Ein schönes Fest

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In dem kleinen Dorfe Grenholf steht eine große Halle am Dorfplatz, wie in den meisten Siedlungen dieser Lande. Es war Tradition, dass die Menschen an Festtagen gemeinsam in der Halle speisten und feierten. Besonders zu Weihnachten ließen sich alle Einwohner dorthin einladen, obgleich es sich an anderen Festen, derer es zahlreiche gab, anders verhielt. Am heutigen Tage sollte das letzte der drei großen Abendmahle stattfinden, die das vergangene Jahr besangen, ehe eine Fastenzeit von wenigen Tagen gehalten wurde, um mit einem weiteren ebenso prächtigen Fest den Beginn des neuen Jahres zu feiern.

Inmitten der großen Halle, umrundet von all den Tischen und Stühlen stand ein schmuckloser hochgewachsener Tannenbaum, den nichts weiter besonders machte, als ein Holzstern auf seiner Spitze. Was nun aber keiner wusste, war, dass vor einer Woche die jungen Geschwister Elmoa und Liron dort unter dem Nadelbaume ein kleines Präsent versteckt hatten. Sie wollten es am Abend des dritten Festmahles dem Ältesten Ogron überreichen, eine Idee, die den Zwillingen schon Mitte des Jahres gekommen war, sodass sie jede Menge Zeit aufwenden konnten, um ein passendes Geschenk zu finden, das den Ältesten freuen mochte. Immerhin, so hatten es sich die beiden klugen Kinder gedacht, war der Älteste in jedem Streit und jedem Frieden allzeit präsent gewesen, um alles zu schlichten oder zu bewahren. Dafür waren ihm die Leute sehr dankbar, doch Elmoa war irgendwann aufgefallen, dass sich niemand so recht bei ihm bedankte. Es wurde nicht ausgesprochen, wenngleich es jeder empfand, und dem Ältesten schien es nichts auszumachen, aber sie beide wollten an dem Fest einmal Danke sagen.

Ganz früh am Morgen des letzten Festtages war Elmoa auf ihren flinken Füßen in die Halle geschlichen. Niemanden konnte sie dort sehen und so glaubte sie, die erste zu sein, die am heutigen Tage einen Fuß in die Halle setzte. Dennoch verblieb sie lautlos und ging achtsam hin zum Baume, behielt dabei die Türen der Halle im Blick und horchte, ob jemand herein käme und sie bemerken könnte. Als sie beim Baum angekommen war, sah sie sich noch einmal gründlich um, ehe sie unter die Zweige krabbelte, um nach dem Geschenk zu sehen. Dabei musste sie eine Kartoffelschale aus dem Weg räumen, die offenbar unter den Baum gerutscht war, wo sie niemand gefunden und weggeräumt hatte. Ihr Bruder und sie hatten das Geschenk nicht zu weit unter das Tannengrün geschoben, damit sie leichter herankämen, und auch nicht zu fern vom Stamm, damit die Äste es vor den Augen anderer verbergen mochten.

Es war nicht da! Entsetzt schaute Elmoa genauer hin und krabbelte einmal um den Baum herum, doch sie konnte es nicht finden. Es war einfach fort!

Sie erschrak gar fürchterlich, krabbelte unter dem Baum hervor und lief unachtsam zur Türe hin. Davon musste sie ihrem Bruder berichten! An der Tür, gerade als sie öffnen wollte, kam ein Mann herein, einer derjenigen, der liebend gern die Aufgabe übernommen hatten, in der Küche zu helfen. Er trug eine schwere Kiste mit Vorräten fürs Kochen und hatte das kleine Mädchen mit Schreck bemerkt, das eilig und ungeduldig an ihm vorbeihuschte und in den verschneiten Straßen des Dorfes verschwand.

An ihrem Elternhaus, einer zweistöckigen hölzernen Blockhütte, angekommen, stürzte sie die Treppe hinauf und das Zimmer, das sie sich mit ihrem Zwillingsbruder teilte. Liron saß auf dem Boden in der Mitte des Raumes und bastelte an einigen Kastanienmännchen. Er war so sehr erschrocken von Elmoas plötzlichem Auftauchen, dass er alles aus seinen Händen in die Lüfte warf und die Augen zukniff. Elmoa beruhigte ihren hastigen Atem, ehe sie sprach: „Liron! Liron! Es ist fort!“

Was ist fort?“, fragte der Junge, der die Einzelteile seines neuen Kastanienmännchens wieder einsammelte.

