Leseprobe zu Weihnachten im Baume der Familie

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© 2017 Bonnie C. Elgengard

Der gefallene Schmuck

Ein Duft von Weihnachten lag in der Luft. Frisch gebackene Kekse waren ordentlich auf dem Backblech verteilt und versprühten einen süßlichen und zimtigen Geruch in der ganzen Küche. Um das Blech herum war ein Chaos aus Zutaten, Stechformen und Gefäßen, in denen Teigreste klebten. Es war das letzte Blech mit Keksen, das sie gemacht hatten. Die anderen Plätzchen ruhten bereits sorgfältig gestapelt in den weihnachtlich verzierten Dosen und in einer angerichteten flachen Schale auf dem Wohnzimmertisch.

Während Judith eine der zahlreichen Schüsseln unter dem Wasserhahn vom Teig befreite, räumte Anton bereits alles andere in die Spülmaschine ein. Aus einem alten Rekorder erklang weihnachtliche Musik von einer Kassette und an den geschlossenen Fenstern haftete ein feuchter Dunst, der den Blick auf den verschneiten Hinterhof verbarg. Vor dem Fenster stand eine halbrunde Weihnachtsdekoration aus Holz, in der elektrische Kerzen in einer Reihe angebracht waren. Judith reichte ihrem Mann wortlos die vorgereinigte Schüssel und wandte sich der nächsten zu, während Anton in der fast bis oben gefüllten Maschine einen Platz dafür suchte.
Jedes Jahr machte es Familie Waidmann auf die gleiche Art: Alle zusammen standen sie stundenlang am Tag vor Weihnachten in der Küche und backten gemeinsam Kekse. Und sobald die Kekse gebacken waren, hatten sich die Kinder Robin und Natascha bereits in ihre Zimmer verkrümelt, um der Aufräumarbeit zu entfliehen.
Gerade hatte Judith die zweite Schüssel fertig vorgespült und wollte sich den nächsten zwei Rührschüsseln widmen, die ihr Mann Anton ihr neben die Spüle gelegt hatte, da klingelte das Telefon. Die beiden sahen einander stutzig an. „Wer könnte das sein?“, fragte Judith nachdenklich.
„Hoffentlich ist es nicht deine Mutter, die irgendwo abgeholt werden will!“, meinte Anton mürrisch, denn er wollte bei dem verschneiten Wetter lieber nicht Autofahren müssen. Er ging nach nebenan ins Wohnzimmer, um das drahtlose Telefon abzunehmen.
Diese Worte konnte Judith nur allzu gut verstehen. Ihre Mutter Greta sagte jedes Jahr kurz vor Weihnachten, sie sollten sich nicht um sie bemühen. Sie würde pünktlich auf der Matte stehen! Nicht selten rief sie an, wenige Stunden vor dem Zeitpunkt, zu dem sie sich angekündigt hatte. Und sie musste dann doch abgeholt werden.
Anton kehrte mit dem Hörer in der Hand und an sein Ohr gedrückt in die Küche zurück. Er lauschte angestrengt und nachdenkend dem Anrufer, warf seiner Frau jedoch einen entwarnenden Blick zu. Es war also nicht Greta am Telefon.
Anton schnappte sich einen Lappen und begann, mit der freien Hand über den schmutzigen Tisch zu wischen. Judith wandte sich der letzten Schüssel zu und schnappte einige Worte ihres Mannes auf, um zu erahnen, wer der Anrufer sein könnte.
„Ist es denn so schlimm?“, fragte der hochgewachsene Mann.
Judith kannte die Stimmlage Antons und wusste gleich, wer am Telefon sein musste. Und obwohl es Judith für ungewöhnlich hielt, dass am Vorweihnachtstag ein Anruf von dort kam, ließ sie ihr besinnliches Gemüt nicht mit Sorge oder Ärger betrüben.
Anton nahm den Hörer vom Ohr, drückte den roten Knopf, um das Telefonat zu beenden, und legte das Gerät auf der Anrichte ab.
„War es die Praxis?“, fragte ihn Judith.
„Ja“, antwortete Anton und strich nachdenklich mit der Hand über den schwarzhaarigen Kopf, ehe er anfügte: „Der Terrier schnauft ungewöhnlich laut und heftig. Du weißt doch noch. Ich hab dir gestern Abend von ihm erzählt.“
Judith überlegte. „Du meinst den Kleinen, den sie auf der Müllhalde gefunden haben?“, fragte sie, als die Erinnerung an die traurige Geschichte des Vorabends in ihr Gedächtnis zurückkehrte.
„Ja, genau“, entgegnete Anton, „Ich muss noch mal in die Praxis und nach ihm sehen. Er kann so nicht über Weihnachten allein bleiben. Und Annika weiß nicht, was mit ihm ist.“
