Leseprobe zu Eine Geschichte Akt I – Laras Flucht

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© 2017 Bonnie C. Elgengard

Eine lange Nacht

Die Nacht lag über den Weiten, nur der Hori­zont wies noch einen hellen Streifen auf. Dünn, und bald ver­schwunden.

Wie ein Traum erschien es Lara, als sie über einen der vielen schmalen Pfade durch das hohe, baum- und strauchlose Gras ging, über dem hier und da das zir­pende Geräusch der Grillen wie Nachtmusik lag. Hun­dert Glühwürmchen schwirr­ten tanzend und singend zum Rhythmus, wobei das Singen mehr einem melodi­schen Summen äh­nelte. Die Insekten ließen die niedri­gen Steinmau­ern er­leuchten, die die Pfade einseitig be­gleiteten und sich endlos über die grasbewachsenen, sanft hügeligen Weiten erstreckten. Aus der Ferne ertön­te sanft das gemächliche Rauschen der Wellen, die ihre Gischt gegen die hohen Felswände warfen, bevor sie sich zurückzogen, um mit neuem Schwung gegen die steile Küste zu preschen.

Mit Trauer schritt Lara dem vertrauten Heim entgegen, ihr langes braunes Haar durcheinander geweht von der leichten salzigen Brise. Nun war der helle Strei­fen fort. Die Dunkelheit hatte die Oberhand gewonnen und das Mädchen eingehüllt. Es kannte den Weg, das machte ihm nichts, denn es hätte ihn mit geschlossenen Augen finden kön­nen. Doch das Vorankommen fiel Lara schwer. Sie wollte noch nicht nach Hause, nicht jetzt. Jetzt wollte sie alleine sein, einsam und verlassen, so, wie sie sich fühlte. Die Ereignisse der vergangenen Stunde mochte Lara vergessen und so, wie es das Mäd­chen immer tat, wenn die traurige Realität sein Innerstes erschütterte, in einem schönen Traum versinken.

Jedoch gelang es Lara nicht, den Erinnerungen zu entfliehen. Es musste Schicksal sein, dem sie, da von den Arkadda ihr vorherbestimmt, nicht ent­fliehen konn­te. Die mächtigen Herrscher der Welt, die von weit oben aus ihrem Reich Ovanfor auf Lara hinabsahen und ihr Schicksal sponnen, muss­ten wissen, was gut für sie war. Und offenbar hat­ten die Arkadda entschieden, dass diese kurze Lie­be nicht Teil ihrer Zukunft werden, sondern in ih­rer Ver­gangenheit den Staub der Zeit ansetzen sollte. Ihr Blick schweifte hinüber zum Meer. Jen­seits der ge­fährlich zerklüfteten Bruchkanten der Klippen lag ein Glitzern in der Nachtschwärze. Es tanzte mit den Wo­gen.

Hach, das Meer!‘, dachte Lara bei sich. Wie oft schon hatte sie stundenlang zu ihm hingesehen und sich auf seine Weiten fortgeträumt. Mit Fern­weh im Anblick seiner Unendlichkeit führte der Ozean die Sechzehnjäh­rige fort in andere, fremde Welten vol­ler unbekannter Orte und Dinge und in die Gefah­ren der wildesten und meist unerwarte­ten Abenteu­er, fernab all ihrer Sicherhei­ten. Frei­heit wartete in der Ferne, doch die Geborgenheit eines Zuhauses hatte Lara entscheiden lassen, die­ser Freiheit nur in ihren fantasievollen Träumen nachzuge­hen, um im­merzu im Schoß der elterli­chen Sicherheit erwac­hen zu können.

Lara seufzte.

Die See war ruhig, doch ein Sturm hätte ihr in diesem Augenblick gefallen. Im Gegensatz zu ihrer Trau­er konnten die Stürme des Meeres ganze Wel­ten zerstö­ren. Es war das Gefühl, dass in der ver­gangenen Stunde ein Sturm durch ihr Inneres ge­zogen war, der Chaos hin­terlassen hatte. Er hatte ebenfalls eine heile Welt zer­stört. Mit einer Hand griff Lara nach dem Haar, das vom Wind über ihr Gesicht geweht wurde, und schob es fort von den tiefdunklen Augen wie einen Vorhang. Am liebs­ten hätte sie den Sturm aus sich herausgelassen und dem Meer übergeben, doch dann wären die schö­nen Er­innerungen gekommen, die sie zu ver­drängen suchte. Es würde sie zu sehr schmerzen, an die wundervollen Wo­chen zurückzudenken, die heute so abrupt und schmerz­haft endeten.

