Grichtelwünsche

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Im Garten eines winterweißen Hauses, da stand ein großer kahler Baum. In seinem Wurzelwerk, tief in die Erde reichend, da lebte ein Völkchen von mausgroßen Gestalten, das sich Grichtel nannte. Sie gingen auf zwei Beinen und trugen feine Kleidung. Oben auf dem Haupte zierte sie alle ein grünes Zipfelmützchen. Sie trieben gerne Späße und Schabernack, bestahlen gern die Häuser der Menschen und erfreuten sich an allem Unfug, der ihnen einfallen mochte. Gleichwohl aber rühmten sie sich ein liebes Völkchen, denn untereinander gab es selten argen Streit oder Ärger. All die Späße dienten der Erheiterung und Fröhlichkeit und wurden stets mit Fassung getragen.

In dieser Grichtelgemeinschaft lebte auch der junge und überaus neugierige Gramlik. Seit jeher interessierte er sich für alles und jeden, denn seine Neugierde erschien unermesslich. So kam es, dass es kaum etwas gab, was er nicht wusste. Vor fünf Tagen jedoch war ein neuer Grichtel in die Gemeinschaft aufgenommen worden. Man hatte ihn auf dem Gehweg neben dem Gartenzaun gefunden, verletzt und hungernd. Rasch hatte man ihn in den Bau unter dem Baum gebracht und mit großer Sorgfalt gesund gepflegt. Gramlin, der Älteste der Grichtel, hatte angeordnet, dass ihn außer ihm selbst und zwei ausgewählten Helfern keiner besuchen dürfe, damit er genug Ruhe bekam, um gesund zu werden.

Gramlik hatte die gesamte Zeit versucht, etwas über den Neuen herauszufinden; den Gehweg hatte er ausgekundschaftet, um des Grichtels Herkunft zu bestimmen, und diejenigen, die ihn dort fanden, hatte er ausgefragt. Aber viel hatte er nicht über den Neuen herausfinden können und das fuchste ihn so sehr, dass er beständig vor dem Krankenzimmer auf und ab stapfte, an der Türe lauschte und, wann immer die Tür geöffnet wurde, hineinspähte, um mehr in Erfahrung zu bringen. Nichts anderes hatte er im Sinn, als herauszufinden, wer der Neue war und wo er herkam. Auch die Helfer und den Ältesten fragte er von Zeit zu Zeit, ob sie etwas Neues wüssten, aber sie sagten Gramlik nur, der Neue spreche nicht viel.

Heute wurde er endlich aus dem Krankenzimmer gelassen. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft kam er zum gemeinsamen Speisen in die Haupthalle tief unten im Wurzelwerk. Er wurde sogleich herzlich begrüßt, und weil er selbst so wenig sprach, erzählten ihm die anderen ganz wundervolle Geschichten. Gramlik kam zu ihm, er setzte sich ganz unauffällig in seine Nähe und beobachtete sein Verhalten. Der Neue aber saß sehr still und beinah reglos da, seine Augen waren gläsern, als ob er nichts fühlte, und seine Bewegungen beim Speisen so minimal, dass man sie kaum wahrnahm.

Als das Speisen vorüber war, fand sich eine kleine Gruppe Grichtel, die den Neuen überall herumführte und ihm ein Zimmer zuwies. Gramlik war der Gruppe gefolgt, hatte sich aber weit hinten gehalten, um alles und vor allem den Neuen gut im Blick zu behalten. Nachdem dieser jedoch sein Zimmer betreten hatte, war die Gruppe fortgegangen. Nur Gramlik blieb stundenlang vor der Türe stehen und lauschte daran, ja, er spähte sogar durch die Ritzen in der unfein zusammengeschusterten Tür. Allzeit lag der Neue nur auf seinem Bett mit dem Gesicht zur Wand und regte sich nicht. So wurde Gramlik unruhig. Er wollte unbedingt mehr erfahren! Er konnte es nur schwerlich ertragen, nichts über ihn zu wissen. So ging er fort und suchte die Grichtel aus der Gruppe, die ihn durch den Bau geführt hatte, und fragte sie, was sie wussten.

Grambar! Weißt du etwas über den Neuen? Hat er irgendwas gesagt?“, fragte er den ersten, den er traf.

Der Neue? Nein, der hat kaum geredet. Aber frag doch Gramgich. Der weiß vielleicht mehr!“, antwortete ihm der Grichtel.