Judith hielt inne und drehte sich ihrem Mann zu. „Wird Annika denn die ganze Zeit in der Praxis bleiben?“, fragte sie besorgt, denn sie wusste, dass Annika, die  Arzthelferin in der Tierarztpraxis ihres Mannes, keine Familie mehr hatte und Weihnachten meistens allein verbrachte. Judith mochte das nicht. Die Vorstellung, dass ein so liebenswerter Mensch wie Annika an Weihnachten allein war, betrübte
sie.
„Mach dir keine Sorgen, Schatz“, sagte Anton tröstend, „Sie sagte, sie würde Weihnachten dieses Jahr mit ihrem Freund verbringen.“
„Sie hat einen Freund?“, fragte Judith neugierig, denn obwohl sie nicht eng befreundet waren, konnte sie sich nicht dagegen wehren, eine mütterliche Sorge für Annika zu verspüren.
Anton nahm grinsend das Telefon und ging auf Judith zu, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Davon erzähle ich dir später“, flüsterte er ihr ins Ohr und legte eine Hand um ihre Hüfte.
Judith erwiderte die zärtliche Umarmung. „Wie lange wird es dauern?“, fragte sie.
Anton ließ nachdenklich ab von seiner Frau. Lächelnd meinte er: „Ein paar Stunden könnten es schon werden.“
Judith wandte sich der Schüssel wieder zu. Sie wusste, die Arbeit als Veterinär war ihrem Mann sehr wichtig. Er hatte schon damals auf der Uni davon geträumt, eine eigene Praxis zu eröffnen und dort mit Spendengeldern auch Streunern wie diesem kleinen Terrier helfen zu können. „Kannst du auf dem Rückweg deine Eltern
abholen?“, fragte Judith, als ihr einfiel, dass ihre Schwiegereltern zurzeit Probleme mit dem Auto hatten.
„Sicher!“, meinte Anton und wandte sich zum Gehen, doch da fiel Judith noch etwas ein: „Hast du gemerkt, dass sich Natascha die ganze Zeit in ihrem Zimmer aufgehalten hat? Sie ist sonst nicht zu bremsen, wenn wir Kekse backen. Sie liebt es!“
Der schwarzhaarige Mann drehte sich ernst seiner Frau zu. „Es ist mir aufgefallen“, erwiderte Anton, „Sie ist fünfzehn. Vielleicht ist es die Zeit, in der sie andere Dinge als Familie im Kopf hat?“, fügte er an, weil es die einzige Erklärung war, die er für das ungewöhnliche Verhalten seiner Tochter gefunden hatte.
Judith streifte die nassen Hände an einem Handtuch ab. „Schon“, begann sie, „aber Natascha liebt Weihnachten. Irgendetwas stimmt nicht mit ihr, aber sie will nicht mit mir darüber reden. Sie hat sich zurückgezogen.“
Anton überlegte. Was seine Frau sagte, war nicht von der Hand zu weisen. Seine Tochter liebte Weihnachten. Selbst in dem Jahr, als der alte Familienhund Buddler kurz vor Weihnachten gestorben war, hatte sie sich nicht die Stimmung verderben lassen. Im Gegenteil: Das Fest hatte ihr über den Verlust des Hundes  hinweggeholfen.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Anton schließlich, „Ich kann versuchen mit ihr zu sprechen, aber du weißt ja, ich habe da wenig Talent.“
Judith lächelte und ging auf Anton zu, der in der Tür zum Wohnzimmer stand. Sie legte liebevoll eine Hand auf seine Wange und meinte: „Du bist ein guter Vater. Versuche es!“
Anton erwiderte das Lächeln seiner Frau, obwohl er genau wusste, dass er bereits lange über das Verhalten Nataschas nachgedacht hatte und noch immer unsicher war, wie ein guter Vater mit dieser neuen Situation umgehen würde.
Er ging ins Wohnzimmer. Das Telefon stellte er zurück in die Ladestation, ehe er über den breiten, dumpf beleuchteten Flur die dunkle Holztreppe hinaufstieg und zum Zimmer seiner Tochter ging. Er hielt einen Moment inne, klopfte dann und öffnete, ohne auf Antwort zu warten, die Tür.
Natascha drehte sich zu ihm um, mied aber mit einem halbherzigen Lächeln den analysierenden Blick ihres Vaters. Sie hatte vor dem großen Stehspiegel gestanden und sich mit hochgezogenem Pullover von der Seite betrachtet, als die Tür aufging. Jetzt zog sie nervös ihren Pullover zurecht und nahm eine Haltung ein, die Unwohlsein suggerierte.
„Na, Engel!“, begann Anton locker. Ihm war das Missbehagen der Tochter nicht entgangen.
„Hey, Papa“, erwiderte Natascha. Sie strich ihr langes dunkelbraunes Haar hinter das rechte Ohr und ging auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch zu, auf den sie sich einen Moment später gesetzt hatte.
Anton sah ihr nachdenklich nach. Er suchte noch nach den passenden Worten, um nicht streng zu wirken. Seufzend schloss er die Tür hinter sich und setzte seinen großen schlanken Körper auf das Bett mit dem blauen Laken und dem blauen Überzug. „Wir haben jede Menge Kekse gebacken!“, begann er freudig, „Kannst du es riechen?“
