Spiegelbild

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~ Sonntag, 28. Oktober ~

Trotzdem, dass es Ende Oktober war und ein eisig kaltes Lüftchen wehte, war am Himmel nicht eine einzige Wolke zu sehen. Weithin erkannte ich nur Azurn und die blendend grelle Sonne, die den Anschein von Wärme erzeugen mochte. Ich schlenderte durch die Altstadt, zwischen all den alten Fachwerkhäusern hindurch über einen unlängst mit abgeschliffenem Kopfsteinpflaster erneuerten Boden und genoss den kühlen Sonnenschein nach all den verregneten dunklen Tagen der vergangenen Wochen.

Bald hatte ich den Platz erreicht, an dem sich eng an eng Cafés, Restaurants und eine Touristeninformation anschmiegten. Im Sommer herrschte hier und besonders in der Mitte des Platzes beim alten Drachenbrunnen reges Treiben und wirres Geschnatter, die Cafés und Restaurants waren überfüllt und fröhlich lärmend, kaum sah man in den Erdgeschossen eine Tür, die nicht geöffnet war. Jetzt aber hatten sich die Menschen hinter verschlossenen Türen in die Stuben der Geschäfte verzogen, um im Warmen zu sitzen. Weniger als eine Handvoll Leute konnte ich auf dem Platz erkennen, allesamt mit hochgeschlossenen Jacken und Mänteln.

Und ein Mensch auf diesem Platz, eine freundliche junge Frau beim Brunnen, die schaute sich ungeduldig um. Ich hielt an, sah ihr von Ferne zu, wie sie ihren wachsamen Kopf nach allen Seiten drehte und mich erst zehn Minuten später entdeckte. Alsdann winkte sie mir fröhlich zu, also ging ich zu ihr hin.

Lisa“, rief ich, als ich nahe bei ihr war, „Wartest du schon lange?“

Ich war wie immer zu früh dran!“, antwortete sie, wohl meinend, ich wüsste nicht um ihr Getue, mit dem sie ihre Aufregung ob des Treffens vor mir zu verbergen suchte. „Mir ist kalt“, sprach sie fort, „Lass uns schnell zum Café gehen!“

Klar!“ Ich ging nicht darauf ein, wollte sie im Glauben lassen, ich hätte ihre freudige Aufgeregtheit nicht bemerkt.

So schlenderten wir in zügigem Schritt (und ich weiß wohl, dass zügiges Schlendern schwer vorstellbar ist) vom Brunnen fort, durch die Reihen der Tische, die vor einem der Cafés aufgestellt waren und deren Stühle schräg an ihnen lehnten, mit starken Ketten befestigt. Nein, zu dieser Zeit wollte keiner mehr draußen sitzen! Und ich wollte es am wenigsten, denn wenngleich es untypisch erscheint, so friere ich doch recht schnell.

Vor der Tür hielten wir beide an. Unsere Blicke hatten schon zuvor das rege Treiben im Café de la Noirceur bemerkt.

Na, hoffentlich ist noch ein Tisch frei! Es sieht ziemlich voll aus“, meinte Lisa, „Kannst du was erkennen?“

Ich zwang mich, ein Seufzen zu unterdrücken, denn wahrhaftig, obwohl Lisa eine interessante und nicht minder kluge Frau war, wahrhaftig, ich wollte dieses Treffen lieber absagen! Die Arbeit hatte mich so müde gemacht, dass mir die Lust am Ausgehen verloren gegangen war. Doch vor Lisa mochte ich es nicht zugeben. So trat ich einen Schritt näher an die verputzten Wände heran, um durch ein Fenster ins Innere zu spähen. Doch auf dem Glas des alten Fensters lag ein dunkler Schatten, unnatürlich wabernd, als ob mein Blick trüb war. So konnte ich nichts erkennen. Ich reckte meinen Blick zum Himmel, suchte nach Wolken, die den Schatten verursachten, aber der Himmel war so blau wie zuvor. Und nun fiel es mir auch ein, dass eine Wolke solche Schatten nicht warf. Doch wenn kein Schatten, was war es dann?

Verwundert also sah ich zum Fenster hinab, aus dem heraus mich ein Gesicht anstarrte. Verschwommen war es, ein wenig zumindest, aber mit einem tiefen Blick in meine Seele, als ob es mich besser kannte, als ich mich selbst. Ich erschrak und fuhr darauf mit meinem Körper um. Zwei Schritte taumelte ich zurück und stieß gegen einen der angelehnten Stühle. Meinem plötzlichen Schrecken war das Herz pochend, stetig pochend und laut gefolgt, doch den Körper konnte ich vom Sturz noch fangen.

Ich sah wieder hin. Da war es noch! Ein Gesicht, das mir nach dem Schrecken jetzt bekannt vorkam. Ich erkannte ganz deutlich mein Spiegelbild im Fenster, so deutlich, wie es ungewöhnlich war, denn eigentlich sollte ich die Menschen im Innern des Cafés sehen und mich selbst nur unscheinbar.

Meine Augen waren gebannt. Hatte man einen Spiegel angebracht? Aber eh ich dies ermitteln konnte, erregte meine Aufmerksamkeit das herzhafte Lachen meiner Begleiterin. Ich sah zu ihr und obgleich mich ihr Lachen beruhigen wollte, schwand der Schreck nicht gänzlich.

