Fafr erwacht

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Vor hunderten von Jahren soll das Brüllen des altehrwürdigen Drachen beinahe jeden Tag weithin hallend zu hören gewesen sein. Aber seit mehr als einhundert Jahren hatte man es gar nicht vernommen und so waren die Menschen und Völker zu der Annahme gelangt, der Unsterbliche sei verstorben, seine Knochen lägen droben auf dem Berg in seiner Höhle auf einem riesigen Schatz aus Gold und Juwelen. Man glaubte schließlich, dass Fafr für all seine Weisheiten belohnt wurde, und da er fast so alt war wie die Welt selbst, konnte es nicht anders sein, als dass er einen riesigen Reichtum angehäuft hatte. Aber die Abenteuerlustigen, die es wagten, mit gieriger Hand nach diesem angeblichen Schatz zu streben, kehrten nicht zurück, weil die Nachkommen Fafrs, des mächtigen Urdrachen, noch immer auf dem Berg lebten, und so glaubte man, dass sie ihn, den Schatz und die Knochen ihres Ahnen beschützten.

Aber das musste Herbold jetzt egal sein, denn es drängte in ihm eine wichtige Frage, die nur und ausschließlich die Weisheit eines Drachen beantworten könnte. Und überhaupt! Er glaubte nicht an das Hörensagen, der Drache sei tot, denn Fafr war einer der Unsterblichen. Nur der Tod von eines Drachentöters Hand könnte ihn davon befreien. Und Drachentöter, das wusste Herbold wohl, die sprachen lange und laut über ihre rühmlichen Taten! Er hätte es gehört, wenn jemand von dieser Tat besungen wurde. So stieg er, ungeachtet aller Warnungen seiner Sippe und aller Warnhinweise im Wald den Berg hinauf. Ein schmaler und verwilderter Pfad führte aus dem Dickicht des Waldes hinaus und über die begrünten Hügel am Fuße hin zu einem steilen Steig. Droben am Himmel in weiter Ferne konnte Herbold die Drachen bereits fliegen sehen. Er empfand Furcht, schließlich vermochten diese feuerspeienden Ungetüme, einen Menschen wie ihn in einem Stück in die grässlich großen Mäuler zu nehmen. Und da er kein Mann von ungewöhnlicher Größe war, sondern eher klein geraten, so würden die Drachen ihn vermutlich auch in einem Stück hinunterschlucken.

Herbold drehte sich zum Waldrand um, der ein Stück unterhalb lag und in dem eine Düsternis Einzug hielt, die ob des wolkenlosen Sonnenscheins unheimlich und viel dunkler wirkte, als sie tatsächlich war. Er konnte umkehren. Noch war es nicht zu spät! Aber wie sollte er dann Antworten finden? Die Frage in seinem Innersten zerfraß ihn schon seit langem und verwehrte ihm die schönen Träume in geruhsamen Nächten.

So zupfte er seinen edlen Zwirn zurecht, klopfte den Staub des trockenen Pfades von seinem feinen Umhang und marschierte voran. Das Gold seines Schmuckes, selbst die herrlichen Verzierungen an seinem Schwertgriff zeugten von edlem Geblüt. Und tatsächlich war Herbold kein armer Mann, ganz im Gegenteil: Er besaß einen gar königlichen Reichtum und befehligte Heerscharen von Menschen, die treu ihm folgten, wenngleich sie nicht allesamt zufrieden mit ihm waren. König Herbold von Unterswegen, so lautete sein ganzer Name, und obgleich er weithin wohl bekannt war, so sprach er von sich selbst an jenem Tag bescheiden nur als Herbold, wohin er auch ging. Die Menschen, denen er begegnet war, sahen wohl, dass ein edler Mann durch ihre Mitte ging, doch so weit von der Heimstatt entfernt wusste keiner so recht, wie der König aussah. So konnte keiner wissen, wer der Edle war, solange ihn niemand vorstellte. Und hierher zum Berg sollte niemand ihm folgen, es war keine Dienerschaft zugegen, die seine Königlichkeit rühmen oder seinen ganzen Namen preisgeben konnte, selbst den Weg hierher hatte er allein auf seinem Ross gemacht, das er bei einer verfallenen Hütte mit regengefülltem Trog hatte ruhen lassen.

