Weiher der Engel

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Vierzig Mannen waren es. Vierzig! Und keiner weniger!“, krächzte die alte Frau aus ihren schwachen Lungen. Kinder hatten sich vor ihr versammelt, sie saßen im Gras vor der alten Holzbank und lauschten seit einer halben Stunde der Geschichte Ulrikas.

Keiner von ihnen kehrte jemals zurück. Vierzig Mannen. Und sie sind allesamt verschwunden“, sprach Ulrika fort, „Akoa war der Weiseste von ihnen. Er brach auf, um die Geschehnisse am Weiher aufzuklären, doch auch er mit seiner Schläue kam nicht zurück. Uskil war der Stärkste von ihnen, doch auch ihn hat der Engel mühelos verschluckt. Und Hankos, der Schnellste von ihnen, auch er war mit seinen flinken Füßen nicht zurückgekehrt!

Der Engel, der dort im Weiher haust, hat vierzig Mannen in die Tiefen gezogen und ertränkt!“, sprach die Alte laut, sodass die Kinder erschrocken aufhorchten, „Einst, das ist wahr, da ist der Engel ein gütiges Geschöpf gewesen. Er lockte die Unglücklichen zu sich in den Tairawald, an die ruhigen Wasser seines Weihers, er lauschte ihrem Leide und Wehklagen, und wenn es in seiner Macht lag, da half er ihnen, lang ersehntes Glück zu finden. Mit der Zeit aber haben die Wehklagen den Geist des Engels vergiftet. Er hatte ihnen zu lange gelauscht und selten schöne Worte gehört. Meist hat man ihm sogar den Dank verwehrt. Einsam blieb er mit der Last der Unglücklichen in seinem Weiher zurück.

Und selbst Hakko, der Fröhliche, der mit Sing und Sang und Flötenklang zu ihm gewandert kam, vermochte es nach all der Zeit nicht mehr, den Engel aufzumuntern. Statt seinem Lied zu lauschen, verschlang der Engel ihn im Zorn.

Hakko war der erste von gar vierzig, die den Spuk des Weihers lösen mochten, oder ihren Mut an ihm erproben wollten. Doch höret gut, Kinder!“, erhob Ulrika warnend die Stimme und einen mahnenden Finger, „Lasst euch niemals zu ihm locken! Der Engel ist von Bosheit befallen, die Wasser seines Weihers zu einem Grab geworden, sein lieblich’ Lied ein falsches Spiel! Er labt sich an Verzweifelten, der Engel, der Unheilvolle! Er wird eure Wünsche und Sehnsüchte nicht erhören! Nur Verderben erwartet euch dort!“, Ulrikas Stimme war erhöht, zitterte mit jeder weiteren Warnung vor Furcht.

Die Kinder waren verstummt, mit großen Augen starrten sie erschrocken die alte Frau auf der Holzbank vor ihrer Hütte an. Erst als die Hand der alten Frau zu ihrem Schoß zurücksank und sich ihre Lider senkten, verging der Schrecken der Kinder.

Das verstehe ich nicht, Mütterchen“, sprach die kleine Anika.

Ulrika hatte für einen Moment die Augen geschlossen, um zur Ruhe zu kommen, denn wie immer hatte sie das Erzählen dieser Geschichte aufgeregt: „Was meinst du, Kindchen?“, fragte sie mit ruhiger kratziger Stimme.

Mein Papa“, begann Anika, „der hat mir erzählt, dass Engel ganz lieb sind. Sie tun nichts Böses!“

Als die anderen Kinder das hörten, stimmten sie dem Mädchen zu, denn auch sie hatten von ihren Eltern gehört, dass Engel nichts Arges im Sinn hatten.

Nun, was lieb ist, kann auch Böses tun“, sprach Ulrika, „Ihr Kinderchen seid auch ganz lieb. Trotzdem haben Miko und Ankwar gestern böse Streiche gespielt!“

Ein Lachen ging in der Runde um, denn die beiden Jungs fanden ihre Streiche gar nicht arg, sondern äußerst amüsant. Und das, obwohl sie mit ihrem Streich einen Hühnerstall zerstört hatten. Es hatte die Leute im Ort den ganzen Tag gekostet, die entflohenen und aufgeschreckten Hühner einzufangen.