Das…!“, wollte Elmoa laut herausplatzen, doch sie besann sie sich darauf, zu flüstern, damit niemand von ihrem Geheimnis erfuhr, „Das Geschenk, Liron. Ich war eben in der Halle, um danach zu sehen. Es ist fort!“

Nun sprang Liron entsetzt auf seine Beine: „Was sagst du? Das kann nicht sein! Ich war gestern als letzter aus der Halle gegangen und da war es ganz sicher noch da!“

Aber jetzt ist es fort!“, erwiderte Elmoa, denn wenn dem nicht so wäre, hätte sie es ja unterm Baum gefunden.

Weißt du, ob vor dir jemand drin gewesen ist?“, fragte Liron.

Du meinst, es hat jemand gefunden?“, fragte Elmoa nach und überlegte nicht lange: „Nun, ich habe niemand dort gesehen. Es war ruhig. Ich hab ja aufgepasst!“

Das ist seltsam. Schließlich ist es noch sehr früh. Es wäre ungewöhnlich, wenn um die Uhrzeit schon jemand in der Halle wäre“, überlegte Liron.

Na, einer der Helfer kam mit Vorräten rein, als ich rausging. Vielleicht hat er’s ja gefunden!“

Wir müssen es auf jeden Fall wieder finden!“, meinte Liron und zog sich eilends seine warmen Sachen an.

Meinst du, die Helfer sind schon länger auf den Beinen? Vielleicht sollten wir den einen in der Halle fragen, dem ich begegnet bin!“, schlug Elmoa vor.

Das ist eine gute Idee. Vielleicht weiß er, ob dort heute schon was los war!“, bestätigte Liron.

Also rannten nun die Zwillinge die verschneite Straße zum Dorfplatz hinunter und stürmten in die Halle hinein. Durch eine seitliche Tür gelangten sie in die Küche, in der der Mann mit der Kartoffelkiste noch stand und die bereitstehenden Zutaten zählte.

Ulf“, meinten die Zwillinge im Chor, „war heut schon jemand hier?“

Ulf hatte sich erschrocken, weil die Kinder unversehens zu ihm in die Küche geplatzt waren. Eigentlich wollte er weiterzählen, aber er musste ob der Unterbrechung ohnehin von vorn beginnen, da konnte er ihnen auch eben antworten: „Es waren schon ein paar Leute hier. Elmoa, du zum Beispiel, und ich selbstredend. Das seht ihr ja. Warum ist es wichtig?“

Nun sahen sich die Zwillinge schweigend an, ehe sie den Entschluss fassten, ihr Geheimnis preiszugeben: „Hör mal, Ulf, da ist etwas schreckliches passiert!“, begann Elmoa.

Etwas Schreckliches! Du liebes Bisschen! Sag an, was ist es?“, fuhr Ulf sogleich auf.

Du darfst es aber nicht dem Ältesten verraten!“, sagte Liron streng und Elmoa nickte zustimmend.

Aber der Älteste muss davon erfahren, wenn etwas Schreckliches passiert ist!“, meinte Ulf und beugte sich zu den Kindern hinunter: „Sagt es mir! Was ist geschehen?“

Wieder sahen sich die Zwillinge an, diesmal unsicherer als zuvor, doch dann flüsterten sie: „Wir haben ein Geschenk gemacht. Für Ogron! Aber es ist fort!“ – „Ja, fort! Wir hatten es unterm Baum versteckt.“

Ulf sah die beiden ungläubig an, das Schlimmste war ihm in den Sinn gekommen, was passiert sein mochte, doch dies liebe Geheimnis brachte ihn jetzt zum Lachen.

Das ist nicht lustig!“, fuhren ihn die Zwillinge wie aus einem Munde an.

Ihr habt mein Wort, dass ich zu Ogron nichts sage. Ihr denkt also, jemand hat’s gefunden, ja? Lasst mich kurz überlegen“, er murmelte im Flüsterton vor sich hin, ehe er glaubte, sich an jeden erinnert zu haben, der die Halle am Morgen schon betreten hatte: „Also Sonja war hier. Hat einen neuen guten Kessel gebracht. Und Weslar und Habrich sind auch hier gewesen. Haben die Tische gereinigt und das Besteck gezählt. Und ich denke, die Ilsa war auch da. Ja, ich bin sicher, sie war kurz hier, ist aber gleich wieder gegangen. Ach, ja, und Brandar half mir mit den Vorratskisten. Sonst war niemand hier. Ich bin sicher.“

Und hast du das Geschenk gefunden?“, fragte Elmoa und Liron fügte an: „Lüg nicht, Ulf!“

Nein, nein! Ich habe kein Geschenk gesehen!“, beteuerte er.

