Fels zu hämmern, und ertönte bald darauf wieder leise. Und als der kleine Riese erneut zu schlagen begann, da wurde das Schaben lauter, immer lauter. So entschied Grorr, es für den Tag gut sein zu lassen. Er nahm seinen halbgefüllten Korb und ging zurück in sein Schloss. Er versuchte, nicht weiter an das Schaben zu denken, doch der Gedanke schlich allenthalben ganz heimlich zu ihm zurück, und wenn das geschah, blickte er in seinen Korb und überlegte sich, wo er die herrlichen neuen Schätze ausstellen wollte, aber der Gedanke an das Schaben ließ nicht ab von ihm. Nachdem er seine neuen Schätze poliert und aufgebahrt hatte, legte er sich vor Müdigkeit in sein Bett, das von den prächtigsten Stücken seines Schatzes umgeben war.

Einschlafen konnte er nicht. Obwohl er müde war und seine Lider schwer, so hielt ihn der Gedanke an das schabende Geräusch vom Schlafen ab. Bald stand er auf und wanderte in den Gängen des Schlosses umher, doch auch dies mochte seine wachsende Neugierde nicht schwächen. Lange konnte er sich nicht mehr von diesem quälenden Gedanken ablenken.

So stand er bald mit seinem Werkzeug am Ende jenes Tunnels vor der Felswand im Berg, hinter der noch immer das Schaben zu hören war. Er glaubte sogar, es sei lauter geworden, also schlug er sich durch diesen Felsen durch und brach nach wenigen Stunden in eine Kammer, die auf allen Seiten von dickem Fels umgeben war. Grorr nahm seine Laterne und erleuchtete damit den Raum. Ein Schatten kauerte dort in einer Ecke. Je näher Grorr ihm kam, desto deutlicher erkannte er eine ihm ähnliche Statur mit einem langen Schweife und zwei Hörnern auf dem Haupt. Und dies war dem kleinen Riesen nicht geheuer. Er hielt inne, kniff die Augen ein Stück näher zusammen, um im Dämmerlicht der Laterne mehr erkennen zu können, und fragte bald: „Wer bist du?“

Da hob die Kreatur den Kopf und schaute mit seinen Augen, die wie glühende Kohlen waren, zu Grorr auf. Der Riese erschrak und stolperte zwei Schritte rückwärts: „Du musst ein Teufel sein!“

Das ist wahr!“, sprach die Kreatur mit freundlicher und ganz und gar erbarmungswerter Stimme.

Was machst du hier unten? Wie konntest du…?“, Grorr beendete den Satz nicht, denn zu viele Fragen in seinem Kopfe schienen ihm wichtiger zu sein.

Ich habe meine Freiheit verloren!“, sprach der Teufel traurig, „Ich wurde eingesperrt in diesen Schatten, ohne Licht und ohne Hoffnung. Ganz allein ließ man mich zurück.“

Da wurde dem griesgrämigen Riesen warm ums Herz, denn so einsam, wie sich der Teufel fühlen musste, so einsam fühlte er sich auch selbst. Und das schon lange, lange Zeit. „Du bist einsam, Teufel. Hab ich recht?“

Ja, einsam bin ich!“

Und du frierst darum, stimmt’s?“

Ja, ich friere bitterlich!“

Und du bist wütend. Ist es nicht so, Teufel?“

Ja, zornig bin ich!“

Aber vor allem, das weiß ich sicher, bist du tief verletzt!“

Ja, es schmerzt ganz fürchterlich!“

Da wusste es der Riese sofort: Er konnte den Teufel nicht zurücklassen. So nahm er ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Berg heraus, durch das Labyrinth seines Schlosses hindurch bis vor das gewaltige Tor und schenkte ihm die Freiheit.

Da rief der Teufel ein fliegendes Pferd mit flammender Mähne herbei, stieg auf dessen Rücken und reichte dem Riesen eine Hand: „Begleite mich, Riese. Wir ziehen in die Welt und machen sie uns untertan!“

Vor langer Zeit einmal wäre Grorr vor solchem Angebot bestimmt erschrocken, aber nach all der Zeit in Gram und Einsamkeit erschreckte ihn fast gar nichts mehr. So griff er ohne Zögern nach des Teufels Hand und stieg zu ihm auf das riesengroße Feuerpferd.

Lange Zeit flogen sie gemeinsam durch die Welt und wann immer das Pferd sie berührte, entfachte ein lodernder Brand, der die Erde und alles Leben darauf versengte. Grorr labte sich an der Hitze dieser Feuer. Er hatte lange genug nur Kälte gespürt und ganz und gar vergessen, wie angenehm und schön die Wärme war. Um keinen Preis wollte er sie je wieder vermissen, doch wann immer sie an einen Ort kamen, der noch nicht in Flammen stand, spürte er nur Kälte, diese unerträgliche leere Kälte. Kein Bitten und kein Flehen konnte ihn halten und so stand alsbald die ganze Welt in Flammen.

Eine Weile später flogen Grorr und der Teufel über die weiten Meere. Die unerträgliche Kälte begleitete sie, also hielt der kleine Riese immerzu Ausschau nach Land, das er versengen konnte. Bitterlich frierend erkannte er irgendwann ein Eiland inmitten des tobenden Ozeans und setzte hernach begierig zur Landung an.

Sobald das Feuerpferd die Erde berührte, schwappten von allen Seiten die tosenden Wellen herbei und brachen über dem kleinen Eiland, noch ehe es den wütenden Flammen anheim fiel. Der Riese wurde samt Pferd und Teufel in die Fluten gezogen und ging darin unter.

In den letzten Minuten seines Lebens verblieb dem Riesen ein allerletzter Gedanke: „Wie konnte es nur so weit kommen?“

(Ende)

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04. Januar 2019; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 3-5 Minuten; Genre: Fabel, Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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