Was ist denn los, Andy?“, fragte sie mich jetzt, nachdem sie wohl doch meinen ernsten Schreck bemerkt hatte.

Es…“, begann ich stammelnd, doch die Worte blieben mir im Halse stecken. Ein Spiegel musste es sein! Und zugeben, dass mich mein eigenes Antlitz erschrecken konnte, wollte ich nicht. So sprach ich trotz beständig pochenden Pulses: „Ach, es ist nichts.“

Sollen wir lieber ein anderes Café suchen?“, fragte mich Lisa.

Nur allzu gern wollte ich fort von hier, weil dies Unbehagen nicht nachließ. „Ja, klar!“, antwortete ich leiser und zaghafter als geplant, „Warte kurz!“ Ein Mal noch wollte ich ins Fenster spähen, um dieses Spukes Rätsel zu lösen. Ich konnte wieder den dunklen Schatten sehen, wabernd in dem Glas wie Nebel, keinen Rahmen, der einen Spiegel hielt, nur das mit Holzstreben durchzogene Fenster, in dessen schwarzen Scheiben ganz undeutlich mein kreidebleiches Gesicht zu sehen war.

Es ist zu voll. Hab nachgesehen“, sprach Lisa selbstsicher, darin ich aber auch leichten Ärger vernahm. Sie griff nach meinem Arm, um mich fortzuziehen.

Aber ich hielt den Blick gebannt auf das seltsame Spiegelbild im Fenster. Je mehr ich es betrachtete, umso deutlicher erkannte ich mein eigenes Gesicht darin. Als es ganz klar war, begann es in derselben Sekunde noch zu verschwimmen: Mein schwarzes Haar wurde heller, die hohen Wangen und die erschrockenen Augen fielen ein, als ob ein Tod an mir nagte.

Da erschrak ich erneut und wandte den Blick furchtvoll ab.

Was hast du, Andy?“, wollte Lisa wissen. Sorge schlich in ihre vormals fröhliche Stimme.

Hast du das auch gesehen?“, entgegnete ich, denn sie hatte schließlich die ganze Zeit neben mir gestanden, „Da, im Fenster!“ Und sie hatte durch dasselbe Fenster gespäht!

Da drückte Lisa mich ein Stück zur Seite und spähte neugierig in die Glasscheibe hinein: „Hab ich was Spannendes verpasst?“

Ob sie etwas Spannendes verpasst hatte? Störte sie das Sonderbare nicht? Gerade wollte ich erklären, was ich bizarres gesehen hatte, doch da konnte ich den Schatten nicht mehr sehen, nur mich selbst, so undeutlich, wie man es von einem Fenster erwartete, und die Leute im Inneren.

Was war denn da?“, wollte sie neugierig wissen, denn ganz offensichtlich hatte sie den dunklen Schatten nicht wahrgenommen.

Ach, es…“, begann ich wieder und rieb mit der Hand über mein Gesicht, als ob mein Kopf davon Klarheit schöpfte oder ich diese Trübung aus meinen eigenen Augen wischen konnte. „Nichts. Ich bin vermutlich nur überarbeitet.“ Ja, vermutlich hatte ich es mir bloß eingebildet.

Das kommt davon, wenn man mit dreißig noch nicht einen Samstag ohne Arbeit verbracht hat. Und die Werktage ebenso wenig! Lass uns gehen, Andy. Heute wirst du dich entspannen. Und wehe dir, wenn du auf der Halloweenfeier nicht aufkreuzt, um Spaß zu haben!“

Nein, nein! Ich hab mir schon frei genommen!“, erwiderte ich und beließ dies Ereignis als eines der Fantasie und Müdigkeit geschuldetes.

~ Montag, 29. Oktober ~

Am Morgen, wie immer sehr pünktlich, traf ich auf der Arbeit ein. Ich hatte trotz aller Bemühungen nicht vergessen, welch sonderbare Einbildung mich am Vortag heimgesucht hatte, doch ich wehrte mich dagegen, ständig daran zu denken.

Also trat ich durch die Türe, grüßte die nette junge Dame am Empfang des Bürogebäudes und schlenderte den Flur entlang in Richtung meines Büros. Einige Kollegen standen auf dem Flur, hielten ein morgendliches Schwätzchen, das mich kurzweilig aufhielt, und verschwanden gegen acht Uhr fünfzehn in ihren Büros. Ja, ich hatte dem Schwatz beigewohnt, ihn aber nur halbherzig genossen, denn es waren dieselben nichtssagenden Worte gewesen wie an jedem Morgen. Und zurzeit, wenngleich ich es verleugnen wollte, plagte mich dies Unwohlsein, dieser stetig wiederkehrende Gedanke an einen Schatten im Fenster eines Cafés.

Nun saß ich in meinem Stuhl allein in meinem staubig riechenden Büro, während der PC in Windeseile hochfuhr, und sortierte die bereitliegenden Akten nach Dringlichkeit. Die Arbeit würde mich gewiss ablenken. Sie hatte mich schon von vielen quälenden Gedanken abgebracht, denen ich nicht nachgehen wollte.