Kodan hatte von den Streichen gehört. Dennoch, den Kindern hatte man verziehen. Sie waren schließlich Kinder, und ein jeder im Ort hatte als Kind so manchen Streich gespielt. Er lauschte dem Lachen der Kleinen, das ihn für einen kurzen Moment fröhlich stimmte. Der Weiher, an dem der Engel hauste, ja, die Geschichte erzählten alle Alten im Dorf den Kindern. Kodan hatte sie damals auch zu Hauf gehört, geliebt wie gefürchtet, doch eine wirksame Warnung waren ihm die Geschichten gewesen. Zu seiner Zeit – das war höchstens zehn Jahre her – erzählte man jedoch auch, dass der Engel zu manchen Wandernden freundlich war, trotz allem, was man ihm Schreckliches nachsagte.

Kodan seufzte.

Den Blick zu dem Reigen der Kinder hebend trafen sich seine Augen mit Ulrikas. Die alte Frau hatte ihn bemerkt, wie er am Zaune stand und der Geschichte voll des Wehmuts gelauscht hatte. Ihr Blick war bohrend wie ein Pfeil, der in der Zeit verharrte, langsam durch das Fleisch sich reckte. Verachtung lag in den müden alten Augen.

Kodan fühlte sich sogleich ertappt, denn er hütete ein Geheimnis, von dem niemand wirklich wusste, das aber die meisten zu erahnen schienen. Wut schlich in seinen angespannten Körper. Was ging es auch die Alte an? Sie sollte sich lieber um ihre eigenen Belange kümmern!

Kodan hob den schweren Mehlsack an, den er vorhin bei der Mühle abgeholt hatte, machte auf dem Absatz kehrt und wanderte verärgert den Weg durchs Dorf entlang.

Es herrschte reges Treiben: Hier und da unterhielten sich die Leute, dort wurde gearbeitet, und an anderer Stelle ging man schweigsam seiner Wege. Die Blicke der Menschen fielen mit Verächtlichkeit auf Kodan. Alle Nachbarn sahen ihn finster und empört an, mieden, ihm zu nahe zu kommen, mit ihm zu sprechen oder ihm den Rücken zuzudrehen, als ob sie Schlimmes erwarteten.

Da wandelte sich seine Wut. Ein Gefühl des Unwohlseins durchstreifte Kodans Glieder und sammelte sich in seinem Herzen. Er wusste, sie hatten seine Lüge erkannt! Sie waren wütend darüber, glaubten ihm die falschen Worte nicht. Dennoch, Kodan schwieg. Wenn er die Wahrheit sagte über jenen Vorfall, dann musste er gleichsam zugeben, alle darum belogen zu haben, und das wagte er nicht. Er fürchtete sich davor, noch mehr als vor den eisigen Blicken der Nachbarn, die all sein übles Reden längst durchschaut hatten. Ja, sie ahnten etwas! Dabei war sich Kodan sicher gewesen, dass er sein schlimmes Geheimnis wohl gehütet hatte. Abermals, wie so oft in den vergangenen Tagen, fragte er seine Erinnerung, womit er sich verraten und den Unmut des Dorfes auf sich gezogen haben konnte. Sie wussten alle, tief in ihren Herzen, dass Kodan um diese eine Sache gelogen hatte. Vermutlich war es nur ein Gefühl, das die Menschen beschlichen hatte, denn es gab keine Möglichkeit, dass sie die wahrhaften Ereignisse kennen konnten. Und so lange sie nicht wussten, was wirklich passiert war, würde Kodan weiterhin schweigen. Die Angst war ihm zu groß.

