Wichtelgeheimnisse

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In einem kleinen Städtchen standen Reih an Reih viele Häuser. Der Winter war vor wenigen Tagen über sie hereingebrochen und hatte eine Decke aus Schnee über die Dächer, die Gärten, die Auffahrten und die Straßen gelegt.

In einem dieser Häuser erwachte der spitznasige Wichtel Hammok aus seinem traumlosen Schlaf. Ja, ein Wichtel war er! Kaum größer als eine Maus, aber er lief auf zwei Beinen, trug schwarze Schuhe, einen grünen Pullover unter roter Weste, eine gute Hose und, am wichtigsten von allem, eine rote Zipfelmütze auf dem Kopf. Wie alle Wichtel lebte er in den Wänden und Zwischenböden des Hauses und empfand das höchste Glück dabei, in aller Heimlichkeit den Menschen dieses Hauses Freuden zu bereiten.

In fünf Tagen sollte das schönste aller Feste, das Weihnachtsfest, gefeiert werden, und dafür schickten sich die Wichtel an, den Menschen bei allem zur Hand zu gehen, heimlich selbstredend, denn ihr höchstes Gebot war es, unbemerkt zu bleiben. Doch ehe der stressige Vorweihnachtstag heranbrach, hatte Hammok Zeit für sich und für die Muße, in tiefdunkler Nacht am Fenster des Hauses zu sitzen und in den stetig fallenden Schnee zu blicken. Gegen Mitternacht klarte der Himmel auf. eigentlich wollte Hammok verträumt dem zauberhaften Schneefall zuschauen, also beschloss er jetzt, nachdem dieser geendet hatte, zu Bett zu gehen.

Er stand auf von dem Kissen, auf das er sich abends immerzu an einem der Fenster setzte, nahm es in die Hand und musste vor Müdigkeit gähnen. Einen letzten Blick ließ er hinausfallen: Die weiße Schneedecke schien ihm von Tag zu Tag dicker zu werden. Nun ließ er den Blick hinauf in den Himmel schweifen, um sich die Sterne anzusehen, doch auf halbem Wege entdeckte er etwas sonderbares, was seine ganze Aufmerksamkeit einfing: Ein Licht flackerte in rotgelben Tönen hinter einem Fenster des Dachstuhls drüben im Nachbarhaus. Seltsam fand er das, denn schließlich stand dies alte Haus seit vielen Jahren leer! Die einzigen, die dort ab und an einkehrten, waren die Maklerin und ihre Gäste. Doch die Menschen aus Hammoks Haus hätten sich bestimmt über neue Nachbarn unterhalten und dann hätten es die Wichtel auch mitbekommen.

Hammok stand noch lange da und beobachtete das Licht. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, und obwohl seine Neugierde in vollendeter Fülle geweckt war, beschloss er wegen seiner Müdigkeit, nun doch zu Bett zu gehen.

Am nächsten Morgen – es war bereits Mittag, um genau zu sein – wachte er dort im Zwischenboden des Wohnzimmers auf und wenngleich er von einer Schneeballschlacht geträumt hatte, verblasste die Erinnerung daran sehr schnell, denn das sonderbare Licht im Dachstuhl des Nachbarhauses verdrängte sie. Noch immer mochte ihm nichts einfallen, was dies eigenartige Leuchten erklären könnte.

Hammok!“, sprach ein Wichtel, der ihn zufällig beim Aufwachen bemerkt hatte, „Na, du hast heute aber lange geschlafen!“

Hammok sah mit verschlafenen Augen zu ihm hin: „Recht hast du! Sag mal, weißt du etwas von neuen Bewohnern im alten Haus?“, fragte er, denn womöglich, ja, womöglich hatte er es nur noch nicht mitbekommen.

Im Nachbarhaus? Da wohnt doch schon lange keiner mehr!“, antwortete der andere Wichtel und so wollte Hammok das nächtliche Phänomen als eines seiner Einbildung geschuldetes abtun.