Als das Geräusch des PCs ertönte, das mir andeutete, dass der Rechner jetzt betriebsbereit war, hob ich den Blick zum Monitor.

Schwärze!

Was zum… Das kann nicht sein!“, sprach ich mit Entsetzen, doch ehe ich zur Maus gegriffen hatte, begann das Schwarz auf dem Monitor zu wabern. Mein Antlitz auf dem Bildschirm wurde deutlicher. Es war dasselbe Ereignis wie am Tag zuvor, doch es erschreckte mich heute mehr. Das Herz schlug schneller, lauter und lauter. Ich stand auf, schob dabei den rollenbewährten Bürostuhl so heftig zurück, dass er gegen das Aktenregal donnerte. Ein weiterer Schreck zog durch meine Glieder. Ich fuhr um, schlug die Hände über den Kopf, versuchte, mich zu beruhigen. Ich blickte zum Monitor.

Und da war es! Das gewohnte Bild der Alpenberge, das ich mir als Bildschirmhintergrund ausgesucht hatte. Der Schreck ließ nach.

Was ist los?“, fragte der Kollege von nebenan, der den ungewöhnlichen Knall gehört haben musste und sich davon allzu gern vom Tagwerk ablenken ließ.

Ich sah mich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm um, beruhigte meinen Atem, meinen Puls, fand aber keine Worte.

Hast du ’ne Spinne gesehen?“, fragte der Kollege mit dem Hang zum Ärgern anderer, was ihn unausstehlich machte. Er verschwand aus dem Türrahmen, lachend, ohne auf meine Antwort zu warten, aber ich war dankbar, dass er nicht länger verweilen wollte.

Alsdann er verschwunden, blickte ich mich zum Monitore um. Die Alpenberge, eingefangen in atemberaubender Szenerie und unter blutrotem Himmel. Nichts anderes war dort zu sehen, kein Schwarz, kein Wabern und erst recht kein Spiegelbild. Und dennoch, ich musste erst zur Ruhe kommen, eh ich mich ans Werke mit den Akten machen konnte. So ging ich hin zum Badezimmer. Es lag am Ende jenes Flures, an dem links und rechts sich dreizehn Büroräume anfügten. An drei Büros musste ich vorbei und lauschte ganz unwillentlich, denn die Stimme des verhassten Kollegen drang wie dumpfes Pochen an meine Ohren. Er schwatzte mit der Kollegin aus Zimmer 11, und schwatzte, wohl weißlich, obgleich ich die Worte nicht in Gänze verstand, über meinen Schreck vorhin. Typisch! Aber gut, es gab schließlich einen Grund, dass ich ihn als unausstehlich empfand.

Ich würde der Kollegin gleich erzählen, was wahrlich den Schreck ausgelöst hatte; selbstredend nicht die Wahrheit, denn die hätte mich verrückt erscheinen lassen! Ich würde ihr erzählen, dass es mit den Akten zu tun hatte. Ja! Die Akten, das würde sie verstehen, denn oft genug gab es Schwierigkeiten mit all ihren Inhalten.

Im Bad stellte ich mich vor den Spiegel. Vorerst musste ich zur Ruhe kommen – und das wollte mir denn hoffentlich mit einem kühlen Spritzer Wasser im Gesicht gelingen! Nachdenklich hielt ich den Kopf zum Becken gesenkt, rieb mir über die fahle Stirn, auf der ein leichter Schweiß lag. Allmählich sank der Puls, doch nach meinem Empfinden viel zu langsam. Ich öffnete den Wasserhahn, hielt die zittrigen Hände darunter und spürte sogleich das erleichternde kühle Nass. Als die Hände vollends genässt waren, beugte ich meinen Oberkörper vor und trieb sie über das Gesicht. Eine Wohltat nach den Ereignissen!

Noch immer hielt ich wohlgemerkt den Kopf gesenkt, nun stütze ich die Arme auf dem Keramik auf, ließ die Gedanken frei ziehen, auf dass ich sie danach auf die Arbeit lenken konnte. Bald hob ich den Kopf zum Spiegel an der Wand.

Schreck! Das war es auch!

Ich taumelte zurück, die Lunge zugeschnürt, daraus sich kein einz’ger Laut entfernte. Der schwarze Nebel! Nun war er auch auf dem Spiegel im Badezimmer, als sei er mit mir durch den Flur gewandert und habe nur auf mich gewartet.

Mein Blick hielt erneut gebannt auf diesem sonderbaren Anblick. Eine Erklärung suchte ich, eine Lösung dieses Rätsels, doch als es abermals zu wabern begann und sich mein Antlitz darin zeigte, da griff ich rasch nach einem Papiertuch aus dem Spender und flüchtete aus dem Bade zurück in mein Büro.

Was nur konnte dieser Nebel bedeuten? Warum sahen andere ihn nicht? Es musste – es musste einfach – diese Müdigkeit sein! Lisa hatte Recht, es war kein Wunder, all die Jahre so wenig Freizeit und zu viel Arbeit; das konnte gar nicht gut gehen! Und doch, ich musste mich ranhalten, zu wichtig war mir diese Arbeit. Schließlich wollte ich nicht ewig in dem kleinen Büro verweilen, sondern aufsteigen, zu größeren Aufgaben und – man könnte es jetzt leugnen – zu größerem Gehalt.