„Ja“, antwortete Natascha knapp und fügte an, nachdem sie den erwartungsvollen Blick Antons bemerkt hatte: „Ich rieche es schon die ganze Zeit. Es duftet herrlich!“
„Du hast es letztes Jahr genossen, Kekse mit uns zu backen, oder habe ich das falsch in Erinnerung?“, versuchte Anton etwas aus dem Mädchen herauszukitzeln.
„Ja, schon!“, entgegnete Natascha, die noch immer eifrig bemüht war, den durchstöbernden Blicken des Vaters auszuweichen, „Mir geht es nicht so gut, weißt du.“
„Bist du krank, oder hat es was mit der Schule zu tun?“, fragte Anton nach, denn das Thema Schule bereitete beiden nach Nataschas Leistungsabfall große Kopfschmerzen und war demnach ein wahrscheinlicher Grund für Nataschas Rückzug. Zumindest gingen Anton und Natascha sich seit dem Geständnis der Tochter über die schlechter werdenden Noten meist aus dem Weg, da sich Natascha deswegen mies fühlte und weil Anton nicht genau wusste, was er sagen oder tun konnte, um Natascha zu helfen. Er wusste wohl, was sein Vater, Ludwig, sagen würde, denn Anton hatte es oft genug von dem alten Offizier hören müssen: „Streng dich mehr an!“ – „Sei disziplinierter!“ – „Wenn du einmal Offizier werden willst, musst du klug sein!“ – „Du bist ein Dummkopf, wenn du die Schule nicht schaffst!
Und Dummköpfe haben wir genug im Land!“
Anton glaubte, die harschen Worte des alten Mannes waren keine Hilfe und erst recht keine Lösung. Er wollte den Ehrgeiz in seiner Tochter wecken, den ein Schulfreund trotz der niederschmetternden Worte Ludwigs in ihm hatte wecken können. Er wusste nur nicht, wie er das anstellen konnte.
„Mir ist schlecht“, meinte Natascha und riss ihren Vater damit aus seinen Gedanken, „Ich meine, es ist nicht so schlimm, aber“, erweiterte sie nervös ihre Antwort, „Ich, … ich wollte nicht die Stimmung verderben.“
Anton saß einen Augenblick da und musterte Natascha eingehend. Er hatte nicht das Gefühl, dass sie ihn anlog, sondern viel mehr, dass sie ihm einen Teil der Wahrheit verschwieg. „Ausgerechnet an Weihnachten, was?“, meinte Anton mitfühlend, „Na ja, ich werde deiner Mutter sagen, sie soll dir einen Tee machen. Damit geht es dir bald hoffentlich besser!“
„Nein!“, entgegnete Natascha rasch und fügte nervös an: „Ich meine, ich will lieber ein wenig ruhen. Ich mag jetzt keinen Tee.“
„Ist gut“, sagte Anton, dem die Ausflucht in den Worten der Tochter nicht entgangen war, „Dann leg dich hin. Oma Greta wird bald hier sein. Vielleicht kennt sie ja ein exotisches Heilmittel für dich!“, sagte er und erwartete ein Lächeln von seiner Tochter.
Natascha erkannte den Witz darin, denn Oma Greta reiste seit Jahren mit ihrem eigenen Kleinflugzeug um die Welt und brachte besonders zu Weihnachten die exotischsten Dinge mit. Natascha lächelte, doch noch immer wich sie dem Blick des Vaters aus.
„Danke, Papa“, sagte sie, als sich Anton erhob und zur Tür ging.
Er drehte sich mit der Klinke in der Hand noch einmal zu seiner Tochter um: „Wenn es schlimmer wird, sag deiner Mutter Bescheid. Sie macht sich Sorgen.“
„Ja!“, antwortete das Mädchen verständnisvoll, „Mache ich!“
Damit verließ Anton das Zimmer seiner Tochter und stieg die knarzenden Stufen der hölzernen Treppe hinab, an deren Absatz Judith bereits erwartungsvoll stand. Sie sah ihren Mann ungeduldig an. „Hat sie mit dir gesprochen?“, fragte die rotblonde Frau besorgt.
„Sie sagt, ihr sei schlecht. Sie will ausruhen“, antwortete Anton in knappen Sätzen, ging zur Garderobe hin und zog sich den Mantel an.
Judith reichte ihm den Autoschlüssel, der auf einer Kommode nahe der Haustür aufbewahrt wurde, die als Ablage für Schlüssel und, an Weihnachten, für Handys diente. „Und welche Diagnose stellt der Herr Doktor?“, fragte Judith ironisch nach.
Anton lächelte, nahm den Schlüssel an und blickte seiner Frau dann ernst in die dunklen blauen Augen: „Sie ist tatsächlich etwas blass und sieht müde aus, aber da ist etwas, dass sie mir nicht erzählen wollte.“
„Eigenartig“, meinte Judith darauf, „Was kann das bloß sein?“

(Ende der Leseprobe)

© 2017 Bonnie C. Elgengard

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