Seufzend beschleunigte er seinen Gang, um zügig am Elternhaus anzukommen und sich vor den Blicken der Menschen zu verstecken. Bald hatte er das Haus der Eltern erreicht. Er bog in die Aussparung des Zaunes ein und folgte dem plattgetrampelten Grund bis zur Haustür. Mit klopfendem Herzen ließ er den Sack auf der Türschwelle sinken und befreite die angestaute Luft aus seinen zugeschnürten Lungen. Irgendwann, das glaubte er ganz fest, da würde diese Sache vergessen sein. Wenn keiner darüber sprach, wenn er nicht darüber sprach, dann würde es irgendwann so sein, als wäre niemals etwas passiert.

Das beklemmende Gefühl ließ allmählich ab von ihm. Er schloss für einen Moment die Augen, seufzend, erschöpft von der Anspannung. Die Arme ließ er baumeln. „Durchhalten!“, flüsterte er zu sich selbst, ehe er die Schritte hinter sich vernahm. Die Augen öffnend drehte er seinen Leib um und erkannte auf dem Pfad zum Haus seine liebe Mutter. Sie trug zwei schwere Eimer mit Wasser, das sie vom Dorfbrunnen geholt hatte. Kodan sah ihr in die dunklen Augen. Sie leuchteten einen kurzen Moment auf, als Zilika ihren Sohn erkannte, ein Lächeln umspielte ihren schmalen Mund.

Auch seine Mutter hatte Kodans Lügen erkannt. Er wusste das. Er erkannte es an Zilikas Blick, der freundlich wirkte, warm sein wollte, aber die großgewachsene Frau konnte ein Seufzen nicht verhindern. Es kam ganz sacht aus ihrem Munde heraus, verfehlte nicht die Wirkung auf Kodan. Er wandte den Blick ab.

Zilikas schwere Schritte ertönten, hielten neben Kodan an und dort setzte sie die Eimer ab. „Du hast das Mehl geholt, wie ich sehe. Gut!“, sprach sie mit ruhiger Stimme, um ihren Sohn damit aufzumuntern.

Aber Kodan hob den Mehlsack an, murmelte ein Ja und verschwand im Haus.

Am Abend saß Kodan auf der Bank vor der Hütte und blickte in den dunkler werdenden Himmel, der allmählich sein abendrotes Licht verlor.

Er lenkte seinen Wehmut ab, indem er sich Gedanken zu der Geschichte um den Weiher machte. Damals hatte die alte Kirsa ihm die Mär erzählt. Anders als bei Ulrika, hatte Kirsa von der Gnade dieses Engels erzählt, die jedem wahrhaft Verzweifelten anheim wurde. Nichtsdestotrotz hatte auch Kirsa davor gewarnt, dem Weiher zu nahe zu kommen, ein Spiel mit dem Glück hatte sie es genannt, denn man sollte die Laune des Engels niemals voraussagen können.

Kodan hatte Geschöpfe wie den Engel noch nie mit eigenen Augen gesehen, er kannte sie nur aus den Geschichten. Die Geschichte um den Weiher war alt, keiner hatte je beweisen können, dass der Engel tatsächlich existierte. Schließlich wagte sich nur selten jemand dorthin, und nie kam einer zurück, um berichten zu können.

Doch wenn es stimmte? Kodan überlegte, welche Variante der Geschichte wohl die richtige sein mochte. Wenn der Engel noch immer am Weiher lebte und gnädig sein konnte, womöglich würde er ihm dann helfen? Wenn er hinginge, mit seinem tiefen quälenden Gefühl der Reue, dann würde es der Engel ihm vielleicht glauben. Denn, obwohl Kodan am liebsten einfach Gras über die ganze Sache wachsen lassen wollte, vermisste er die Zeit, da seine Nachbarn ihn voll Freude gegrüßt und seine Gegenwart geschätzt hatten. Ein unheilvolles Ereignis hatte sie allesamt gegen ihn aufgebracht. Er hatte dazu seine Geschichte erzählt, eine erlogene, fürwahr, doch er hatte zutiefst gewünscht, man mochte ihm diese eine Falschheit einfach glauben, damit er die Wahrheit nicht preisgeben musste. Er hatte sich für alles so sehr geschämt, nachdem es passiert war. Er wollte nicht, dass irgendwer von seinen Verfehlungen erfuhr, hatte geschwiegen. Er hatte damals sogar alles vertuschen und verheimlichen wollen, doch dann waren die Schritte und Rufe zu hören gewesen, die den Geräuschen seiner Missetat gefolgt waren. Er war in Panik geraten, hatte, ohne sich selbst halten zu können, eine Lüge erfunden, die ihn unschuldig und sogar mutig erscheinen ließ. Zuerst hatten die Leute ihm geglaubt, Kodan hatte sich in Sicherheit gewähnt, doch im Laufe der Zeit – es war drei Wochen her – da hatte man Zweifel an seiner Geschichte gefunden. Nichts, was eine Lüge bewiesen hätte, ein Gefühl vielmehr, wie gesagt.