Ich spähte ein einziges Mal zum Monitor, von der Türe aus, an die ich mich gelehnt und wo ich mein Gesicht getrocknet hatte. Die Alpenberge, in Pracht und Farbe. So setzte ich mich denn hin, arbeitete Stunde um Stunde vor mich hin, um den Aktenberg zu verkleinern. Selbst die Kollegin hatte ich vergessen und zu meinem Glücke, war niemand ins Büro getreten seit dem Morgen.

Am frühen Nachmittag – ich war so vertieft, dass ich den Schreck verwunden hatte – nahte die Pause. So legte ich die Akte beiseite, drückte den Rücken tief in meinen Stuhl hinein und streckte überm Kopfe die Arme durch. Ein Gähnen schlich aus meinem Munde, aber ich sagte ja, ich war müde. Also stand ich auf, wollte die Kollegen, so, wie es sich gehörte, zur Mittagspause grüßen und das eine oder andere Schwätzchen mit ihnen teilen.

Ein weiteres Gähnen entfleuchte mir, als ich die Tür erreicht hatte, so verweilte ich einen Augenblick, in dem ich wacher werden wollte. Womöglich hatte ich nur nicht genug Licht getankt. Es war bereits nach Mittag und meine Jalousien waren noch gesenkt. So begab ich mich denn zum Fenster hin und zog sie an der Kordel hinauf. Bereits bei den ersten Zentimetern erkannte ich etwas auf dem Glas. Ich mochte ahnen, was kommen würde, doch ich wollte nicht wahrhaben! Auf der Hälfte sah ich nun den Schatten wieder, mit weniger Schreck, da er sich angekündigt, doch weiterhin mit pulssteigerndem Effekt. Seufzend, fast schon an Verzweiflung nagend blickte ich hinein ins Schwarz. Was sollte das nur? Konnte es ein Streich sein? Von dem unausstehlichen Kollegen womöglich? Aber, nein, hätte er denn so viel Aufwand betrieben, mir am Vortag auf den Platz in der Altstadt zu folgen? Wohl kaum! Er war ein Faulpelz.

Ich starrte in den Schatten, den Nebel, der mir auf Schritt und Tritt zu folgen schien, bis es zu wabern begann. Es musste Einbildung sein!

Da wurde mein Gesicht darinnen deutlicher und als es ganz deutlich war, in derselben Sekunde noch, da wandelte es sich abermals: Das Haar, sonst schwarz wie Pech, wurde heller, das Gesicht fiel ein.

Nein!

Ich wandte den Blick ab, ging eiligen Schrittes zur Tür!

Ein Mal noch – ein einziges Mal noch! – wandte ich mich heftig klopfenden Herzens dem Fenster zu.

Da war es noch, wabernd, unheilvoll, entsetzlich! Nun breitete es sich über die ganze große Fläche des Fensters aus. Dunkelheit ereilte den Raum, als ob die Nacht hereingebrochen war, und es gierte nach dem Licht der Deckenlampe, zehrte es allmählich auf – so wahr, ich dort stand!

Ich presste meinen Rücken gegen die Tür, meine Arme gelähmt, meine Beine zittrig, weich. Ich sah zu, wie der Nebel die Scheiben ganz vereinnahmte, wie das Licht im Zimmer dumpfer wurde.

Minuten waren es, nur wenige, da ertönte ein leises Raunen, wie ein erschöpftes Stöhnen, das man durch eine Wand hindurch hörte!

So packte es mich, die Angst! Ich wandte meinen Körper um, griff nach der Klinke der Tür, so hektisch, als sei der Teufel persönlich mir nah, ich rutschte ab vom Schweiß der Hände, griff erneut danach und zog sie nun endlich auf. Weit auf! Und trat mit einem großen Satz auf den Flur hinaus.

Stille.

Das Raunen war verstummt, die Furcht durchzog wie ein Fieber meinen Körper und drückte den Schweiß von meiner Stirn. Ich ging zum Badezimmer. Noch ehe ich in den Spiegel blicken konnte, hatte ich ein Papiertuch darüber gehängt. Ich mied den Blick dorthin trotzdem, öffnete den Wasserhahn und spülte den Schweiß von der fahlen Haut. Im Augenwinkel, ich weiß es ganz sicher, konnte ich den Schatten wieder sehen, wie er sich unter dem dünnen Papiere erneut ausbreitete, doch ich ignorierte es. Ich ließ mich nicht beeindrucken, wenngleich mein Atem stockte. Ich beeilte mich, mein Gesicht zu trocknen und verließ, so bald es ging, sobald ich fertig war, den Raum.

Andy?“

Erschrocken von der freundlichen Stimme, wandte ich mich um. Meine Kollegin aus Zimmer 11 stand auf dem Flur, hatte ihren korpulenten Körper in einen dicken Mantel gehüllt, sah mich aus sorgenvollen Augen an.

Was ist denn mit dir? Du bist ja kreidebleich! Gerd hatte wohl recht mit dem, was er sagte.“

Gerd, der Unausstehliche. Ich hatte die Sache nicht geklärt, jetzt fiel mir aber ein gutes Wort dazu ein: „Ich bin müde… überarbeitet, vermutlich.“

Na, dann hast du ja Glück, dass in zwei Minuten Feierabend ist!“

Feierabend?“, fragte ich nach. Ich sah ins Badezimmer, hin zum kleinen Fenster und tatsächlich: es dämmerte schon! Hatte ich wirklich so viel Zeit im Büro verbracht?