So weit war er schon gekommen, er würde jetzt nicht umkehren, wenngleich ihn die Geschichten um die Abenteurer angst und bange machten. So stieg er weiter hinauf über den schmalen Pfad, der sich, gesäumt von Lehm- und Steinfiguren in Drachengestalt, durch felsige Klüfte und an steilen Hängen hinaufschlängelte. Hier und da wuchsen kleine Sträucher, vereinzelt auch Gräser, doch kein einziger Baum wagte, auf dem Drachenberg zu thronen. Der Weg führte geradewegs zur Höhle des Urdrachens, dessen Weisheit Herbold heute bereichern sollte.

Die Drachen am Himmel flogen Kreise und waren mehr geworden. Herbold wusste, sie hatten ihn bereits bemerkt und behielten ihn stets im Auge, doch er ging mutig voran. Knapp unterhalb der Höhle, die er aus guter Entfernung schon wie ein schwarzes Loch im Berg erkennen konnte, wurde der Berg flacher und der Pfad breiter. Vor ihm lag eine Schneise des Todes: Dutzende Krieger, Abenteuerlustige, die den Schatz bergen oder sich mit den Drachen messen wollten, aber auch ein Drachenskelett säumten den flachen Weg. Aber Herbold war nicht dumm. Trotzdem, dass ihn ein gehöriger Schreck ereilte, ahnte er, dass die Drachen über ihm auf seine Reaktion gespannt waren. Er legte die Hand auf den Knauf des Schwertgriffs, zog es aber nicht, sondern drückte den Knauf nach vorn, auf dass die Klinge hinter ihm in die Lüfte gehoben wurde und Herbold in die Knie gehen konnte. So kniend schloss er andächtig die Augen und verharrte einen Augenblick, ehe er sich wieder aufrichtete und seinen Weg durch die Gefallenen voranschritt. Obwohl er wusste, dass man Drachen so am besten besänftigen konnte, verblieb sein Puls in ungeahnter Geschwindigkeit, seine Schritte wurden unsicherer, sein nervöser Blick fiel allenthalben zu den Seiten und im Augenwinkel zu den Drachen am Himmel. Sie machten keine Anstalten, zu ihm hinunter zu kommen, drehten weiter ihre Kreise über ihm.

Bald hatte er den Eingang zur Höhle erreicht, mit zittrigen Knien, wie ihm unwohl auffiel, und noch zittrigeren Händen. Er schaute hinein in das Dunkel, das nur wenige Meter in den Fels hineinragte und mehr einer riesenhaften Grotte glich. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er Stroh und Zweige, die zu einem großen Nest zusammengesteckt waren, und obenauf thronend den Schatten einer riesengroßen Kreatur, deren Körper sich in der Mitte im Rhythmus seines Schnarchens auf und ab bewegte.

Da zog dem kleinen König ein Schauer durch den Leib, der ihn kalt werden und beben ließ, die Angst wurde in ihm so mächtig, dass er nicht merkte, wie abrupt das Schnarchen endete und sich ein Kopf auf langem Halse vor ihm erhob.

Ein Mensch?“, ertönte die brummende Stimme des Urdrachen Fafr. Verschlafen klang er, doch seine Augen leuchteten im Dunkel.

Da erschrak Herbold so sehr, dass er zu Eis erstarrte.

Jawohl, ein Mensch! Ich kann es wittern“, sprach Fafr mit seiner donnernden Stimme weiter, die Herbold durch Mark und Bein ging, „Das ist schon lange nicht mehr vorgekommen. Was führt dich her?“

Aber Herbold sprach nicht, seine Kehle war ihm zugeschnürt, sein Geist wollte dem erstarrten Körper befehlen, fortzulaufen, aber er gehorchte nicht. Nein, der Urdrache war nicht tot. Trotz allem, was man sich erzählte, und worauf Herbold sein Lebtag noch keinen Wert gelegt hatte, er lebte! Und seine Größe war noch mehr und unheimlicher als in allen Erzählungen, seine Stimme gewaltiger als das Donnergrollen am Himmel, sein Maul viel monströser, als er sich’s je hätte vorstellen können, seine Augen durchdringend und wachsam wie ein loderndes Feuer, das sich durch alles hindurchfraß.

Du fürchtest dich?“, fragte Fafr und senkte seinen Kopf auf die Vorderläufe, um dem Mann die Frucht zu nehmen, „Sprich, wie ist dein Name und was willst du von einem Drachen?“

Nun merkte Herbold wohl, dass der Drache ihm nicht näher kam und offenbar nicht sinnte, ihn zu fressen. „Werdet Ihr mich fressen?“, fragte er dennoch stammelnd nach.