Und so eilten sie hinaus. Vor der Türe der Halle überlegten die Zwillinge, wen sie zuerst aufsuchen sollten: „Also ich finde ja, Welsar und Habrich kommen am ehesten in Frage, sie haben ja die Tische gereinigt. Womöglich haben sie da zufällig unser liebes Geschenk entdeckt und es mitgenommen.“

Meinst du wirklich? Ich glaube ja, Ilsa kommt am ehesten in Frage. Sie war nicht lange hier, aber vielleicht war das so, weil sie das Geschenk gefunden und gleich damit wieder verschwunden ist!“, entgegnete Liron.

Wir können’s nicht wissen. Geh du zu Ilsa. Ich frage bei Weslar nach. Und wir treffen uns dann hier wieder!“, schlug Elmoa vor und Liron gefiel die Idee.

So liefen sie in verschiedene Richtungen fort. Elmoa kam zuerst bei Weslar und seinem Sohn Habrich an und rief sogleich: „Ihr beiden! Habt ihr heute Morgen etwas in der Halle gefunden?“

Weslar sah das Mädchen verwundert an.

Unter dem Baum. Habt ihr dort etwas entdeckt, was nicht dahin gehört?“, fragte Elmoa deutlicher, aber die zwei hoben unwissend ihre Schultern und schüttelten die Köpfe.

So kehrte Elmoa zur Halle zurück, wie es abgemacht war.

Liron hatte in der Zwischenzeit Ilsa gefragt, doch die behauptete, dass sie kaum zwei Schritte in die Halle getan und auf den Baum gar nicht geachtet hätte.

Bald trafen sie vor der Halle aufeinander und berichteten einander. Nun kamen nur noch Sonja und Brandar in Frage, also machten sie sich diesmal gemeinsam auf den Weg, da die zwei Nachbarn waren. Sie klopften zuerst an Sonjas Tür, doch langehin wurde ihnen nicht geöffnet. „Sie ist wohl nicht da“, bemerkte Liron und seine Schwester meinte: „Lass uns zu Brandar gehen, eh wir überall nach Sonja suchen. Wir sind ja grade hier.“

Liron nickte und sie beide stapften zum Nachbarhaus, klopften an, warteten, bis ihnen geöffnet wurde. „Brandar! Hast du etwas unterm Baum gefunden?“, fragte Elmoa sogleich.

Unterm Baum, sagt ihr?“, vergewisserte sich Brandar, doch ehe die beiden weiter nachfragen konnten, ging Brandar in die Stube hinein zu einem Tisch, auf dem das vermisste Päckchen lag.

Das Geschenk!“, rief Elmoa aus und lief eilig zum Tisch.

Liron folgte ihr zügig und sah dann erbost zu Brandar auf: „Warum hast du es gestohlen?“

Gestohlen, sagst du? Nein, nein! Ich fand es unterm Baum, als mir aus einer Kiste mit Abfällen etwas herausgefallen war. Ich dachte, es hätte jemand dort verloren. Gehört es euch?“

Ja! Aber du darfst niemandem davon erzählen!“, meinte Liron streng.

Ach, nein? Warum das denn?“, wollte Brandar wissen.

Es ist für Ogron. Aber er soll’s noch nicht wissen“, erklärte Elmoa ihm und der Mann begann zu lachen: „Das ist ja sehr lieb von euch. Ich werde schweigen. Ihr habt mein Wort.“

Und so war es auch. Bis zum Abend ahnte Ogron nicht einmal etwas, sodass es ihm inmitten des Festschmauses eine heitere Überraschung war, als die Zwillinge ihm dankend das kleine Präsent darreichten. Er öffnete es und fand darin voll der Freude eine Sammlung sehr kunstvoll gestalteter Kastanienmännchen vor.

(Ende)

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26. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 5-7 Minuten; Genre: Weihnachtsgeschichte, Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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