Andy?“, fragte sie wieder und kam auf mich zu, „Du solltest nach Hause gehen und dir eine ordentliche Mütze Schlaf gönnen!“

Ja! Ja. Das werde ich.“

Noch einen Moment lang sah sie mich voll Sorge an, als ob sie etwas überlegte, was sie noch sagen sollte, nein, als ob sie abwog, ob ich verrückt geworden war! Aber ich war nicht verrückt, und bin es auch jetzt nicht! Ich weiß, was ich gesehen habe, ob nun aus Müdigkeit, oder ob es wirklich da war. Ich weiß, was ich gesehen habe! Als ich auf dem Parkplatz ankam, sah ich in den Himmel auf, der sich allmählich dunkler färbte. So, wie es das Fenster im Büro getan hatte, nur langsamer und mit viel mehr Nuancen. Ich atmete die kühle frische Luft in die Lungen und spürte gleich die Erleichterung, die im Herzen aufblühte. Andächtig schloss ich kurz die Augen, und sah, als ich sie wieder geöffnet hatte, meine Kollegin an ihrem Auto stehen. Sie hatte gerade die Tür geöffnet, schaute aber zu mir rüber und winkte mir freundlich zu, ehe sie einstieg und fortfuhr.

Zuhause würde ich mich entspannen können. Einen ruhigen Abend verbringen, der mir neue Kraft geben sollte.

Der Weg war nicht weit, am Rande der Stadt, in einem kleinen urigen Vorort, stieg ich aus dem Auto, schlenderte die Auffahrt hinauf und betrat mein Haus. Vertrautheit, eine kalte und einsame, aber eine zuversichtliche, kam in mir auf. Rasch stieg ich die Stufen hinauf ins Bad, riss mir die verschwitzten Kleider vom Leibe und war so schnell unter der Dusche und hinter ihrem Vorhang verschwunden, wie nie zuvor.

Erfrischt kam ich nach einer halben Stunde unter der Brause hervor, öffnete das Badezimmerfenster, hinter dem die Nacht Einzug hielt, um den Dunst entweichen zu lassen. Rasch rubbelte ich die abkühlende Feuchtigkeit vom Körper und trat mit noch nassem Haar vor den Spiegel. Ich hielt inne in allen Bewegungen, die ich mir vorgenommen hatte, starrte auf den Spiegel und betete, es würde nichts passieren. Ich konnte mein Gesicht sehen, aber keinen Nebel, ich konnte mein Antlitz erkennen, ohne, dass es sich wandelte. Also atmete ich durch, denn – welch ein Glück! – das Elend hatte mich offenbar nicht bis in mein Haus verfolgt.

Ich wollte also nach einem Handtuch greifen, um mein Haar zu trocknen. Da hörte ich etwas! Ein dumpfer Schlag gegen eine dumpf klingende Oberfläche. Im Nebenraum? Ich harrte und horchte auf ein weiteres Geräusch. Da kam es wieder, ein bisschen näher als zuvor. Und wieder, noch ein Stück näher, doch ich erkannte dies Geräusch nicht.

In den nächsten Minuten ertönte nichts mehr.

Es ist ein altes Haus, dachte ich mir. Was sollte ich anderes als Geräusche von ihm erwarten?

Plötzlich schlug das Geräusch in voller Wucht und ungedämpft gegen die Wand zu meiner Rechten. Entsetzt sah ich hin, der Körper angespannt und da war es: Der Nebel! Im Spiegel an der Wand waberte er bereits. Er war mir also doch nach Hause gefolgt, und wer weiß, er hatte mich wohl mit dem Geräusch auf sich aufmerksam gemacht. Aber nein! Diesmal nicht! Ich warf das Handtuch über den Spiegel und verließ den Raum ganz einfach!

Verschnaufend wagte ich im Schlafzimmer nicht, den Blick zur Badezimmertür zu wenden, obgleich ich sie zugezogen hatte. Ich war nicht verrückt! Ganz sicher nicht! Und doch konnte an diesem Abend nichts mehr meine Angst vertreiben. Nein, nichts mehr, sie verblieb in meiner bebenden Brust, hallte wie ein Echo in meinem Kopfe wider. Ganz gleich, ob ich mir bequeme Kleidung überzog; ob ich mir in der Küche ein kleines Mahl bereitete, um den am Tage angestauten Hunger zu tilgen; ob ich den Kopf gesenkt hielt, ihn von allen spiegelnden Flächen fern hielt; ich konnte ahnen, dass der Nebel mir durchs Haus folgte. Ich sah ihn in den Augenwinkeln, und wandte schnell mein Haupt in eine andre Richtung um, ich spürte ihn gar, konnte sein Wabern ganz deutlich wahrnehmen und musste dafür nicht einmal hinsehen. Aber verrückt war ich nicht! Ich hielt mich wacker, eisern kämpfte ihn gegen den aufkommenden Wahnsinn an, der mich einnehmen wollte. Ich war siegreich, selbst dann, als die dumpfen Schläge erklangen, hinter den Wänden und Zimmerdecken, in ihnen vielleicht, mal lauter, mal leiser, stetig pochend wie mein schlagendes Herz. Und auch das Raunen, dem ich eine dumpfe undeutliche Stimme entnahm, ließ mich nicht verrückt werden. Ich hielt durch, als ich im Bette lag, lange Stunden, in denen ich nicht einschlafen konnte, mich hin- und herwälzte, doch ich hielt durch! Ich war nicht verrückt! Nur müde, ja müde! Von all der Arbeit, die ich jedem Spaß vorgezogen hatte.