Ihre blassen, braunen Brauen zogen sich zum flachen Nasenbein zusammen und formten trauri­ge Fält­chen, die zur hohen Stirn hin ausliefen wie Ber­ge, die ihre Wurzeln zur Ebene hin reckten. Die weiße Haut un­ter den wenigen hellen Laubfle­cken auf der Nase erröte­te bis über die flachen Wangen, und die Lippen ihres kleinen rundlichen Mundes drückte Lara fest zusammen, um die auf­kommenden Tränen zu unterdrücken. Sie hob eine der zier­lichen Hände vor Mund und Nase und schluchzte laut, als sie tief ein- und auszuatmen versuch­te. Für einen Augenblick schloss Lara die Augen und wandte sich ab von den schlechten Ge­fühlen. Es gelang ihr, sie zu unterdrücken, sodass die Röte aus ihrem liebli­chen, länglichen Gesicht verblasste.

Ein Mal noch atmete sie tief ein und aus, ehe sie die Augen öffnete und sich auf dem sanft von Glüh­würmchen erhellten Weg umdrehte. Sie blick­te betrübt in die Richtung, aus der sie gekommen war, doch außer ein paar fernen Lichtern aus den Fens­tern zweier Höfe, den glühenden Insekten und ei­nem wenig hell beschiene­nen ockerbraunen Weg, erkannte sie nur Schwärze.

Sich wandte sich erneut um. Der Weg voraus führte Lara nach Hause. Vor einer Stunde war sie diesen Weg in anderer Richtung mit dem höchsten Glücksge­fühl entlanggegangen wie an jedem Tag der letzten vier Wochen. Wie jeden Tag der letzten zwei Monate war sie zu der alten verlassenen Scheune gegangen, in der ein Gespenst sein Unwe­sen treiben sollte, wie Nachbarn verkündeten. Ein paar Kinder waren zum Spielen dort­hin aufgebro­chen und leichenfahl schreiend zurückge­kehrt. Als man sie gefragt hatte, was denn geschehen sei, spra­chen sie mit zitternder Stimme von entsetzli­chem Schmerzensstöhnen, Kettenrasseln und fla­ckernden Lichtern. Seither wagte niemand mehr einen Schritt dort­hin.

In Wahrheit aber versteckte sich dort eine schwer verletzte Stadtwache, die sich im flackern­den Schein zweier Kerzen ihres Kettenhemdes zu entledigen versuchte, um ihre Wunden zu versor­gen. Der Mann wurde von den Piraten gesucht.

In der Hafenstadt Parabait waren die Schurken der Meere vor drei Monaten überraschend vor An­ker ge­gangen und niemand hatte es gemerkt, da sie unter Han­delsflagge gesegelt waren. Die Stadtwa­chen hatten ver­sucht, sie zu vertreiben, doch sie unterlagen kläglich, denn nie zuvor hatten es Pira­ten gewagt, die angeblich si­cherste Stadt des Sü­dens anzugreifen. Nie zuvor war es gelungen, die dicken Mauern zu überwinden und vom Lande her in die Stadt vorzurücken. Und erst recht war es bis­lang niemandem gelungen, von der See her in die Stadt einzudringen, da die Tore und die dicken, ho­hen Kaimauern jeden Versuch, sie zu überwinden, mit feuriger Kraft zerschlugen. Die Piraten jedoch hatten es geschafft und keiner vermochte zu sagen, was seither im Innern der abgeriegelten Stadt ge­schah.

Der junge Wachsoldat war als einziger Überle­bender der stadteigenen Truppen schwer verletzt vor der gewaltsamen Übernahme der Stadt geflo­hen, um Hilfe zu holen und andere Städte zu war­nen, doch die Piraten hatten seine Flucht bemerkt und suchten ihn seither überall.

Alle paar Tage zog ein Trupp der Seeräuber durch die Wiesen, versteckte und lauerte hinter den weg­begleitenden Mauern, die nicht höher wa­ren als ein Kind von fünf Jahren, und ging von Hof zu Hof und verlangte Schmuck und Kost oder den Tribut, den sie einzufor­dern pflegten. Die Men­schen, Bauern und einfache Stadtleute, fügten sich angsterfüllt, denn keines Mannes Stärke hätte ge­nügt, den übermächtigen Feind zu zer­schlagen, der so plötzlich gegen die Ufer der Stadt geschlag­en war wie eine Flutwelle, die alles mit sich reißt. Kei­ner auf dem Lande wagte, zu den Waffen zu grei­fen, denn aus Parabait hörte man keine Laute mehr und sie taten denen nichts zu leide, die sich fügten. Die Stadt war abgeriegelt und ganz in den Händen der gierigen Pi­raten. Keine Maus konnte der Stadt entfliehen, keine Ratte konnte sie betreten, die einfachen Stadtleute waren gefangen wie das Vieh und wurden gepeinigt, zu tun, was immer die Peiniger wünschten.