So suchte Gramlik weiter und fand Gramgich in der Haupthalle: „He da! Weißt du etwas über den Neuen? Hat er irgendwas gesagt?“

Ich habe kaum mit ihm gesprochen. Aber ist dir nicht aufgefallen, dass er nicht ein Mal den Mund verzogen hat?“, antwortete Gramgich.

Was meinst du?“, fragte Gramlik verwundert und neugierig nach.

Na! Ich habe meinen besten Witz erzählt! Jeder lacht darüber, oder mindestens kann keiner vermeiden, darüber zu grinsen. Er aber hat nichts dergleichen getan. Dabei wollte ich ihn gerne aufmuntern. So traurig, wie er immer dreinblickt!“

Nun, da es Gramgich gesagt hatte, fiel es Gramlik auch auf. Ja, er lachte nicht und er grinste nicht. Er lächelte nicht einmal! Und das sollte für einen Grichtel doch ganz und gar ungewöhnlich sein, denn Freude und Spaß waren ihr höchstes Gut!

Vielleicht solltest du Grambis fragen. Der weiß bestimmt mehr. Ich habe ihn mit dem Neuen sprechen sehen!“, meinte Gramgich noch und zog danach von dannen.

Und so machte sich Gramlik auf, den anderen Grichtel zu finden, den er letztlich in einem Raum aufspürte, in dem die Gemeinschaft alte Lichter und Lampen der Menschen aufbewahrten und mit ihren ungeschickten Talenten wieder in Gang zu bringen vermochten. Er entwirrte gerade eine Lichterkette, die sie in der vergangenen Nacht heimlich aus dem Haus der Menschen gestohlen hatten.

Grambis! Weißt du etwas über den Neuen? Hat er irgendwas gesagt?“, fragte Gramlik neugierig.

Da ist er ja! Ich fragte mich schon, ob du noch auftauchen und Fragen stellen würdest“, antwortete der andere und lachte darüber.

Lach nicht! Ich mein es ernst!“, erwiderte Gramlik.

Sobald Grambis merkte, dass er es tatsächlich ernst meinte und nicht zu derlei Späßen aufgelegt war, ließ er es damit gut sein und sprach: „Sein Name ist Gramgor. So viel habe ich über ihn erfahren. Aber mehr hat er zu mir nicht gesprochen. Ich glaube, er hat etwas sehr Schlimmes erlebt. Darum lacht er auch nicht.“

Das war auch Gramliks Idee gewesen, aber so konnte er es unmöglich belassen: „Es ist Weihnachten. Wir sollten ihm eine große Freude machen. Dann lacht er vielleicht!“

Das ist eine gute Idee!“, erwiderte Grambis, „Aber wie sollen wir das machen? Ich wüsste nicht, was Gramgor Freude machen sollte. Grambar hat seinen schönsten Tanz beim Speisen aufgeführt, das hat den Neuen nicht gerührt. Und Gramgich hat ihm seinen besten Witz erzählt. Ich selbst habe ihn schon so oft gehört und lache noch immer darüber. Aber der Neue hat keine Miene verzogen. Und ich selbst habe ihm von meinem letzten Streich erzählt. Du weißt doch, jeder fand ihn witzig, nur der Neue, der grinste nicht einmal.“

Gramlik überlegte, aber ihm fiel nichts ein, was den Neuen ganz sicher freuen würde: „Ich werde mich umhören. Vielleicht weiß doch einer, was ihn aufheitern könnte.“

Ich glaube kaum, dass er sich anderen mehr geöffnet hat als uns. Aber geh nur und versuch es. Und sag Bescheid, wenn du etwas weißt“, meinte Grambis und fuhr fort damit, die Lichterkette zu entwirren.

Gramlik aber blieb dort stehen. Er wusste wohl, dass der andere Recht behielt. „Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden“, sprach er und sah in Grambis’ fragendes Gesicht, „Nur Gramgor selbst kann uns diese Frage beantworten. Also muss ich zu ihm gehen. Nur so können wir ganz sicher das richtige finden.“

Grambis nickte zustimmend und Gramlik eilte hinaus und hin zum Zimmer des Neuen. Auf dem Weg durch die sich schlängelnden und windenden Gänge im Wurzelwerk, rannte er in so manch einen Grichtel hinein, doch das kümmerte ihn nicht. Gleichwohl aber fing er damit aller Grichtel Aufmerksamkeit, sodass manche ihm heimlich folgten und hinter einer in den Gang ragenden Wurzel sich versteckend horchten, ob sie eine Erklärung für Gramliks ungewöhnliche Eile fanden. Gramlik war in das Zimmer des Neuen so plötzlich und laut hereingeplatzt, dass dieser in seinem Bette aufsprang und sich nach Luft schnappend zu ihm umdrehte.