Irgendwann schlief ich ein, obwohl die Geräusche mich davon abhalten wollten.

~ Dienstag, 30. Oktober ~

An diesem Morgen kam mir der Montag wie ein Alptraum vor. Ich wusste gleich, ich hatte weder viel noch gut geschlafen, als der Wecker rappelte. Aber immerhin hatten die Geräusche aufgehört, sie waren nicht mehr zu hören gewesen, als ich mich aus dem Bett quälte und meine Kleidung für den Tag heraussuchte, selbst dann nicht, als ich das Badezimmer betrat und zum Spiegel schaute, über dem noch immer das Handtuch hing.

Ich ging hin zum Spiegel, zögerte, doch ich musste es wagen. Ich konnte unmöglich das Haus verlassen, ohne einen einzigen Blick in den Spiegel zu werfen, obgleich ich ahnte, dass mein Antlitz furchtbar aussehen musste.

Zögerlich, in mehreren Anläufen griff ich letztlich nach dem Tuch. Ich zog es nicht hinunter, denn die Angst war noch da. Stattdessen hob ich es an, spähte hin zum Spiegel. Nebel, wabernder schwarzer Nebel! Das konnte doch nicht wahr sein! Es war ein Alptraum, oder nicht? Es sollte einer sein! Und ich wollte erwachen! Jetzt! Ich ließ das Tuch zurückfallen. Warum quälte es mich so? Warum ließ es nicht ab von mir? Und was – zum Teufel – war es?

Viel zu lange hatte ich im Badezimmer gestanden und mir diese Fragen gestellt, die Zeit lief mir davon. Einen Tag musste ich noch auf der Arbeit verbringen. Und, obwohl ich den Vortag nicht vergessen hatte, war mir der Gedanke lieber, diesen Schrecken an einem Ort zu erleben, an dem andere Menschen waren. Menschen, zu denen ich mich flüchten konnte.

Ich stieg die Stufen eilig hinunter, hatte es beinahe nicht bemerkt. Ein Pochen, dumpfe Schläge begleiteten meine Schritte. Ich ignorierte es. Nein, der Wahnsinn würde mich nicht ereilen! Es war ein altes Haus, ein Haus, das ganz natürlicherweise Geräusche machte. Im Flur vor der Haustür zog ich den Mantel an, vermied den Blick in den Spiegel über der Kommode ganz bewusst, und wandte mich alsbald der Türe zu. Da erklang ein Raunen. Eine tiefe hustende Stimme schwang ihm mit. Ich hielt inne, drehte mich dem Wohnzimmer zu, von dem ich ganz sicher dies Geräusch vernommen hatte. Es klang, als ob dort jemand sei, der hustete, doch ich wusste ganz sicher, dass außer mir niemand im Hause war. Und da sieht man es! Ich war nicht verrückt, sondern Herr meiner Sinne. Dass ich all dies ungetrübt erkennen konnte! Es war das Haus, ganz eindeutig! Was auch sonst?

Und dennoch verließ ich das Haus und die sich nähernden Geräusche fluchtartig. Denn, wie gesagt, ich weiß, was ich gesehen habe. Ich weiß, dass mir in dieses Haus irgendetwas gefolgt war. Und das, was auch immer es war, machte mir schreckliche Angst. Die Geräusche des Hauses, wenngleich sie ganz sicher normal waren, verstärkten meine Furcht nur! Es war wohl selbstverständlich, dass ich nichts lieber tat, als diesen Ort der Angst zu verlassen.

Bald war ich auf der Arbeit angekommen, ich trat durch die Eingangstüre, vergaß, die nette Dame am Empfang zu grüßen, und zog eilends in mein Büro. Den morgendlichen Schwatz ließ ich ebenfalls aus, denn zuallererst ließ ich die Jalousien herunter. Wie sie über das Fenster zogen, erkannte ich schon bald den Nebel, der dort auftauchen wollte, doch ich verbarg ihn einfach unter den Jalousien. Den Monitor, dem ich mich nur von hinten näherte, legte ich meinen Mantel über, auf dass mich von dort nichts erschrecken konnte. Den Tag, das hatte ich auf dem Fahrtweg geplant, wollte ich mit dem Ordnen und Sortieren der Akten verbringen. Kein Monitor, keine Fenster und auch sonst nichts, auf dem ich den Nebel schon gesehen hatte. Und noch besser war, ich musste für diese Arbeit häufig den Raum wechseln und mit den Kollegen sprechen! Sie würden mir Sicherheit geben und ich konnte ihnen gleichsam zeigen, dass ich nicht verrückt war.