Dennoch hielt ihn der Gedanke daran den ganzen Tag auf Trab, sodass er sich nach Sonnenuntergang an dasselbe Fenster auf sein rotes Kissen setzte und das Dachstuhlfenster nebenan nicht aus den Augen ließ.

Gegen elf Uhr abends, als Hammok die Hoffnung beinahe aufgegeben hatte, flackerte das rotgelbe Licht dann doch auf.

Langehin beobachtete er es, aber es geschah nichts weiter, was er vom Fenster aus hätte sehen können, als dass das Licht zwei Stunden später wieder erlosch. Jedem erzählte er am nächsten Tag von dem Phänomen und fragte, ob man sich eine Erklärung dafür denken könnte, aber keiner mochte ihm diese Geschichte so recht glauben und keiner – falls man denn versuchte, ihm zu glauben – konnte sich einen Reim darauf machen.

Nach Sonnenuntergang saß er wieder an derselben Stelle am Fenster und beobachtete das Nachbarhaus. Gegen elf Uhr, wie am Abend zuvor, flackerte das Licht auf. Keine Einbildung! Nein! Es war tatsächlich da, denn selbst das wildeste Reiben in seinen Augen ließ das Licht nicht verschwinden. Und so beobachtete er es auch an den folgenden zwei Abenden. Es konnte unmöglich nur Einbildung sein!

Nun brach der Tag des Heiligabends an. Hammok hatte in der Nacht kaum geschlafen, denn er hatte einen sehr wichteluntypischen Entschluss gefasst und war darob so aufgeregt, dass er stundenlang wach gelegen und sich Gedanken zu diesem Plan gemacht hatte. Ja! Er wollte am heutigen Abend, obgleich die Menschen heute ihr Fest begehen würden, dies Phänomen ergründen, das ihm keine Ruhe lassen wollte. Er wollte das Haus verlassen, was unter Wichteln schon selten passierte, und in den Nachbargarten schleichen, um in das leerstehende alte Haus zu gehen, was für einen Wichtel ganz und gar untypisch war, und darüber hinaus wusste Hammok von keinem, der dies je gewagt hätte. Darum machte ihn sein Plan auch derart ruhelos.

Am Morgen stand er auf. Die Hektik der Wichtel vom gestrigen Tage, als sie, wie es üblich war bei Wichteln, die Christbaumspitze und die Weihnachtskugeln am Baum poliert, die Flügel der Engelfiguren gebürstet, die Leitungen des Hauses geprüft, die Einrichtung gereinigt und viele kleine Leckereien an besonderen Plätzen im Haus als Überraschungen verteilt hatten, all diese Aufgaben und viele mehr hatten die Rotbemützten so müde gemacht und erschöpft, dass sie noch bis in den Mittag hinein schliefen.

Nur Hammok war schon am Morgen in aller Früh aufgestanden, hatte sich eine Tasche genommen, sie mit Vorräten gefüllt und sich in den Garten begeben. Oben auf dem Gartenzaun, der die Grundstücke voneinander trennte, hatte er stundenlang auf die verlassene Stätte gespäht. Abgesehen vom Schnee, der heute wieder aus dunklen Wolken niederging, entdeckte er keine Bewegungen oder Regungen. Auch hinter den Fenstern des Hauses hatte er nichts beobachten können. Dennoch fehlte ihm noch bis zum Einbruch der Nacht der Mut, auf der anderen Seite des Zauns hinabzusteigen.

Als die Nacht ihm nun aber schützende Schatten geschickt hatte, suchte er an der Hauswand des alten Gebäudes einen Zugang. Zu seinem Pech verhielt es sich mit Wichteltüren aber so, dass man sie nicht sehen konnte. Man musste wissen, wo sie waren! Und wie sollte er das bei einem fremden Haus wissen?