Ein tiefes reumütiges Seufzen erklang und zog hinauf in den Nachthimmel, der seine Arme nach dem letzten Rest des Tageslichtes reckte. Kodan war zornig, erst auf die anderen, weil sie ihn durchschaut hatten, dann auf sich selbst, weil er aus Scham alles verlieren würde, was ihm wichtig war.

Vielleicht sollte er es wagen? Vielleicht sollte er zum Weiher hingehen und den Engel um ein Wunder bitten, das diese blöde Sache für alle vergessen machte. Er wollte, dass alles so wurde, wie es vorher war, er wollte wieder akzeptiert und gemocht werden, doch dafür stand ihm diese Lüge im Weg.

Mit einem tiefen Atemzug stand Kodan auf. Ja, er würde sein Glück beim Engel versuchen. Schließlich empfand er tiefe Reue im Gegensatz zu den besungenen Gestalten aus der Geschichte, die nichts weiter als Ruhm beim Engel suchten. Er wollte glauben, dass der Engel, falls es ihn wirklich gab, seine Not erkennen, ihn erhören und ihm helfen würde. Denn so hatte man es ihm erzählt: Engel sind gütige Gestalten!

Er zupfte die Lederweste über dem beigegelben Hemd zurecht, stand auf von der Holzbank und verließ den Hof durch die Aussparung im Zaun. Stapfend folgte er dem Weg, der nahe seinem Elternhaus aus dem Dorf hinaus auf die Felder und Wiesen führte. Nicht allzu weit entfernt erreichte er den Waldrand. Der Twan Tairing, der meist nur Tairawald genannt wurde. Er war, obgleich er ein riesiger und dichter alter Wald sein mochte, in dieser Gegend noch jung. Viele der Bäume hatten sich zu Zeiten seiner Großeltern erst in den Himmel gehoben und viele der alten Wiesen zerstört.

Ehe Kodan den jungen, im Wind rauschenden Hain betrat, sah er hinauf zu den Sternen, die nur gelegentlich von grauen Wolken verdeckt waren. Der abnehmende Sichelmond schien unbekümmert zu ihm hinunter.

Es war egal! Ja, dachte Kodan, es war egal, ob der Weiher und der Engel darin tatsächlich existierten! Er konnte den Weg wagen, denn er hatte nichts zu verlieren. Wenn der Engel dort war und ihm half, so würde er seine Probleme auf einen Schlag lösen können. Und wenn er ihn dort nicht fand? Wer weiß? Womöglich könnte er die Geschichten der Alten damit widerlegen und den Menschen im Dorf Mut machen, zum Weiher zu gehen. Sie würden ihn als mutigen Helden feiern und alles wäre vergessen!

Aber was, wenn der Engel dort war und ihn verschluckte? Wenn er es nicht wagte, diesen Weg zu gehen, so würde er seine Heimat in Schande verlieren und fortgehen müssen. Oder, falls niemand seine Lügen aufdeckte und er weiterhin schwieg, so würde er ein furchtbares Leben mit diesem trüben Gewissen führen müssen. Der Weiher war eine Möglichkeit, eine stille Hoffnung!