Den ganzen Tag über vermied ich den Blickkontakt mit anderen, wähnte mich gestresst und in Hektik. Die Kollegen aber merkten gleich, dass ich nicht ganz da war, denn auch wenn ich bemüht war, die Gedanken von den Ereignissen fernzuhalten, es gelang nicht immer. So verwechselte ich Worte und Namen, fragte nach Dingen, die man mir einen Moment zuvor erst erklärt hatte, hielt mich aus Gesprächen raus.

Ach, die Gespräche! Von Halloween und nichts anderem sprachen sie. Ein Fest der Toten! Ein Fest der Geister und der Zauberei! Wie hätte ich mich diesen Gesprächen denn anschließen wollen? Der Spuk, der mich seit Sonntag verfolgte, war mir genug. Mehr als genug! Wenn ich je verrückt werden sollte, dann sicher von dem dumpfen Geschwätz der Kollegen!

Und dennoch, die Stimmung, die in den Gesprächen und der Vorfreude lag, an dieser Stimmung wollte ich mich laben. So hörte ich halbherzig zu, ließ die Schauermärchen nicht an mich heran, und hörte nur das Lachen, die hohen Stimmen, in denen Freude lag.

Einmal fragte mich eine Kollegin, ob mit mir alles in Ordnung sei. Ich antwortete ihr selbstsicher, dass ich nur etwas gestresst sei, um vor dem freien Mittwoch noch alles erledigt zu bekommen. Eine Lüge! Denn die eigentliche Arbeit hatte ich an diesem Tag gar nicht angerührt. Aber die Lüge wirkte. Man ließ mich weitgehend in Frieden.

Der Tag verging recht zügig, doch mit der steten Angst, dass der schwarze Nebel mir noch immer nacheilte und auf allen spiegelnden Flächen auf mich lauerte. So stand ich bald mit meinem Auto vor meinem Hause. Der Motor lief nicht mehr, denn ich wollte lauschen, ob ich das Raunen des Hauses wahrnehmen konnte. Aber wie denn auch, aus der Entfernung? Vielleicht wäre es besser, in ein Hotel zu fahren. Nur eine Nacht an einem anderen Ort sollte nicht schaden. Womöglich war das auch die Art von Ruhe, die ich brauchte? Aber machte mich das nicht verrückt? Ich meine, die Geräusche waren normal, das Klopfen, das Raunen, das Husten, der Nebel. Ja, der Nebel! Der war nicht normal! Er war es ganz und gar nicht!

Ich seufzte.

Ach, so ein Unsinn!“, sprach ich laut, „Ich bin nur überarbeitet. Morgen ist mein freier Tag, da wirdʼs besser werden!“

Wie oft ich mir diese Worte an dem Abend noch selbst einredete, weiß ich nicht mehr. Mit einem tiefen Atemzug hatte ich das Haus doch betreten und mir war nicht minder viel Sonderbares zugestoßen, als am Tag zuvor.

~ Mittwoch, 31. Oktober ~

Es dämmerte bereits. Ich saß zuhause, hatte sämtliche Spiegel und Fenster verdeckt. Auf dem Sofa im Wohnzimmer saß ich stundenlang und wartete nur darauf, dass Thorsten mich zur Feier abholte. Denn so war abgemacht: Einer würde fahren, der andere würde sich betrinken. Wir hatten es ausgelost, schon vor einer Woche und Thorsten, mein bester Freund, hatte den kürzeren gezogen.

In diesem Augenblick dort auf dem Sofa hatte ich mir allerdings gewünscht, das Los wäre anders gefallen. Dann hätte ich mich im Auto verschanzt, wäre umher gefahren, wäre dem Nebel und seinen vermaledeiten Geräuschen davongefahren. Aber stattdessen hatte ich im Haus alles verdeckt, auf dem der Nebel sich zeigen konnte, hatte die Geräusche ignoriert, erst gesungen, um sie zu übertönen, dann Musik angemacht, doch sie waren angeschwollen, die Geräusche. Immer lauter waren sie geworden, lauter, lauter, lauter. Und als ich die Musik abgeschaltet hatte, waren sie für einen kurzen Moment ganz plötzlich verstummt. Seither hallten sie im Haus wider und wider; ein Echo, das nicht enden mochte, hin- und hergeworfen von Wänden, von Möbeln, selbst von mir!

Angespannt saß ich auf dem Sofa, wollte den Wahnsinn aushalten, einfach aushalten! Bis Thorsten endlich da sein würde. Ich musste ja nur durchhalten! Nervös hatte ich die Augen geschlossen, kämpfte darum, meinen Atem stabil zu halten. Mein Bein zitterte, das weiß ich noch genau! Und immer wenn ein Geräusch sehr plötzlich und sehr nah erklang, schrak ich kurz auf. Aber auch dann kämpfte ich dagegen an, verrückt zu werden.

Die Klingel rang! Erlösung!