Auch die Fenster und Türen der Menschen waren verschlossen und so verlor Hammok nach wenigen Stunden die Zuversicht, dass er ins Haus hineingelangen könnte. Bald entschied er denn, den Rückweg anzutreten und am nächsten Tag mit Werkzeug wieder zu kommen.

Zu blöd aber auch!“, fluchte er, „Warum habe ich nicht an Werkzeug gedacht?“

Als er den Zaun erreicht hatte und einen Weg hindurch suchte, hörte er auf Mal Geräusche, wie sie schwere Schritte in tiefem frischem Schnee verursachten. Er hielt inne und horchte, ob er nicht selbst diese Geräusche gemacht hatte, doch nun hörte er, dass sie von Ferne kamen und viele waren, mehr als zwei Füße sie machen konnten. Irgendwer stapfte über das verlassene Grundstück nahe beim Zaun.

Hammok nahm all seinen Mut zusammen und folgte den Geräuschen. Bald erkannte er eine Gruppe aus drei Gestalten, die mit Umhängen vermummt waren, nicht größer als er selbst und sich in Richtung des alten Hauses begebend.

Leise, schleichend folgte Hammok der Gruppe. Er erspähte eine alte Wichteltür, durch welche die drei Vermummten das alte Haus betraten, und folgte ihnen weiter hinein. Durch alte, halb zerfallene und dreckige Tunnel in den Wänden stieg die Gruppe bis in den Dachstuhl hinauf, wo sie sich in einen Kreis aus Kerzen setzte, die Dochte anzündete und sich den Papieren widmete, die hier gestapelt waren. Sie sprachen miteinander, aber zu leise, als dass Hammok etwas verstehen konnte.

Als er näher kommen und erkennen wollte, was die drei dort trieben, da stolperte er über ein staubiges Objekt und wurde bemerkt. Die drei Vermummten erschraken, kamen aber sofort herbeigelaufen und stellten sich um Hammok herum auf.

Hammok!“, meinte eine sehr vertraute Stimme unter dem Umhang.

Die Gestalt entblößte ihr Gesicht und da geriet der Wichtel in arges Staunen: „Hamlin?“, wunderte er sich, „Ältester, was machst du hier?“

Nun entblößten auch die anderen Gestalten ihre wohl vertrauten Wichtelgesichter.

Nun, da du unser heimliches Tun entdeckt hast, wollen wir dich einweihen, Hammok. Komm mit!“, sprach der Älteste ertappt.

Sie gingen zu den Kerzen. Dort zeigte Hamlin dem spitznasigen Wichtel die Papiere.

Was ist das alles?“, fragte Hammok.

Es sind Pläne für dieses Haus, mein Lieber. Wir haben die Idee gehabt, es ein wenig auf Vordermann zu bringen, damit bald wieder Menschen einziehen wollen. Es ist viel Arbeit und viel Planung nötig, aber es wäre so schade um dies schöne Haus!“

Hammok war gleich Feuer und Flamme für das aufregende Projekt, doch eines verstand er noch nicht: „Wozu die Heimlichtuerei? Warum soll keiner davon wissen?“

Wir wollten das Geheimnis erst nach Weihnachten aufdecken, schließlich sollen die andren das Fest genießen. Und wir wollen vorher sicher gehen, dass die Mühen auch lohnen. Das Haus ist schließlich schon sehr alt und wird kaum gepflegt.“

Und auch diese Idee gefiel Hammok: „Ihr habt mein Wort, Freunde, ich werde schweigen!“

So konnte er die Aufregung ob des geheimnisvollen Lichtes beiseite legen und sich vollends am nächtlichen Feiern im Wichtelbau erfreuen.

(Ende)

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24. Dezember 2018; Autor: Bonnie C. Elgengard; Lesezeit: ca. 5-7 Minuten; Genre: Weihnachtsgeschichte, Fantasy; Lizenzvereinbarung: CC-D 3.0 Cc-by new.svgCc-nc.svgCc-sa.svg by-nc-sa

 



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