Schnelllebig

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Der Prozess war beendet. Langsam zogen die Feuerwerkskörper über die Fließbänder der Fabrik. Die Wärme, die sie in den Maschinen erhalten hatten, zog gemächlich von dannen und sobald sie ganz fern war, griffen die geübten Hände der Fabrikarbeiter nach ihnen, prüften mit stahlkalter Miene die Güte der Ware und schleuderten mit akkorderprobten Handgriffen all diejenigen Feuerwerkskörper in eine Kiste, die dem Gütemaß nicht entsprachen.

Die kleine Rakete lag inmitten all dieser Feuerwerksraketen. Sie war noch nicht gänzlich wach, aber sie hatte wohl die Schreie derer gehört, die in die Kiste geschleudert worden waren. Und so hoffte und betete sie, dass sie nicht schlecht oder kaputt war.

Eine Hand griff nach ihr, drehte sie um und ließ sie dann über das Band fort bis zur Verpackung reisen. Sie atmete erleichtert auf. Bald purzelte sie vom Fließband auf ein weiteres, sich rundherum drehendes, an dem andere Fabrikarbeiter standen. Sie griffen in eiligem Tempo nach drei Raketen, tüteten sie ein und legten sie unsanft auf einem weiteren Fließband ab, auf dem die Verpackungen nacheinander verschlossen wurden. So wurde der kleinen Rakete mitsamt zwei weiteren ein ansprechend schönes Gewand angelegt. Es lag end, aber das ignorierte die kleine Rakete, schließlich stand sie noch am Anfang von allem. Irgendwann würde sie aufsteigen, frei wie ein Vogel.

Eine ganze Weile später landete die kleine Rakete in einem Supermarkt mit einem Preisschild auf dem Gewand, das gut sichtbar eine nicht zu hohe Zahl abbildete. Die Fahrt hierher hatte sie in stetem Schlummer verbracht, aus dem sie wie betäubt hin und wieder aufgewacht war, sodass sie sich an kaum etwas erinnern konnte.

Viele Menschen gingen an ihr vorüber, manche sahen sie gar nicht an, andere blieben kurz stehen und schauten genauer hin, ehe sie weiter durch den Laden schlenderten, und selten mal nahm sich jemand eine Packung Raketen aus dem Regal. Bald griffen Kinderhände nach der kleinen Rakete im Regal, schüttelten sie begeistert und drückten die Finger in das Kunststoffgewand. Kurz darauf war die kleine Rakete bezahlt und durfte mit der Familie in ein besseres Leben ziehen.

Am Abend des folgenden Tages wurde es in dem neuen Zuhause hektisch. Die kleine Rakete wurde dabei mit zig anderen Feuerwerkskörpern in eine große Plastiktüte gestopft und einige Stunden später, in denen die Menschen mit zahlreichen Gästen gefeiert hatten, mit auf einen Spaziergang in die eisige Winterkälte genommen.

Auf einem gepflasterten Platz wurde der kleinen Rakete endlich das enge Gewand vom Leib gerissen, sie atmete die frische Luft ein und erfreute sich am heiteren Trubel auf dem Platz. Sie wurde bald auf einem Rasenstück mit ihrem Stecken in die feuchte, kalte Erde gestellt. Zahlreiche andere Raketen standen neben ihr in Reih und Glied und erfreuten sich gleichermaßen an dem Fest der Menschen. Und als die Kirchturmuhr nur noch wenige Sekunden bis Mitternacht zu zählen hatte, da ertönten im Chor die angeheiterten Stimmen: „Zehn!“, riefen sie, „Neun! Acht!“, die Rakete wurde aufgeregt, „Sieben! Sechs!“, zählte sie mit, „Fünf! Vier!“, nun kamen Leute herbei und entfachten ihre Feuerzeuge, „Drei! Zwei!“, nun entzündeten sie ein paar der Lunten, „Eins!“, und nach dieser Zahl brach Jubel aus.

Nun stiegen die ersten Raketen zum Himmel auf und versprühten mit einem Knall bunte Lichter auf dem Sternenmeer, wie tausend Sternschnuppen zogen sie dahin und verloschen bald. In dem Lärm des Jubels und steten Knallens stand noch immer die kleine Rakete auf der Wiese und wartete in Ungeduld und Freude darauf, dass ihre Lunte entfacht wurde. Zu gerne wollte sie aufsteigen und die ganze Welt betrachten!

Und so war es auch bald so weit. Die Funken sprühten von der zischenden Lunte.

Dann endlich! Ihr Innerstes war entfacht! Sausend hob die kleine Rakete ab, stieg über die Dächer, immer höher und höher hinauf. Und da lag sie: die Welt, die sie immer sehen wollte. Die kleine Rakete wollte den Blick schweifen, genießen, auf sich wirken lassen, und da! Puff! Sie löste sich in einem Meer aus bald verlöschenden Lichtern auf.

(Ende)

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31. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 2-4 Minuten; Genre: Silvestergeschichte, Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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