Dein Name ist Gramgor, stimmt’s?“, fragte er nach.

Der Neue beruhigte sich allmählich, als er merkte, dass es ein Grichtel war, der dort vor ihm stand. Sein Blick senkte sich traurig zu Boden. Er nickte zaghaft, doch sagte nichts.

Wir haben eine Tradition in unsrem Bau. Wenn ein Neuer kommt, dann feiern wir für ihn“, erzählte Gramlik, obwohl es gar nicht stimmte, „Wir wollen dir eine schöne Feier bereiten. Es ist immerhin Weihnachten und da dachte ich mir, ich erfülle dir einen Wunsch.“

Da wurde der Neue aufmerksam und sah zum ersten Mal mit einer erkennbaren Seele in seinen Augen zu Gramlik hin.

Sag mir, was würdest du dir für ein Weihnachtsfest am meisten wünschen?“, fragte Gramlik nach, als Gramgor nicht gleich antwortete.

Der Neue überlegte nun, da er merkte, wie ernst es dem Grichtel war. Bald sprach er dann in knappen Worten: „Lichter! Ein Fest mit tausend hellen Lichtern!“

Lichter, sagst du?“, wiederholte Gramlik und lächelte dann zufrieden, „Dann sollst du Lichter bekommen!“

So verließ er das Zimmer und bemerkte die noch immer lauschenden Grichtel hinter der Wurzel. „Ihr da!“, rief er ihnen zu und nun kamen sie aus ihrem Versteck hervor, „Bringt alle Lichter, die ihr finden könnt, zur Haupthalle. Wir schmücken sie, damit sie ganz hell erleuchtet.“

Einstimmig, weil sie die Worte aus dem Zimmer mit angehört und von ihnen gerührt waren, machten sie sich auf.

Gramgor saß auf seinem Bett, noch eine ganze Weile, nachdem die Stimmen und Geräusche in den Tunneln verstummt waren. Er stand gemächlich auf und folgte den verworrenen Tunneln bis zur Haupthalle. Sie war dunkel, ganz und gar in dunkles Grau gehüllt, doch er konnte das Murmeln und die Hektik der Grichtel hören, die das Fest mit allen Speisen und Getränken bereiteten, als ob ihnen die Lichtlosigkeit nichts ausmachte. Silhouetten konnte er mit Mühe erkennen. So blieb Gramgor am Zugang zur Halle stehen und lauschte bloß.

Bald darauf trat ein alter Grichtel neben ihn, der einen langen weißen Bart im Gesichte hatte. „Es ist schön, dass du an unserem Fest teilnimmst. Ich war in Sorge, du würdest nicht kommen“, sprach Gramlin.

Gramgor sah zum Ältesten hin. Er wusste nicht, was er sagen sollte, so schwieg er darauf.

Es ist bereitet, wie es scheint!“, meinte Gramlin einen Augenblick später und betrat freudestrahlend den Saal. Gramgor seufzte kurz und folgte dem Alten dann zu einem Tische, an den sie sich in dieser grauen Düsternis setzten. Einen Moment später rief ein Grichtel auf: „Macht das Licht an!“

Und so geschah es: Tausende Lichter hingen an der Erddecke, leuchteten wie ein Sternenzelt und dies Leuchten prallte von Dutzenden aus Scherben zusammengeklebten Christbaumkugeln ab, sodass ein magischer Anblick in die Herzen der Grichtelgemeinschaft sank.

Alle staunten darüber und schauten bald zu Gramgor hin, um zu sehen, ob ihnen die Freude gelungen war. Der Neue saß da mit einer Träne in den Augen und starrte gebannt auf die erleuchtete Hallendecke, ein Anblick, der seinen Lebensgeist wiedererweckte.

Und so begingen sie ihr Fest. Voll der Freude, mit Tanz, Musik und Lachen! Gramgor saß inmitten unter ihnen und wenngleich er nicht lachte oder sprach, lag allzeit an diesem Abend und allen folgenden ein seliges Lächeln auf seinen Lippen.

(Ende)

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25. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 5-7 Minuten; Genre: Weihnachtsgeschichte, Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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