Die Köpfe der dahingeschlachteten Wachen wa­ren aufgespießt vor den Mauern der Stadt, als War­nung und Abschreckung. Und die Truppen des Kö­nigs waren andernorts in einen erbitterten Krieg verflochten. Es gab auch nicht die Möglichkeit, den König über die derzeitige Lage in dem ent­fernten Landteil zu informieren. Die gesamte Stadt und auch weite Teile des Umlandes waren nun in den maßlosen Händen der Piraten und ihres ge­fürchteten Kapitäns Ateriol, des Unnachgiebigen, den man auch den Teufel des Südmeers oder den Strategen nannte.

Ein grausam’ Schicksal, das all die Menschen er­eilte. Doch wer behauptet sich schon gegen eine Vorse­hung, die, von den hohen Arkadda selbst er­dacht, dem Menschen auferlegt? Keiner sollte wa­gen, dem arkaddi­schen Gebot entgegenzutreten, der nicht in den Tiefen Terawells sein ewiges Ende finden wollte, ein jenseitiger Ort, an dem all die Verbannten landen sollten.

Zwei Wochen nach der Übernahme hatte es sich Lara zum Ziel gesetzt, das unheilvolle Ge­spenst aus der alten Scheune zu vertreiben, um ih­ren Mut zu erproben. Die Piraten taten seither kei­nem Men­schen Leid, außer sie hatten den be­gründeten Ver­dacht, dass jemand be­waffnet sein und sich wehren wollen könnte. In dem Fall wurde die To­desstrafe verhängt. Schließlich und endlich sollten die Menschen ihren Arbeiten nachgehen, um die Piraten in Form eines regelmäßig geforder­ten Tri­buts zu versorgen. Es war nicht ihr Ansin­nen, die Menschen alle­samt dahin zu metzeln. Vor allem herrschte Angst in der Landbevölkerung, dass die Piraten ihren grausamen Trie­ben doch noch nach­geben würden und eines Tages ein Blut­bad anrich­teten.

Lara musste zwar die Gauner fürchten, da sie wohl, all den schaurigen Gerüchten zufolge, gern ab und an junge Frauen und Mädchen mit sich nah­men. Aber sie kannte ja die unheilvollen Zei­ten, zu denen die gemei­nen Schurken durch die Wiesen streiften, sie waren jedes Mal dieselben. So­mit konnte sie abschätzen, wann sie das Haus und den Hof verlassen konnte und wann nicht. Statt ei­nes Gespenstes hatte Lara einen ohnmächtigen, schwer verwundeten Mann gefunden und prompt entschied­en, ihn gesund zu pflegen. Schließlich be­saß sie ein Talent für das Heilen mit Pflanzen, Sal­ben und anderem; es schien ihre Berufung zu sein, dem Mann zu helfen, wenn es nicht gar Schicksal war, dass sie sich ausgerech­net zu dieser Zeit an diesem Ort getroffen hatten.

Bald darauf hatte der schwarzhaarige Mann die Augen geöffnet und verwirrt in Laras liebliches Ge­sicht gesehen. Anfänglich war er besorgt gewe­sen über seinen Vater und seine Geschwister, die noch in der Stadt sein mussten, und später machte sich Tavios, wie er sich vor­gestellt hatte, Sorgen und Vorwürfe, weil er Lara in Ge­fahr brächte. Es hatte nicht sehr lange gedauert, bis sich Lara in den Wachmann verliebt hatte und auch Ta­vios war bald verzaubert von seiner Retterin. Jeden Tag hat­ten sie sich fortan gesehen und jeden Tag hatten sie sich ihre Liebe geschworen. Bei ihm fühlte sich Lara gebor­gen und sicher, sie konnte al­les andere vergessen, ihre Pflichten, ihre Familie und auch die Piraten in der Stadt. Trotz alledem und trotz der innigen Gefühle, die der schlanke Mann für Lara entwickelt hatte, wollte Tavios sie fernhalten.

Du kannst nicht mehr herkommen, Lara!“, hat­te er ernst gesprochen und danach in ein ent­täuschtes Gesicht gesehen. „Es ist gefährlich! Pira­ten sind auf der Suche nach mir. Sie wollen mich töten! Du hast mir ge­holfen, dafür könnten sie dich bestrafen wollen“, hatte er angefügt, doch Lara hatte trotzig den Blick zum Boden sinken las­sen. „Lara!“, hatte er erneut mit Strenge ange­fangen, „Es ist gefähr­lich! Du riskierst dein Leben, um bei mir zu sein. Bleib doch bitte zu Hause!“

(Ende der Leseprobe)

 © 2017 Bonnie C. Elgengard

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