Wenn du das möchtest, dann tu ich es vielleicht“, antwortete der Drache, „Aber im Augenblick ist mir nicht nach Fressen zumute. Ein freundliches Gespräch hingegen möcht ich nicht verneinen.“

Die Worte, so fein gesprochen, beruhigten Herbold dermaßen, dass er sogar einen Schritt näher kam und zu berichten begann: „Nun, mir drängt sich ein Frage so tief auf, dass ich nicht mehr schlafen kann. Ich muss Antwort finden, aber selbst die weisesten und klügsten meines Reiches können mir keinen Rat geben.“

Dann will ich es versuchen. Welche Frage ist es?“, fragte der Urdrache, den sogleich die Neugierde gepackt hatte.

Wonach ich suche, ist der Sinn des Lebens. Kennt Ihr ihn?“, erbat Herbold, der noch immer nicht wagte, zu blinzeln.

Fafr hatte aufmerksam zugehört, wie er es stets zu tun pflegte. Er starrte den Mann an, musterte ihn von Kopf bis Fuß, bis er endlich sprach: „Das ist eine gute Frage, eine würdige nach all der Zeit im Schlaf.“ Der Drache richtete sich auf, doch dieses Mal, wenngleich Herbold einen Schritt zurückwich, ängstigte es ihn nicht mehr gar so sehr. „Auf welchen Pfaden hast du ihn bisher gesucht, Mensch?“, fragte Fafr, ehe er ihm Antwort geben wollte.

Und so begann der König, von all jenen Versuchen, die er bisher unternommen hatte, zu erzählen: „Zunächst suchte ich den Lebenssinn im Ruhm. Ich erschlug die Dunklen aus den Sümpfen, die unser Land seit langem bedrohen, und einte die verstreuten Menschen in einem Königreich. Ich herrschte über diese Menschen und tue es noch, doch auch dies verschafft mir nicht die Erfüllung, nach der ich strebe. Auch Reichtum habe ich angehäuft. Man sieht es mir wohl an. Doch noch immer quält mich eine Leere in meinem Inneren, die nicht versiegen kann. Mehr als ich kann ein Mensch nicht erreichen. Ich bin ein mächtiger, ruhmreicher und mit Gold überhäufter König, und dennoch fehlt mir ein Sinn im Leben. Wie kann das sein?“

Der Urdrache schloss kurz die Augen, Stille ereilte die Grotte, eine unangenehme und für Herbold lang anhaltende, die erst mit Fafrs Worten enden mochte: „Du wandelst wahrlich auf schattigen Pfaden, König“, sprach der Drache darauf, „Wie kann man in Dingen den Sinn des Lebens finden, die selbst kein Leben haben? Ist es nicht eher das Leben, das sich selbst seinen Sinn gibt?“

Das Leben selbst?“, fragte der erstaunte König nach.

Die meisten Menschen“, begann der weise Drache, „finden Erfüllung darin, etwas mit eigener Hand und eigener Kreativität zu erschaffen. Ein Haus womöglich, in dem die Deinen leben können, auch noch viele Jahre nach deinem Tod; Liebe womöglich, die jemanden mit Glück und Seligkeit überhäuft; Licht, das andere in den Schatten wärmt und ihnen die verschiedensten Pfade des Lebens erleuchtet; oder ganz gar nur Wissen, das du weitergeben kannst. In jedem Fall fand ich meinen Sinn darin, meine Nachkommen zu beschützen und die Welt in ihrem herrlichen Glanz. Nachkommen selbst sind ein Sinn des Lebens, damit es fortbestehen kann. Der Sinn im Leben könnte auch sein, dass man die Kinder dieser Welt behütet, seien es auch nicht deine eigenen. Vielleicht auch, weil man sonst einsam wäre.“

Herbold hatte wohl gelauscht. Ihm war, als stünde er seit Jahren in einem Dunkel und fechte gegen einen Hauch, der sich ihm dort von allen Seiten näherte, ohne jemals Gestalt anzunehmen. Furcht hatte er vor diesem unbekannten Hauch empfunden. Eine Furcht, die so tief saß wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Nun aber erhellte sich das Dunkel mit tausend kleinen Flammen, die von Menschenhand getragen wurden. In dem Dunkel erkannte er Licht. Ein Licht, so hell, dass alle Furcht vor den fortbestehenden Schatten verblich.

(Ende)

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07. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 4-8 Minuten; Genre: Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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