Wenngleich sie mit einem derben Aufschrecken einherging, kam endlich die Erlösung. Ohne Überlegen griff ich nach meiner Jacke, Schlüssel und Portemonnaie hatte ich längst darin verstaut. Ich öffnete die Haustür, gefolgt von Geräuschen, die sich mir umdrängend näherten, und alsbald ganz abrupt endeten. Ich blickte in Thorstens Gesicht. Ich erkannte sogar den Schleier aus Fröhlichkeit darauf, der eine Betrübnis überdecken sollte, doch in diesem Moment wollte ich es nicht erkennen. Noch ehe Thorsten ein Wort sagen konnte, hatte ich die Stufen hinter mir gelassen – und mir war es egal, dass die Haustür noch offen stand. Ich ging eilig an Thorsten vorbei in Richtung seines Autos. Ich würde mich betrinken! Und zwar so heftig, dass ich endlich mal eine Nacht durchschlafen konnte!

Andy!“, rief er mir nach, doch erst die folgenden Worte hielten mich auf: „Es tut mir leid. Mein Beileid, Kumpel!“

Für den Moment vergaß ich den Schrecken, der mich im Haus ereilt hatte, drehte mich zu Thorsten um: „Was meinst du?“

Na, du weißt schon!“, sagte er und senkte den Kopf, um meinem fragenden Blick auszuweichen.

Nein, weiß ich nicht. Lass uns fahren!“, wandte ich mich von dem Thema ab und von Thorsten ebenfalls, wenngleich ich eine Neugierde zugeben musste. Aber die Furcht trieb mich fort vom Haus.

Hör mal“, setzte er wieder an und machte keine Anstalten, mir zum Wagen zu folgen, „Ich weiß, du standest deinem Vater nicht sehr nahe, aber… es tut mir trotzdem leid. Klar?“

Nun wusste ich gar nicht mehr, was vor sich ging. „Mein Vater?“

Thorsten sah mich nachdenklich an, musterte mich von Kopf bis Fuß: „Weißt du es etwa noch nicht?“

Was denn?“, fragte ich nach, und seit dieser Frage, so glaube ich es jedenfalls, war meine Furcht vorm Haus verschwunden, „Was ist mit meinem Vater?“

Er ist…“, druckste Thorsten weiter rum, „Andy! Dein alter Herr ist vor drei Tagen verstorben!“

Ich weiß es noch genau, wie fassungslos ich vor ihm stand. Ich konnte es nicht glauben. Es mussten Minuten gewesen sein, viele davon, in denen ich nach einem Sinn in seinen Worten suchte. Tot? Das konnte doch nicht sein! Klar, er war ein alter Griesgram gewesen, hatte mich mehr als einmal vor den Kopf gestoßen und gedemütigt, wie ich es empfand. Aber… tot? Einfach so? Es gab zu viel, was sie einander gesagt hatten, und noch mehr, was sie einander nicht gesagt hatten.

Hat deine Mutter dir nichts gesagt?“, fragte Thorsten in die Stille hinein und riss mich aus diesen Gedanken, „Na ja, sie glaubt wohl nicht, dass du Interesse daran hättest, nach allem, was… Aber falls doch, die Beerdigung ist morgen.“

Eine Beerdigung? Klar, es musste stimmen, was ich hörte, und nun trieb es Trauer in mich. Ich kämpfte dagegen an, ließ dafür all die Wut der letzten Jahre wieder aufkommen, doch es wollte nicht gelingen. Meine Augen wurden feuchter.

Überstürzt eilte ich ins Haus zurück, hinein ins Bad im Erdgeschoss und stützte meinen schwer atmenden Körper auf das Waschbecken auf. Ich wollte nicht weinen. Ich wollte es nicht! Aber die Last war erdrückend und schwer.

Ich sah zum Spiegel auf, er war noch immer verdeckt. In dem Moment, das weiß ich noch genau, da erinnerte ich mich nicht mehr daran, warum er verdeckt war. Ich zog einfach das Tuch runter und erblickte den wabernden Nebel darin. Erst da erinnerte ich mich, doch es war mir egal, ich wollte, aus welchem Grund auch immer, mein Gesicht sehen! Und es war dort, errötet und mit Zweifeln in den Augen wurde es deutlicher und deutlicher, bis hin zu dieser Sekunde, da sich das Antlitz wandelte. Dieses Mal aber wandte ich den Blick nicht ab. Es machte mir Angst, wie ehedem, aber ich hielt den Blick gebannt darauf. Mein Puls raste, je mehr mein Antlitz verfiel, ich alterte vor meinen Augen, aber mit einem warmen Lächeln auf den Lippen. Ich schwöre es, bei allem, was mir lieb ist, ich selbst habe in jenem Augenblick nicht gelächelt. Ich konnte es gar nicht. Ich war es auch nicht, der da im Spiegel lächelte. Nein, es war mein Vater. Nach einer Weile hatte ich sein altes Gesicht erkannt, die weißen Haare, das eingefallene Gesicht, die trüben Augen, ein warmes Lächeln, wie ich es seit einer Ewigkeit nicht bei ihm gesehen hatte.

Mein Atem wurde schwerer, die Tränen nahmen ihren Lauf.

Thorsten stand hinter mir. Er war mir langsam ins Bad gefolgt und tröstete mich, als ich zu weinen anfing. Als die Tränen zu versiegen begannen und mein Blick klarer wurde, hob ich ihn zum Spiegel, doch niemals wieder entdeckte ich dort meines Vaters Gesicht. Die Geräusche verschwanden, der Nebel verließ mich endgültig.

(Ende)

zurück…

31. Oktober 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 15-20 Minuten; Genre: Grusel, Halloweengeschichte; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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