Nun hatten sich Kodans Augen an die aufgekommene Dunkelheit gewöhnt, er konnte in Nuancen aus Grau den Pfad erkennen und die schlanken Stämme der Bäume. So machte er sich auf in den Wald, wanderte unruhig, aber konzentriert den Pfad entlang, der tief hinein in den Wald führte, wo die uralten Baumriesen standen, bis hin an den Platz, wo man dem Hüter des Waldes, einem riesenhaften Hirsch, immerzu huldigte, damit er die Jagd der Menschen absegnete. Kodan war schon oft dort gewesen, hatte zusammen mit seinen Eltern Gaben aus Früchten und Milch dargebracht, um die Gunst des Hirsches zu erlangen. Niemals war den Menschen Unheil widerfahren und niemals hatte sich der Wald gegen sie gewendet.

Es war ein schmaler Trampelpfad, der vielmals unterbrochen war von wucherndem Kraut. An einem alten Wegekreuz würde Kodan den Pfad zum Opferplatz verlassen müssen. Einst führte von dort ein Pfad zum Weiher hin, doch seit er als unheilvoll galt, war der Weg im Wuchs des Waldes verblichen. Keiner konnte heutzutage sagen, ob am Ende dieses Weges tatsächlich dieser Weiher lag. Und seit vielen Jahren mochte keiner so viel Mut aufbringen, es heraus zu finden. Das Wegekreuz hatte man stehen lassen. Es war eine Warnung an ihm angebracht worden, damit Reisende nicht unwissentlich zum Weiher und in ihr Verderben gingen.

Kodan hielt inne, als er die düstere Silhouette des Wegekreuzes erkannte. Furcht war ihm in den Wald gefolgt und hatte ihn nun eingeholt. Sie klammerte sich mit festem Griff an seinen frierenden Körper, flüsterte in seinen Geist hinein, ob es nicht einen Grund gäbe, um zu kehren. Und Kodan dachte prompt an einen Grund: Ein Opfer! Wenn er dem Engel etwas brächte, so würde er ihm seine Gunst mit Sicherheit nicht verwehren!

So machte er Kehrt, verließ den Tairawald mit zügigen Schritten auf die Wiesen und die urigen Felderlein. Die Furcht hatte er am Wegekreuz zurückgelassen. Jetzt war er so weit von ihr entfernt, dass er sie nicht mehr spüren konnte.

Als Kodan den elterlichen Hof erreicht hatte, war es schon mitten in der Nacht. In den Fenstern erkannte er Licht, also waren seine Eltern noch auf. Er war gerade an der Haustür angekommen, da wurde sie von innen geöffnet. Eik, sein Vater, stand verdutzt da und sah seinem Sohn in die Augen. „Was machst du so spät noch draußen?“, fragte er verwundert.

Ich saß noch da und dachte nach. Aber… ich wollte jetzt zu Bett gehen“, antwortete Kodan, wissentlich vermeidend, jemandem von seinem Vorhaben zu erzählen. Die Älteren im Dorfe – und davon waren seine Eltern nicht ausgenommen – glaubten alle, dass es den Engel tatsächlich gab.

Eik sagte darauf nichts, er merkte ebenfalls, dass sein Sohn etwas verheimlichte, aber er schwieg. Der dunkelhaarige Mann mit dem gepflegten Bart ging einen Schritt zur Seite, sodass Kodan an ihm vorbei ins Haus gelangen konnte, und brachte den leeren Eimer vor die Tür, den er in einer Hand hielt und der Kodan zuvor nicht aufgefallen war.

In der Stube erkannte er Zilika, die auf einem Stuhl am Esstisch saß. Drei Räume schlossen an die Stube an, waren durch dünne Wände aus Holz abgetrennt und durch leichte Türen betretbar. Einer dieser Räume war Kodans Zimmer, ein Anbau, den Eik errichtet hatte, als Kodan dreizehn Jahre alt war.

Kodan seufzte. Womöglich bereuten seine Eltern bereits, sich so viel Mühe mit ihm gemacht zu haben. Eine Schande war er ihnen geworden.

Er verschwand in seinem Zimmer, denn er wollte erst dann das Haus zum Weiher verlassen, wenn seine Eltern es nicht merkten. Mit einem Stuhl setzte er sich neben die Tür und lauschte auf die Geräusche des Hauses. Er überlegte bereits, was er dem Engel als Gabe mitbringen konnte. Er wusste, sie hatten noch Käse im Haus, doch der war zurzeit sehr schwer zu bekommen, weil der Molkereimeister sehr plötzlich gestorben war und seine Töchter und sein Sohn noch keine Meister waren, um reichlich Käse und andere Dinge herzustellen. Die Vorräte waren den Molkereigesellen vor drei Tagen ausgegangen

Den Käse konnte Kodan fürwahr nicht ohne Erlaubnis nehmen. Aber Milch hatte die Familie reichlich im Hause! Ziegenmilch, von der sie mit Sicherheit ein kleines Fass entbehren konnten.

Was ist nur mit dem Jungen?“, ertönte leise die Stimme seines Vaters. Kodan legte die Gedanken beiseite, um angestrengt lauschen zu können. „Seit drei Wochen verhält er sich schon so. Wann wird es enden, Zilika?“

Ein Stuhl wurde über die Dielen gezogen, ein Knarzen folgte kurzauf: „Er verschweigt etwas“, sprach Zilika.

Sicher! Das ist mir aufgefallen“, erwiderte Eik, „Irgendetwas betrübt ihn. Aber er will nicht reden.“

Einen Moment lang lag Stille über dem Haus.

Die Nachbarn sagen, es hat mit dem Vorfall zu tun!“, sprach es Zilika bald aus.

Dazu hat Kodan alles erzählt. Warum sollte er deswegen noch betrübt sein?“, wollte der Vater verdutzt wissen.

Der alte Emko vom Hof auf dem Hügel sagt, Kodan habe nicht alles erzählt. Seither flüstern die Nachbarn, sie tuscheln! Sie fragen sich schon, ob er gelogen hat!“

Gelogen?“, fragte Eik verwundert nach, ein Zorn klang in seinen Worten mit.

Du weißt doch, wie’s ist! Wenn die Alten zweifeln, dann reden die Leut’.“

Kodan hat erzählt, was passiert ist!“, entfuhr es nun dem Vater, „Die Leute sollten sich schämen! Ich will morgen zu Emko auf den Hügel gehen und die Sache klären. Für jetzt, lass uns schlafen gehen, Zili, Schatz. Es war ein langer Tag.“

Noch lange saß Kodan auf dem Stuhl neben der Tür, rührte keinen Muskel, damit keiner seine Wachsamkeit bemerkte.

Es stimmte also! Die Leute sprachen schon davon! Sie wollten seine Geschichte nicht mehr glauben. Eigentlich hatte er zur Vernunft kommen und die Idee, an den Weiher zu gehen, begraben wollen, aber jetzt hatte sich eine tiefe Angst in ihm eingenistet. Und Scham hatte sich dazugesellt. Seine Befürchtungen waren nun bestätigt, also hatte er keine Wahl mehr, als einen Ausweg zu finden.

Ein letztes Mal lauschte er den Klängen des Hauses, um sicher zu sein, dass seine Eltern schliefen.

Behutsam öffnete er die Tür, schlich horchend auf Geräusche zum Vorratsschrank, nahm dort ein kleines Fässchen mit Milch heraus. Das Fässchen stieß in der Dunkelheit gegen die Schranktür.

Kodan hielt inne in den heimlichen Bewegungen, lauschte, ob seine Eltern das Geräusch wahrgenommen hatten, doch es blieb still im Haus.

Erleichtert schlich Kodan mit dem Fässchen zur Tür und verließ alsbald unbemerkt das schlummernde Elternhaus.

Abermals fand sich Kodan am Waldrand wieder. Dieses Mal konnte er den ersten Schritt nicht so leichtfertig setzen, denn die Worte der Eltern hallten in seinem Kopf wider wie ein unangenehm lautes Echo.

Er konnte die Bestürzung in ihren Stimmen deutlich hören, wie ein Lied, das von Enttäuschung klagte.

Er hob den Kopf, reckte die Augen in den Sternenhimmel hinein. Funkelnd und glitzernd wie ein fernes Meer. Der Mond erstrahlte in seiner dürren Sichelform, ausgehungert wirkte er, und doch thronte erhaben sein Licht am Himmelszelt.

Kodan atmete tief ein, setzte den ersten Fuß in den Hain der jungen Bäume und ließ die festgehaltene Atemluft erst wenige Schritte weiter frei. Als eisig zitternder Nebel verließ die Luft seine Lungen, während Kodan tiefer und tiefer dem Pfad durch den Tairawald folgte.

Bald darauf erreichte er das alte Wegekreuz, an dem er zuvor die Furcht vor dem Weiher zurückgelassen hatte. Sie hatte offenbar auf Kodan gewartet und umschloss ihn gleich mit weit ausgebreiteten Armen. Erneut begann sie, zu ihm zu flüstern, er möge umkehren, Unheil und Gefahr lauerten auf seinem Weg. Doch Kodan ließ ihre Worte dieses Mal verhallen und so wurde sie ein stummer Begleiter.

Kodans frierende Schritte folgten langsam dem verwilderten Pfad, seine Augen waren angespannt, denn unter dem Wildwuchs und in der Dunkelheit der Nacht war der Pfad sehr gut versteckt.

Er führte weit sich schlängelnd durch älter werdende Bäume, bis er endlich auf eine kleine Lichtung traf. In einer Senke glitzerten die Wasser eines kleinen Weihers, an dem ein fauliger, morscher Steg halb zerfallen lag. Wenige niedrige Stufen aus Holz waren in die Erde zu Kodans Füßen eingelassen. Sie führten in die steilwandige, wenig tiefe Senke hinab.

Kodan ließ den erstaunten Blick schweifen, die Furcht löste ihre Umklammerung, so malerisch wirkte der verlassene Ort auf ihn. Dennoch, sie begleitete seine zaghaften Schritte die Stufen hinunter ans Ufer des Weihers.

Dort setzte er sich im kalten Gras nieder, stellte das Fässchen vor sich hin und sprach: „Werter Engel, erhöre mein Flehen. Ich habe Unrecht getan, gelogen habe ich und alle durchschauen es. Ich bereue meine Lüge, doch ich wage nicht, sie preiszugeben. Ich fürchte mich. Bitte, hilf!“

Stille umspielte die Nacht. Keine Antwort kam.

So wiederholte Kodan sein Flehen. Als er abermals keine Antwort erhielt, da erzählte er von der Wahrheit, die er mit seiner Lüge verborgen hatte.

Langehin erhielt er keine Antwort. Wie die Stunden so vergangen, da knackte es hin und wieder im Geäst. Kodan erschrak jedes Mal. Und ein Knurren ertönte, ungewöhnlich laut und nah zog es an ihm vorüber, ohne dass Kodan herausfand, woher es stammte. Auch dabei erschrak er, doch als der Morgen kam, war ihm kein Unheil geschehen. Er blieb dort sitzen mit dem Fässchen, sodass die Furcht ihn wieder umklammerte, doch wärmen konnte sie ihn nicht. Sein Körper war kalt geworden, zitterte unnachgiebig, aber Kodan stand nicht auf. Er starrte in die Wasser hinein, hoffte, es würde sich der Engel in der Oberfläche zeigen.

Als die Sonne ihr Licht auf dem Weiher tanzen ließ, da erkannte Kodan voll der Verzauberung eine Bewegung. Ein Gesicht erschien unter der Oberfläche, lächelnd und warm, mit freundlichen Augen. Schon bald erhob sich eine Gestalt, Hände reckten sich nach Kodan, stießen plätschernd aus dem Wasser zu ihm hinauf.

Die weibliche Gestalt legte ihre nassen Hände auf seine Wangen, streifte sie um sein Haupt und durch sein ungekämmtes Haar.

Er wehrte sich nicht, verzaubert vom Anblick ihres lieblichen Gesichtes.

Ihr Griff wurde fester, zog Kodan mit Gewalt in die Wasser des Weihers hinab.

Ein lautes Platschen war zu hören.

Dann legte sich eine Stille über den Wald.

 

(Ende)

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06. Juli 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 11-18 Minuten; Genre: Fantasy, High Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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